Mit dem Ende der DDR musste sich Magdeburg regelrecht neu erfinden. Nach einer Bevölkerungsflucht und viel baulicher Erneuerung blüht die Stadt immer mehr auf. Was auch der Handel spürt.

Es fällt Franz-Josef Lohmeier schwer zu widersprechen, wenn er sagt, dass er den schönsten Arbeitsplatz in Magdeburg hat. Durch sein Schaufenster wird Lohmeier täglich mit einem Blick auf das imposanteste Bauwerk der Stadt belohnt: den Dom.

Lohmeiers kleines Textilgeschäft "Schreiber & Sundermann", 1914 eröffnet, hat es in Magdeburg zu einer Institution geschafft. Es überlebte zwei Weltkriege und war auch zu DDR-Zeiten die erste Adresse für einen guten Anzug. "Und heute brauchen wir uns vor Karstadt oder Wöhrl nicht zu verstecken", sagt Lohmeier.

In Magdeburg gilt der "Wessi" Lohmeier längst als Macher: Er engagiert sich in der Stadtmarketing-Initiative Pro Magdeburg, im Bund katholischer Unternehmer - und im Fußballclub 1. FC Magdeburg sowie für die Bundesligahandballer des SC Magdeburg.

Einseitige Außenwahrnehmung

In dieser Stadt sind Fußball und Handball identitätsstiftend. Der 1. FC Magdeburg ist der einzige Club der ehemaligen DDR, der einen Fußball-Europapokal gewann. Und die SC-Handballer holten 1978 und 1981 den europäischen Landesmeisterwettbewerb.

So bestand die Magdeburger Außenwahrnehmung lange nur aus Fußball, Handball - und Sket. Das ist die Abkürzung für das gewaltige Schwer-Maschinenbaukombinat Ernst Thälmann, das vor der Wende der Hauptarbeitgeber von Stadt und Region war und bis zu 30.000 Menschen beschäftigte.

Das Ende der DDR im Jahr 1990 hat Magdeburg fundamental verändert. Der Glanz des 1. FC Magdeburg verblasste (heute vierte Liga), Sket wurde von der Treuhand verkauft, im Nachfolgebetrieb Sket-MAB arbeiten heute ein paar Hundert Menschen. Nur die Handballer hielten ihre erste Klasse.

Der Handel und die Stunde null

Und der Einzelhandel? Der musste 1990 fast bei null beginnen. Nur 90.000 Quadratmeter Verkaufsfläche gab es damals - das ist rund ein Sechstel des heutigen Bestands. Zudem herrschte Kundenmangel. Magdeburg wurde zwar Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, weil es aber keine Jobs mehr gab, zogen die Menschen weg. Zwischen 1990 und 2005 hat die Stadt rund 60.000 Einwohner verloren.

Mittlerweile wächst Magdeburg wieder, hat rund 230.00 Einwohner - zu DDR-Zeiten lebten hier aber über 290.000 Menschen. Folglich wirkt die Stadt auffallend leer. Selbst zur Rushhour rollt der Verkehr stressfrei über die breiten Straßen.

Nach der Wende war Magdeburg eine abgenutzte Fabrikstadt am schmutzigen Fluss Elbe - in der man auch nicht gut einkaufen konnte. Von begrenztem Warenangebot und Einkaufstourismus nach Niedersachsen und Berlin wird im "Magdeburger Märktekonzept 2007" geschrieben, in dem die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) den Einzelhandel der Landeshauptstadt analysiert.

Das "rosarote Schweinchen"

Es liegt deshalb Stolz in der Stimme von Uta Otto, wenn sie betont, dass Magdeburg heute 550.000 Quadratmeter Einkaufsfläche besitzt, davon 112.000 Quadratmeter in der Innenstadt. "Die Stadt hat sich verändert", sagt die Hauptgeschäftsführerin im Verband der Kaufleute Sachsen-Anhalts.

Als ein Zeichen dieser Veränderung leuchtet im Breiten Weg ein auffälliges Gebäude, um das es in der Stadt viel Gezänk gab. Nicht jedem Bürger schien der Bau des Hundertwasserhauses an dieser Stelle passend, als "rosafarbenes Schweinchen", verspotteten die Kritiker das verspielte Bauwerk. Auch der Herrenausstatter Lohmeier bekennt sich zu seinem früheren Argwohn - und muss heute ebenfalls feststellen, dass dieses Haus zur Stadtbelebung beiträgt.

"Grüne Zitadelle" heißt das Hundertwasserhaus, beherbergt Wohnungen, Praxen und kleine Einzelhändler. 2005 wurde das Gebäude seiner Bestimmung übergeben - seitdem hat sich die Magdeburger Innenstadt verlängert. Denn zuvor bildeten die beiden auf einer Achse liegenden Center "City Galerie" und das "Allee Center" eine optische Begrenzung der Kern-Einkaufszone.

Freilich wird die "Grüne Zitadelle" auch durch Kundschaft belebt, die Kathleen Schechowiak ungern sieht. Eine Filiale der Textilmarke Thor Steinar hatte sich hier eingemietet - unter falschem Namen, denn das Modelabel gilt als beliebt in der rechtsextremen Szene. Das Oberlandesgericht Naumburg hat mittlerweile der Räumungsklage von Centum Aqua stattgegeben - sollte der Ladenbetreiber Uwe Meusel auf die Revision verzichten, muss er Ende 2008 ausziehen.

Kunden aus dem Umland

Magdeburg ist auf dem Weg in eine neue Zeit - Rückschläge werden nicht geduldet. Denn die Städtekonkurrenz auch im Osten ist weit voraus. Bei der Kaufkraft liegen nicht nur die Leuchttürme Dresden und Leipzig vor der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, selbst Schwerin und Rostock schneiden hier besser ab als Magdeburg. Und die regionalen Westkonkurrenten Wolfsburg, Braunschweig und Hannover sind vorerst unerreichbar.

Trotzdem ist die Größe der Verkaufsfläche in Magdeburg enorm: 2006 waren es 2.430 Quadratmeter je Einwohner. Zum Vergleich: Leipzig (498.000 Einwohner) hatte damals nur 1.500 Quadratmeter, Halle an der Saale (237.000 Einwohner) 1.630 und das westdeutsche Augsburg (260.000 Einwohner) 2.000 Quadratmeter.

Aber in Magdeburg kaufen nicht nur die Bewohner der Stadt ein - sondern auch das Umland aus den Landkreisen wie Jerichoer Land, Börde oder Salzlandkreis. Die Forscher der GMA sprechen von einem Marktgebiet mit 920.000 Einwohnern, die ein einzelhandelsrelevantes Nachfragepotenzial von 3,83 Milliarden Euro besitzen.

Problematische demographische Entwicklung

Diese Werte klingen gut - werden aber geschmälert von der Bevölkerungsvorschau des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt: Bis zum Jahr 2015 soll sich das Einzugsgebiet auf 843.000 Einwohner verringern. Landflucht in den Landkreisen wird vorhergesagt.

Daher ist Kathleen Schechowiak froh, dass der Bau des Centers "Blauer Bock" am Breiten Weg vorerst auf Eis liegt. 4.000 Quadratmeter Handels- und 6.000 Quadratmeter Bürofläche sollten hier bis zum Jahr 2010 gebaut werden. Aber die Stadt ist mit dem "City Carree" (40.000 Quadratmeter Handelsfläche) und dem "Allee Center" (25.000 Quadratmeter) bestens bedient.

Zusammen mit Karstadt (das alte DDR-Centrum-Kaufhaus) und dem "Ulrichhaus" beschreiben diese vier Häuser 75 Prozent des innerstädtischen Verkaufsflächenbestandes. Im "Allee Center" (1a-Lage) werden auch die höchsten örtlichen Mietpreise für Gewerbeflächen aufgerufen: 55 pro Quadratmeter. Das ist extrem günstig im Vergleich zu Hannover (165 Euro), Mannheim (120 Euro) oder Leipzig (110 Euro). Und in der 1b-Lage bewegen sich die Preise zwischen 18 und 25 Euro pro Quadratmeter.

"Ich finde hier alles"

Was bringt die Zukunft für Magdeburg? "Wir wollen Wohlfühlatmosphäre in einer kleinen Großstadt schaffen", sagt Uta Otto. Das ist im Viertel am Hasselbachplatz mit schönen Gebäuden aus der Gründerzeit schon vorzüglich gelungen, wo das Nachtleben der Stadt pulsiert.

Das Elbufer ist bereits freizeitorientiert gestaltet worden und soll noch gediegener werden. Die Neuansiedlung von Wirtschaftsbetrieben hat die Arbeitslosenquote der Stadt in den vergangenen drei Jahren von 23 auf 11 Prozent gedrückt. Und der zugereiste Lokalpatriot Franz-Josef Lohmeier weiß sowieso nicht, warum man andernorts einkaufen soll: "Ich finde hier alles."

Steffen Gerth

Diieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/08 von Der Handel