Während sich die Volks- und Raiffeisenbanken von der Geldkarte verabschieden, bleibt die Sparkassen-Finanzgruppe der Prepaid-Funktion auf der Girocard und ihrer kontaktlosen Variante girogo treu.

Im Jahr 1996 führte die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), deren Spitzenorganisation damals noch auf den etwas sperrigen Namen "Zentraler Kreditausschuss" (ZKA) hörte, die Geldkarten-Funktion auf der EC-Karte ein, die inzwischen Girocard genannt werden soll.

Mit der Aufladefunktion wollte man den Kleinbetragsbereich, die "BMW-Kunden" (Bäcker-Metzger-Wirt), für die Kartenzahlung gewinnen. Der Kunde lädt den Chip auf seiner EC-Karte am Geldautomat mit einem Guthaben auf, und das Kartenterminal des Händlers kann ohne damals noch teure und langsame Telefon- und Datenverbindung Geld von der Karte abbuchen, so die Idee.

Nutzungszahlen im homöopathischen Bereich

Die Prepaid-Funktion der EC-Karte sollte eine schlagkräftige Waffe im "War on Cash" werden - doch im Markt konnte die Geldkarte nie wirklich Relevanz erlangen. Lediglich bei Park-, Ticket- und Zigarettenautomaten führt das Kärtchen ein Nischendasein. 

In den Statistiken des EHI Retail Institute zu Zahlverfahren im Einzelhandel tauchte die Geldkarte dagegen gar nicht erst auf. Die Zahl der gesamten Transaktionen mit dem Chip-Guthaben sank im Jahr 2012 um rund 5 Prozent von 41,3 Millionen Transaktionen im Jahr 2011 auf 39,21 Millionen. Angesichts von rund 90 Millionen Debitkarten in Deutschland eine homöopathische Dimension.

Dennoch entschloss sich die Deutsche Kreditwirtschaft, auf Basis der Geldkarte-Technologie in die Welt der kontaktlosen Kartenzahlung per Near-Field-Communication Technologie (NFC) einzutreten. Dazu startete die DK im Frühjahr 2012 unter dem Namen "girogo" einen breit angelegten Feldtest im Großraum Hannover, Braunschweig, Wolfsburg mit rund 1,2 Millionen EC-Karten mit girogo-Funktion sowie namhaften Handelspartnern wie Edeka, Douglas und dm-Drogeriemarkt.

Inzwischen haben die Sparkassen, die das Projekt maßgeblich getragen haben, 21 Millionen Girocards mit der NFC-Funktion ausgestattet. Rund 5.200 Akzeptanzstellen gibt es im Handel und in den Fußballstadien von Leverkusen, Wolfsburg und Mainz. 25.000 neue Terminals sind für 2014 bereits eingeplant, wie der Deutsche Sparkassen und Giroverband (DSGV) vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main mitteilte.

Der kontaktlosen Kartenzahlung gehört die Zukunft

Doch die Menge der Transaktionszahlen lässt nach wie vor zu wünschen übrig: "Von Juli bis November hatten wir eine Million girogo-Transaktionen. Die Zahl steigt ständig, derzeit verzeichnen wir monatlich 300.000 Transaktionen", erläutert Sibylle Strack, Leiterin der Kartenstrategie im DSGV. "Wir sind vielleicht zu optimistisch gestartet, deshalb haben wir die Testphase verlängert und sind jetzt aber auf einem guten Weg", sagt Strack.

Auf immerhin 600.000 Aboladeverträge kann sie verweisen, mit denen die Kunden ihr Geldkarten-Guthaben automatisch auf einen festgelegten Betrag halten. Zudem starte 2014 ein großer neuer Akzeptanzpartner mit 20.000 Terminals. Man munkelt, es handele sich um die Rewe Gruppe, die vor einem größeren Terminaltausch steht. Das Unternehmen kommentiert diese Gerüchte auf Anfrage von derhandel.de jedoch nicht.

Drei neue Metropolregionen für girogo

In drei neuen "Metropolregionen" - Rheinland, Hamburg, Rhein-Main - will der DSGV girogo mit Karten, Akzeptanzstellen und lokalem Marketing im kommenden Jahr weiter voran bringen. 2015 sollen alle SparkassenCards mit der girogo-Funktion ausgerüstet sein, dann sei es auch die Zeit für bundesweite Werbekampagnen.

"Wir glauben, dass die Zukunft der Kartenzahlung kontaktlos ist", begründet Ludger Gooßens, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied im DSGV, das Engagement für girogo. "Das ist ein Marathon, und wir befinden uns noch auf den ersten 10 Kilometern". Gooßens zeigt sich überzeugt davon, dass man mit einem langen Atem girogo zum Erfolg führen kann. Freilich ist das Projekt angesichts der bereits aufgelaufenen Investitionskosten auch zum Erfolg verdammt.

Allein die NFC-Antenne verursacht Material-Mehrkosten von 60 Cent pro Karte. Das Marketing zur Einführung von girogo sowie die "dicken Geldkoffer", mit denen sich die an den Tests teilnehmenden Händler ihre neue NFC-Terminalinfrastruktur bezahlen lassen, sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Die Volks- und Raiffeisenbanken verzichten auf die Geldkarte

Ein herber Rückschlag für girogo ist freilich der Abschied der Volks- und Raiffeisenbanken von der Geldkarten-Technologie, von dem die Lebensmittel-Zeitung in dieser Woche berichtete.

"Wir haben uns die Anforderungen der Regulierung - SEPA, Geldwäsche, Datenschutz, etc. - angeschaut und das alles mal durchgerechnet", erläutert Matthias Hönisch, Head of Card Business Unit im Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), im Gespräch mit derhandel.de. "Die Geldkarte ist danach für uns unwirtschaftlich. Ab dem kommenden Jahr werden die Institute neue Girocards in der Regel nicht mehr mit diser Chipfunktion ausstatten".

Ende 2017 wird dann keine BVR-Girocard mehr mit dem Geldkarten-Chip ausgestattet sein. girogo ist damit eine reine Sparkassenshow, da auch die privaten Banken bislang nur offiziell, nicht aber mit Karten an dem Projekt beteiligt sind. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben rund 26 Millionen Girocards im Markt, die Sparkassen 46 Millionen und die privaten Banken rund 20 Millionen.

Aber auch BVR und die privaten Banken glauben an die Zukunkft der kontaktlosen Kartenzahlung. Anfang 2014 startet der BVR daher einen Pilot für "Girocard kontaktlos". Der Kunde muss seine Bankkarte dazu nicht aufladen, sondern kann die Girocard, wie bei den internationalen Kartenorganisationen Mastercard (Paypass) und Visa (Paywave) sofort für das Bezahlen im Vorbeigehen für Kleinbeträge nutzen. Im Jahr 2015 soll die NFC-Funktion für die Girocard dann als gemeinsamer Standard der Deutschen Kreditwirtschaft dann Marktreife erlangt haben.

Wie ein Damoklesschwert hängt derweil allerdings die von der EU-Kommission angekündigte Regulierung der Händlergebühren für Kredit- und Debitkarten über den Zukunftsplänen der Banken. Bestehende Geschäftsmodelle und Partnerschaften zwischen Banken und Kreditkartenorganisationen werden durch die geplante Absenkung der Gebühreneinnahmen auf die Probe gestellt.