Mit speziellen Sprechstunden oder Schnupperangeboten werben die
Industrie- und Handelskammern um die begehrten Azubis. Doch im Betriebsalltag sieht die Realität für die jungen Leute mitunter düster aus.

Ferit konnte einfach nicht mehr. Als angehender Einzelhandelskaufmann arbeitete er in einer Tankstelle. Über drei Monate stand er sechs Mal pro Woche acht Stunden täglich an der Kasse. "Ein Ausgleichstag für die Sonntage wird mir nicht gestattet", berichtet er. Häufig sei er auch nachts mutterseelenallein in der Tankstelle - seinen Ausbilder sehe er dafür fast nie. Es ist laut einer neuen DGB-Erhebung kein Einzelfall, wenn die Lage im Ausbildungsbetrieb auch nicht immer so schlimme Folgen hat wie bei Ferit.

"Vor kurzem bin ich auf der Arbeit zusammengebrochen und mit dem Rettungswagen in das Krankenhaus eingeliefert worden", schreibt der Auszubildende in einem Onlineforum des Gewerkschaftsbundes. Insgesamt sind zwar gut 71 Prozent der Azubis laut der groß angelegten Umfrage zufrieden mit ihrer Ausbildung. Unzufriedenheit herrscht jedoch bei vielen Köchen, Fachverkäufern, Hotelfachleuten, Malern oder Lackierern. Auch gegen Gesetze verstoßen Betriebe demnach nicht selten - etwa bei der Arbeitszeit. Regelmäßig Überstunden fallen etwa bei fast 37 Prozent der Azubis an.

Kein Personalraum, keine Toilette

Paula kann in dem Restaurant, in dem sie ausgebildet wird, ein Lied davon singen. Zwar gibt es laut Arbeitsplan klare Grenzen. "Leider arbeiten ich und meine Kollegin aber mindestens 10 bis 12 Stunden täglich ohne Pause." Auf Nachfrage bekomme sie nur zur Antwort, "dass das in der Gastro nun mal so sei". Weder Personalraum noch -Toilette gebe es. Und der Chef - offiziell der Ausbilder - sei eigentlich nie da.

DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller bekommt solche Sorgen oft zu hören. "Für die Auszubildenden ist es oftmals schwierig, sich gegen Überstunden und einen ausbleibenden Ausgleich zu wehren", sagt er, "denn sie wollen einen guten Eindruck machen und nach ihrer Abschlussprüfung übernommen werden".

Gerät eine Firma in Not, kann es die Azubis besonders hart treffen, wie das Beispiel von Laura zeigt. Sie will Mediengestalterin Bild/Ton werden und hat zwei von drei Ausbildungsjahren geschafft. Aber: "Seit einem Jahr besteht unsere Firma nur noch aus Azubis." Der Chef bilde Laura und zwei andere junge Leute offiziell aus, doch das einzige, was sie von ihm gehört hätten: "dass wir doch ganz viel schöne Technik im Lager rumstehen haben, mit der man sich beschäftigen kann". Aufträge und Drehtermine gibt es immer weniger. Lauras Trost: Es fallen weniger Überstunden an.

Unternehmen beklagen Bewerbermangel

Landauf, landab klagen vor allem Betriebe in Problembranchen, sie bekämen zu wenig geeignete Bewerber. Auch Gewerkschafter kennen die Sorgen und wischen sie zumindest hinter vorgehaltener Hand nicht unbedingt vom Tisch. Die offizielle Linie bei der DGB-Jugend ist aber: Viele Unternehmen bemühen sich zu wenig um die jungen Leute - und verlangen quasi schon fertige Arbeitskräfte.

Die Unterschiede sind enorm - auch bei der Bezahlung. Angehende Bankkaufleute bekommen laut DGB im dritten Jahr etwa 964 Euro. Haggenmiller: "Wenn junge Friseure aber 430 Euro im Monat Ausbildungsvergütung im Durchschnitt bekommen, manchmal ist es auch weit darunter, und dann noch ihre eigenen Materialen wie Scheren für 60 Euro mitbringen müssen, ist natürlich wenig Kohle da, ein eigenständiges Leben zu führen."

Basil Wegener, dpa