Reine Internethändler und klassische Versender bekommen Konkurrenz: Immer mehr stationäre Händler entdecken nun auch das Internet als Vertriebskanal.

Als vor 15 Jahren Versender wie Otto oder Neckermann einen Onlineshop aufgemacht haben, wurden sie noch von dem ein oder anderen belächelt. Und die Anfänge waren ja auch irgendwie putzig: Neckermann.de bot 1995 zum Start beispielsweise überschaubare neun Artikel über den Internetshop an, auch wenn es eigentlich zehn werden sollten aber kurzfristig der Star-Trek-Wecker wieder aus dem Programm genommen werden musste.

Der erste Artikel, den Neckermann online verkaufte, war eine Timex-DataLink-Armbanduhr, wie sich Daniel Rebhorn, Managing Partner des E-Commerce-Unternehmens dmc digital media center und damaliger Mitstreiter, erinnert.

Heute firmieren die Frankfurter Onlinehandels-Pioniere unter Neckermann.de, haben ihren Webshop zu einem Internetmarktplatz ausgebaut, bieten rund 700.000 Artikel im Webshop an und machen rund zwei Drittel ihres Umsatzes über den Webshop.

Insgesamt beträgt der Anteil des Versandhandels - jeder Onlinehändler ist schließlich auch ein Versender - heute rund 7,4 Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz. Zum Vergleich: 1986 lag der Anteil noch bei 4,5 Prozent.

Stationäre Händler setzt auf das Internet

Dass der E-Commerce-Anteil weiter wachsen wird, ist unstrittig. Zudem kommt nun eine neue "Welle" Händler ins Netz: Nach den Pionieren aus dem Versandhandel und den reinen Onlinehändlern auch aus Übersee, die gute Geschäfte und neue Erlösquellen im Netz auftaten, entdecken nun auch immer mehr stationäre Händler den Vertriebskanal Internet.

So schickte Metro Anfang des Jahres ihre Elektronikhandelstöchter Media-Saturn ins Netz. Allerdings zunächst in den Niederlanden und Österreich. Dass sich die Metro-Tochter in Online-Deutschland schwerer tun, liegt an der Struktur der Elektronikfachmarktketten: Die Geschäftsführer der Filialen sind am Gewinn beteiligt und können über die regionalen Sortimente und Preise selbst bestimmen. Während man sicher eine Lösung finden könnte, sie an den Onlineerlösen zu beteiligen, sind die Manager bei dem Punkt Preishoheit dem Vernehmen nach eher unbeugsam.
 
Und so können sich die Onlinekunden zwar inzwischen digitale Medien wie Musik und Filme über saturn.de oder mediamarkt.de runterladen, aber noch nicht auf das gesamte stationäre Sortiment zugreifen. "Wir warten noch das Weihnachtsgeschäft in den Niederlanden und Österreich ab", heißt es auf die Frage nach dem Stand der Onlinedinge für die Elektronikfachmärkte in Deutschland. Dabei war noch vor ein paar Monaten davon die Rede, dass es mit dem deutschen Onlineshop noch in diesem Jahr klappt.

Alles außer Lebensmittel

Auch die Metro-Tochter Real SB-Warenhaus tat sich lange schwer mit einem Onlineshop. Doch seit Mai dieses Jahres ist sie im Netz - wenn es auch dort alles außer Lebensmittel gibt. Dass das Frischesortiment auch noch etwas auf sich warten lassen wird, liegt unter anderem daran, dass die Abwicklung der Onlinebestellungen nicht über die Real- Märkte sondern über den Dienstleister Arvato erfolgt und der Vorteil der weitestgehend flächendeckenden Filialabdeckung nicht genutzt wird. "Wir nehmen aber noch in diesem Jahr sogenanntes Near Food wie Wein ins Programm", sagt Milko Gramm, Leiter des Real-Onlineshops.

Da ist das hessische Familienunternehmen Tegut schon weiter: Seit September dieses Jahres bietet der Lebensmittelhändler unter Tegut-genusswelt.com mehr als 6.000 frische Lebensmittel, Weine, Delikatessen und Geschenke an. Die knifflige Frage der Logistik der frischen Ware überließ Tegut dabei dem Delikatessenversender Gourmondo.de, der seit 2002 im Netz präsent ist und somit schon einige Erfahrung hat.

Kundenservice: stationäre Händler im Vorteil

Der rheinländische Lifestyle-Filialist Strauss Innovation ist ebenfalls der Überzeugung, dass nun der richtige Zeitpunkt für einen eigenen Onlineshop gekommen ist: Seit Anfang Oktober dieses Jahres können die Kunden unter strauss-innovation.de online in den 14-tägig wechselnden Themenwelten stöbern. "Über unseren Onlineshop decken wir die bislang weißen Flecken auf der Landkarte ab", sagte Geschäftsführer Thorsten Hermelink zur Einführung.

Das Internetangebot umfasst neben Möbeln auch Bett- und Tischwäsche, Mode sowie Dekorations- und Lifestyle-Artikel. Mehr als 1.000 Produkte aus dem Strauss Sortiment sind online verfügbar.

Wenn die stationären Händler auch vergleichsweise spät auf den Onlinegeschmack zu kommen scheinen, spielen doch viele geschickt ihre Trumpfkarten aus. So wie beispielsweise der Modefilialist Zara, der im September 2010 seinen Onlineshop in Deutschland launchte. Denn der Händler kann dem Kunden ein "echtes" Multichannel-Angebot anbieten: Der Besteller kann die Kleidung an eine Filiale oder zu sich nach Hause liefern lassen. Und ist genauso auch beim Umtausch flexibel, ob er die Ware per Paket zurückschickt oder in der Filiale abgibt. Das ist ein Kundenservice, den reine Distanzhändler nicht bieten können.

Sybille Wilhelm

Der Artikel ist in der November-Ausgabe von Der Handel erschienen.
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