Die deutschen Umsätze mit Fairtrade-Produkten explodieren geradezu. Trotzdem ist der Markt vergleichsweise zurückhaltend. Vielleicht sorgt die Entscheidung von Starbucks für Schwung.

Hans van Bochove kam etwas später, redete kurz - aber er hatte eine bemerkenswerte Nachricht zu bieten: Seit voriger Woche gibt es in sämtlichen Starbucks-Läden in Großbritannien und Irland nur noch Kaffee aus fairem Handel. "Und ab März 2010 wird das in sämtlichen europäischen Filialen der Fall sein", kündigte der PR-Direktor der us-amerikanischen Kaffeehauskette an, als er heute zu den Teilnehmern der International Fairtrade Conference (IFC) in Berlin sprach.

Schon jetzt ist Starbucks nach eigenen Angaben weltweit größter Abnehmer von Fairtrade-Kaffee. Die Ausweitung der Kooperation werde laut Unternehmen für eine Erhöhung der Zahlungen an Kaffee produzierenden Kleinbauern auf 2,8 Millionen Euro sorgen.

Raus aus der Anonymität

Für Dieter Overath ist die intensivere Zusammenarbeit mit Starbucks ein fulminantes Signal - eines der wichtigsten, seitdem er vor rund 19 Jahren im eigenen Wohnzimmer seine Organisation Transfair gegründet hat. "Durch Starbucks verlässt die Idee von Fairtrade die Anonymität", sagt der heutige Geschäftsführer zu derhandel.de.

Transfair ist ein gemeinnütziger Verein, der nicht mit Waren handelt, sondern das internationale Fairtrade-Siegel für fair produzierte und gehandelte Produkte vergibt. Dafür wurden Standards für Arbeitsbedingungen, Umweltkriterien, Mindestpreise und Prämien vergeben.

"Schwieriger deutscher Markt"

Overath hat vorige Woche in London eine Starbucks-Filiale in London besichtigt und den Anblick genossen: Es war für jeden Besucher gut sichtbar, dass dort neuerdings Fairtrade-Kaffee ausgeschenkt wird. "Bei Starbucks verkehren die jungen Leute, das ist unsere Zielgruppe", betont Overath.

Es geht also voran mit der Idee des weltweiten fairen Handels. Ein Meilenstein war auch 2008 die Zusammenarbeit mit dem deutschen Lebensmittelhändler Rewe, der 50 Millionen fair gehandelte Rosen verkauft hat. Trotzdem ist Overath immer noch unzufrieden: "Der deutsche Handel ist beim Thema fairer Handel immer noch zögerlich."

Bewiesen wurde diese Behauptung in Berlin durch die vergleichsweise vorsichtige Annäherung an das Thema von der Rewe-Marketing-Chefin Daniela Büchel. Da wurde von einem "schwierigen deutschen Markt" gesprochen, und dass man auf jeden Fall das Thema Preis im Auge behalten müsse.

Faire Schokolade von Cadbury

Deutlich enthusiastischer bekannte sich dagegen Alison Ward zum fairen Handel. Die Nachhaltigkeitsbeauftragte des britischen Süßwarenherstellers Cadbury berichtete über die Umstellung der auf der Insel beliebten Schokoladenmarke "Dairy Milk" auf fair gehandelte Zutaten (Kakao und Zucker). Dafür kooperiert Cadbury mit 100 Anbaugenossenschaften in Ghana.

Die Leidenschaft der Briten für fairen Handel belegen auch die Zahlen: Weltweit betrug der Fairtrade-Umsatz im Jahr 2008 2,9 Milliarden Euro. Laut Overath gaben die Verbraucher in Großbritannien im vergangenen Jahr 800 Millionen Euro für entsprechende Produkte aus.

In Deutschland betrug der Umsatz für faire Produkte 213 Millionen Euro - aber das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 50 Prozent. Und der Anstieg setzt sich rasant fort: Overath spricht von weiteren 20 Prozent Zuwachs im ersten Halbjahr 2009.

Die Preisschlachten im Einzelhandel in den vergangenen Wochen sowie die Wirtschaftskrise haben der Marke Fairtrade nicht geschadet. Die Fairtrade-Kundschaft gehöre nicht in die Kategorie Schnäppchenjäger, lobt Overath. "Wir haben eine stabile Konsumentengruppe."

"Die Zeit ist reif"

Verglichen mit den Bilanzen großer Handelskonzerne sind das freilich bescheidene Zahlen. Denn allein der Rewe-Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2008 fast 50 Milliarden Euro, wie Daniela Büchel in Berlin berichtete. Doch die Möglichkeiten von Fairtrade sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Seit Herbst 2008 hat das international operierende Marktforschungsinstitut GlobeScan per Online-Studie 15.000 Verbraucher in 15 Ländern zu fairem Einkauf befragt. Fazit: "Die Zeit ist reif für Fairtrade", bilanziert die kanadische GlobScan-Mitarbeiterin Susan Hlady. "Die Verbraucher erwarten von den Unternehmen soziale Verantwortung." In Holland und Italien seien 68 Prozent der Befragten bereit, fünf Prozent mehr für die Produkte zu bezahlen, wenn dadurch die Lebensbedingungen für die Menschen in den Herstellerländern verbessert würden.

Laut Studie ist auch die Bekanntheit des Fairtrade-Siegels in Großbritannien am größten. Deutschland liegt hier nur auf Rang zehn der Tabelle, einen Platz vor Frankreich. Vielleicht basiert dieser mittelmäßige Wert auf einem Problem hierzulande: GlobeScan hat festgestellt, das deutsche Verbraucher monieren, dass Fairtrade-Produkte schwer zu bekommen sind. Wenn das kein Ansporn für den Handel ist.