Der umsatzstärkste Penny-Markt liegt auf der Hamburger Reeperbahn. Der Discounter wurde via TV berühmt, die Stammkundschaft schert das aber herzlich wenig.

„Sag mal, raffst Du's noch", wird Silva Fröhlich im Kassenbereich angeblafft. Die stellvertretende Marktleiterin vom Penny-Markt lächelt die unflätige Kundin mit erstaunlicher Gelassenheit an und weist geduldig darauf hin, dass sich die alkoholisierte Frau im Pensionsalter nicht nur im Ton vergriffen hat - auch die gewählte Zigarettenmarke war offensichtlich falsch.

Die renitente Besucherin in weißen Leggings und platinblonder Hochsteckfrisur hat auf einmal die Sorge, „die Fluppen nicht mehr bezahlen zu können". ­Alles halb so schlimm: Silva Fröhlich gibt der aufbrausenden Kundin die richtigen Zigaretten-Karten für den Automaten, rechnet den nun richtigen Betrag vor, und schon ist die Raucherwelt wieder in Ordnung.

„Das war noch vergleichsweise harmlos", winkt die aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Führungskraft gelassen ab. „Am Sonntag rockt hier das Haus." Dann ­stehen 18 Mitarbeiter an der wohl bekanntesten Verkaufsfront Deutschlands.

Discounter als Kultobjekt

An einem Montag im März, an dem nur noch fünf Angestellte ihren Spätdienst verrichten, herrscht die große Ruhe nach dem Sturm im 800 Quadratmeter großen Kultobjekt der Kölner Rewe-Gruppe, das 365 Tage von morgens 7 bis nachts um 23 Uhr geöffnet hat.

Nüchtern betrachtet ist die Konsumstätte nicht mehr und nicht weniger als ein ganz gewöhnlicher Soft-Discounter, wie es viele in Deutschland gibt. „Es sind die Menschen, die diesen Markt jeden Tag zu einem einzigartigen Erlebnis werden lassen", erklärt Silva Fröhlich. Auf der Reeperbahn trifft sich das komplette Spektrum „von der Unter- bis zur Oberschicht, vom Punker bis zur Prostituierten oder vom Zahnarzt bis zum stadtbekannten Zuhälter".

Kein Wilder Westen

Dass es hier jeden Tag so zugehe wie im Wilden Westen, sei völliger Blödsinn, stellt Kollegin Nicole Guschmann klar, die schon seit zwei Jahren im Penny-Markt auf der Reeperbahn arbeitet. „Die Berichte von Spiegel-TV und SAT1 bilden nicht die ganze Realität ab", klagt die Verkäuferin. „Die sind an sechs Wochenenden mit ihren Kamerateams hier angerückt und haben so lange gewartet, bis was Spektakuläres passiert ist, um dann die Szenen zu einem Abenteuerfilm zu verdichten", klärt die 23-jährige Abiturientin über den tatsächlichen Alltag des Discounters im Rotlichtmilieu auf.

Dickes Fell sei im Penny im Stadtteil Sankt Pauli gefragt, sagt Nicole Guschmann. Wer abends die Arbeit mit nach Hause nehme und über einzelne menschliche Schicksale nachdenke, stehe die physisch wie psychisch anspruchsvolle Aufgabe auf Dauer nicht lange durch. „Hier lernt man Selbstbeherrschung", zieht die 23-Jährige nüchtern Fazit.

Breites Kundenspektrum

Plötzlich klingelt es zweimal kurz im Aufenthaltsraum, wo die Angestellten bei einer Tasse Kaffee und einer kleinen Zigarettenpause Luft holen. Zweimal läuten bedeutet, an der Kasse brennt es, eine zweite oder dritte Station muss eröffnet werden, weil vielleicht wieder mal ein Bus voller Leute die Filiale stürmt.

Bei einem durchgehenden Klingelton tritt René Balzer auf den Plan. „Dann ist Alarm angesagt", weiß der 28-jährige Sicherheitsmann, der seit gut einem Jahr Dienst im Penny-Markt schiebt. Das Spektrum der Kundendelikte ist breit: „Die einen können nicht oder weigern sich zu zahlen, die andern pöbeln die Mitarbeiter an oder randalieren im Laden, meist ist Alkohol im Spiel", plaudert der gelernte Trockenbau-Monteur aus dem Nähkästchen. „Meine vorderste Aufgabe ist es deshalb, die Sicherheit der Kolleginnen und Kollegen zu gewährleisten."

Verdächtige Ladendiebe im Visier

Am schlimmsten seien die organisierten Straftaten, bei denen Drogenabhängige mit leerer Sporttasche den Markt betreten und anschließend mit vollem Gepäck versuchen, aus dem Geschäft zu türmen. Vor allem Diebesgut wie Kaffee und Alkohol lassen sich prima in Geld umsetzen, um sich womöglich Drogen zu beschaffen.
Videoüberwachung

In der Regel bleibt es beim Klauversuch. Denn der ehemalige Bundeswehrsoldat, ausgestattet mit Te­leskopschlagstock, CwS-Gas, schwarzen Lederhandschuhen und einem Videoüberwachungsraum, erkennt seine Pappenheimer schon von Weitem: „Ich sehe schon bei Betreten des Marktes, wohin die Reise bei den meisten Besuchern geht." Diejenigen, die sofort nach rechts abbiegen, stehen ganz oben auf der Verdächtigenliste des 28-Jährigen. Denn dort, vor Kasse eins, sind die Spirituosen sortiert. Der Stoff, mit dem sich Geld verdienen lässt auf Sankt Pauli.

Tausend Jahre Hausverbot

„Es gibt Tage, da laufen vor der Tür 1.000 Jahre Hausverbot herum", erzählt Balzer. Das Publikum ist allerdings viel breiter gefächert. Da gibt es die junge Casino-Angestellte, die bewusst den Kontrast zwischen ihrer mondänen Welt und dem speziellen Reeperbahn-Flair „zum Ausgleich sucht", indem sie in ihrer Mittagspause zum Shoppen in den Penny kommt.

Eine Studentin, die drei- bis viermal die Woche ihre Einkäufe dort tätigt, stellt fest: „Hier gibt es mehr Alkoholiker, der Penny auf Sankt Georg vorm Bahnhof hat mehr Drogen­abhängige." Supermärkte seien ein Abbild der Gesellschaft, die in konzent­rierter Form darstellen, in welcher Verfassung sich ein Stadtteil befindet.

Käpt'n Iglo und Julanta

Stammkunden auf der Reeperbahn wie „Käpt'n Iglo" gehören einfach dazu: „Na, mein Lieber", grüßt der weißhaarige Mann mit der Kapitänsmütze René Balzer, „alles im Lot?" Der Wachmann nickt ihm zu und klopft zur Begrüßung freundlich auf die Schulter. „Willi ist ein ganz Lieber. Wir nennen in Käpt'n Iglo, weil er so aussieht wie das Original."

Der Kapitän ist harmlos - im Gegensatz zu „Julanta". Wenn die 48-jährige Polin den Markt mit lautem Geschimpfe betritt, „dann gehen alle in Deckung und sichern die Waren, so gut es geht", schildert die stellvertretende Marktleiterin Silva Fröhlich die randaleträchtigen Auftritte der Reeperbahn-Furie. Sie bleibt aber zum Glück die Ausnahme.

„Was wir hier leisten, ist harte Arbeit, bei der wir uns jeden Heller und Pfennig ehrlich verdienen", sagt Verkäuferin Nicole Guschmann. „Der Job macht Spaß, weil es unzweifelhaft abwechslungsreich ist - und der Zusammenhalt im Team klasse. Unsere Tätigkeit hat aber mit Abenteuer nichts zu tun."

Pierre Pfeiffer