Der Einzelhandel hat um die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten energisch gestritten. Nun stellt die Branche fest, dass sich der Kampf kaum gelohnt hat - und entwickelt neue Shoppingkonzepte.

Die Flasche Wein für die spontane Party oder Wurst und Brot für den spät heimkehrenden Berufstätigen - rund zwei Jahre nach der Liberalisierung des Ladenschlusses nutzen vor allem Lebensmittelläden die Freiheit, auch bis spät in die Nacht zu öffnen.

Von grenzenlosem Konsum und Shoppen rund um die Uhr kann allerdings kaum die Rede sein. Nach ersten Experimenten schließen viele Einzelhändler sogar wieder früher.

Auch von klingenden Kassen sprechen nur wenige. Trotzdem berichtet der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) von 60.000 neuen Arbeitsplätzen seit der Freigabe der Ladenöffnung.

"Unseriöse Zahl

Doch diese Zahl wurde von der Gewerkschaft Verdi bereits als unseriös bezeichnet. Auch Einzelhandelssprecher zeigten sich skeptisch über dieses angebliche Jobwunder. Nach Verdi-Berechnungen sind im Einzelhandel vom Jahr 2006 zum Jahr 2007 lediglich 12.000 neue Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Und etwa die Hälfte davon sind Minijobs, wie die Gewerkschaft kritisiert.

"Immer weniger Menschen arbeiten vollzeit im Einzelhandel", klagt die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane. Im Zeitraum 2002 bis 2007 hat Verdi zudem einen Stellenrückgang um 2,3 Prozent festgestellt, wie Mönig-Raane betont.

War die Liberalisierung der Ladenschlusszeiten daher ein Miserfolg? "Die von Gegnern befürchtete uferlose Ausdehnung der Ladenöffnung ist ausgeblieben", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Die Unternehmen machten vom flexiblem Ladenschluss nur dort Gebrauch, wo die Kunden es nachfragten. HDE-Umfragen zufolge öffnen zwar gut 40 Prozent der rund 410.000 Einzelhändler an Werktagen nach 18.30 Uhr.

Späte Öffnung - kaum Umsatzsteigerung

Aber nur etwa drei bis vier Prozent haben ihre Läden auch nach 20 Uhr noch offen. Mehr als die Hälfte davon verkaufen vor allem Lebensmittel.

Insbesondere Geschäfte in zentralen Innenstadtlagen oder Einkaufszentren haben überdurchschnittlich lange geöffnet. Allerdings berichtet nur ein Drittel der Betriebe von positiven Umsatzeffekten oder neuen Kunden.

Einige Handelsketten entwickeln hingegen ganz neue Shoppingkonzepte. Der HDE spricht gar von einer Wiedergeburt des guten alten Tante-Emma-Ladens unter dem Dach der großen Konzerne.

"Die vielen Tankstellenläden, wo abends noch Würstchen, Grillkohle oder Butter eingekauft wurden, hatten schon lange vor der Liberalisierung gezeigt, dass das funktioniert", betont HDE-Arbeitsmarktexperte Heribert Jöris.

Der Einkauf um die Ecke

So hat Deutschlands zweitgößter Handelskonzern REWE mittlerweile rund 20 neue kleinere Märkte mit im Schnitt 750 Quadratmetern Fläche, die bis 22 Uhr offen haben. Zielgruppe sind vor allem ältere Menschen und Berufstätige. Generell hat jeder zweite der rund 3.000 REWE-Supermärkte nach 20 Uhr geöffnet.

Die Edeka-Gruppe mit ihren rund 10.000 Märkten testet ebenfalls ein neues City-Supermarktkonzept mit längerer Öffnungszeit und kompakterem Sortiment auf kleinerer Fläche. "Der Einkauf um die Ecke wird immer wichtiger für Singles, Ältere und Berufstätige", sagt Sprecher Gernot Kasel. Bundesweit gebe es 24- Stunden-Öffnungen bislang an sechs Standorten, darunter in zwei Märkten in Berlin.

Die Kirchen klagen

Liberale Gesetze haben fast alle Bundesländer. Nur in Bayern hat sich immer noch nichts geändert. Als erstes Bundesland hatte Berlin im November 2006 den Ladenschluss gekippt und Shoppen rund um die Uhr von montags bis samstags erlaubt. Außerdem dürfen die Läden an den Sonntagen im Advent und zu besonderen Anlässen wie Messen oder Sportveranstaltungen öffnen.

Gegen die Sonntagsöffnung klagen die evangelische und katholische Kirche. Voraussichtlich Anfang 2009 will das Bundesverfassungsgericht darüber entscheiden. Nach Auffassung der Kirchen sind Sonn- und Feiertage durch Artikel 140 als Zeit der Arbeitsruhe verfassungsrechtlich geschützt.

Später Küchenkauf bei Ikea

Das Berliner Kulturkaufhaus Dussmann, das vor zwei Jahren am 17. November als eines der ersten Läden das neue Gesetz umsetzte, hat die anfängliche "Rund-um-die-Uhr-Öffnung" an einigen Tagen wieder ganz aufgegeben. Derzeit werde von Montag bis Samstag bis 24 Uhr sowie an ausgewählten Sonntagen geöffnet. "Die Kunden kaufen gerne abends, das sind die umsatzstärksten Stunden", versichert ein Unternehmenssprecher.

Das schwedische Einrichtungshaus Ikea hat ihre 43 Märkte von Montag bis Donnerstag bis 21 Uhr und freitags bis 22 Uhr offen. "In den späten Abendstunden kaufen Pärchen oder Familien ihre Küchen, Wohn- oder Schlafzimmer", berichtet Sprecher Kai Hartmann.

Angst um Tarifbindung

Die Gewerkschaft Verdi sorgt sich um die Tarifbindung der gut 2,7 Millionen Einzelhandels-Beschäftigten. "Bei Rewe oder Kaiser's arbeiten nach 20 Uhr fast nur noch noch Betriebsfremde", kritisiert Sprecherin Erika Ritter. Mehr Umsätze würden durch längere Öffnung nicht erzielt.

Im vergangenen Sommer war nach dem längsten Tarifstreit in der Geschichte des Einzelhandels seit 1949 auch eine Einigung über die Spätzuschläge für die längere Öffnung erzielt worden. Dabei wurden aber nur samstags die Zuschläge von 20 Prozent zwischen 14.30 und 18.30 Uhr gestrichen.

Für die Tarifverhandlungen 2009 kündigt Verdi an, schon im ersten Quaratal des neuen Jahres mit ihren Mitgliedern die neuen Forderungen abzustimmen. Am 31. März laufen die Tarifverträge in Hessen und Saarland aus.