Der deutsche Handel ist im Tempo-Rausch.  Spätestens seitdem Amazon mit Prime Now in Berlin mit der Lieferung binnen Stundenfrist und gratis Same-Day Lieferung für Prime-Kunden in 14 deutschen Städten liefert wie der Blitz, gibt es kein Halten mehr. Denn für den Express-Versand muss eine Antwort her. Same Day Delivery wird zum neuen Standard. So stellen nun auch die Onlineshops von Gravis nach Tests in Berlin künftig in Düsseldorf, Köln, München und Stuttgart taggleich zu. Weitere Händler werden folgen.

Es ist noch nicht allzu lange her, da mag manch ein Händler gebetet haben, dass die renditezehrende taggleiche Lieferung an ihm vorbeigeht. Doch die Gebete wurden nicht erhört.  Viel zu schnell gewöhnt sich der Kunde an die Tempo-Standards, die Riesen wie Amazon oder Zalando vorgeben.

„Durch Prime Now entwickelt sich das Einkaufserlebnis für den Verbraucher interessant und dynamisch weiter, denn er kann nun jegliche Bestellung innerhalb von 90 Minuten erhalten. Dadurch dass ein großer Player wie Amazon das Thema Same Day Delivery für sich erkennt, zwingt er andere Händler ebenfalls dazu sich dem Thema zu widmen. Amazon als alleinigen Vorreiter dieser Entwicklung zu sehen, wäre allerdings falsch. Same Day Delivery beeinflusst das künftige Kaufverhalten von uns allen“, sagt Nils Fischer, CEO von Liefery, das nun Gravis flotter macht.  

Man spürt es ja selbst:  Man muss nur einmal bei einem kleinen Onlineshop oder einem nur lose mit Amazon verbandelten Marktplatzhändler bestellen, um ein wenig enttäuscht zu sein, wenn die Ware dann erst nach vier oder fünf Tagen eintrifft. Die Folge: Nie. Wieder.

Zwar gibt es ausreichend Kunden, die weniger auf die Zeit und mehr auf den Preis und die Retouren-Formalitäten achten. Doch Schnelligkeit wird zunehmend ebenfalls erwartet.

Knapp ein Viertel der Marktplatzhändler will daher zukünftig innerhalb von 24 Stunden liefern. Ein Drittel der Onlinemarktplatzhändler liefert bereits überwiegend innerhalb von ein bis zwei Tagen. Das sagt der aktuelle Marktplatz-KIX von ECC Köln und eBay, für den 274 Onlinemarktplatzhändler befragt wurden.

Damit aber verliert die einigermaßen prompte Lieferung ihren Mehrwert als Serviceversprechen. Es muss also noch schneller gehen.

Schon jetzt können rund 17 Prozent der Marktplatz-KIX-Teilnehmer Bestellungen innerhalb von 24 Stunden liefern  – in drei bis fünf Jahren will bereits jeder Vierte die überwiegende Lieferung innerhalb eines Tages anbieten. Darauf reagieren inzwischen auch kleinere Plattformen. Die Local-Shopping-Plattform LocaFox startet ab Ende Juni in Kooperation mit dem stationären Handel einen Same-Day-Delivery-Service und eine Express-Lieferung in Berlin.

Sie alle folgen damit dem Takt, den - jenseits von Amazon - gerade große Händler im Elektronik-Retail vorgeben. Vielleicht, weil man auf den neuen Flachbildfernseher nicht länger als nötig warten möchte. Preislich gibt es dabei gewaltige Unterschiede.

Media-Markt und Saturn, die inzwischen bundesweit Same Day Delivery anbieten, bieten die taggleiche Lieferung für 14,95 Euro zuzüglich der regulären Versandkosten.

Cyberport, dass seinen Kunden in  Berlin, Bochum, Dortmund, Dresden, Essen, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart in Kooperation mit Tiramizoo den “Eilt!-Service” bietet, verlangt auch 14,99 Euro.

Die Onlineshops von Gravis stellen nach Tests in Berlin jetzt auch in Düsseldorf, Köln, München und Stuttgart taggleich zu. Die Filialen in den Regionen – davon drei in München, zwei jeweils in Köln und Stuttgart und eine in Düsseldorf – fungieren dabei als dezentrale Lager. Apple-Händler Gravis wagt sich dabei im Elektronik-Retail preislich nach vorne und ruft zusammen mit dem Logistikpartner Liefery 9,99 Euro auf.

Noch günstiger macht es Notebooksbilliger (Hannover, Hamburg, Berlin)mit einer Preisstaffel von 2,99 bis 7,99 Euro. Partner ist auch hier Liefery.

Liefery, hervorgegangen aus einem Spin-off der Lufthansa-Beteiligung time:matters, und inzwischen von der Otto-Tochter Hermes finanziell unterstützt, zählt zu den großen Profiteuren des Tempo-Booms. Die Frankfurter sorgen inzwischen bei einigen prominenten Händlern für den Turbo-Gang.

Zalando vertraut in Berlin, Köln, Düsseldorf, Essen, Duisburg, Bottrop, Herne, Gladbeck, Mülheim adR, Gelsenkirchen, Oberhausen und Bochum auf den Dienst.

SportScheck macht es in Aachen, Augsburg, Berlin, Bielefeld, Braunschweig, Dresden, Essen, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Magdeburg, Mönchengladbach, München, Nürnberg und Stuttgart.

In Frankfurt, Essen, Stuttgart, Aachen und Dresden arbeitet Liefery mit dem Shopping-Center-Betreiber ECE zusammen.  Mymuesli nutzt den Service in über 20 Städten.

Bei einem Modellprojekt in München, wo Amazon wo die Zustellung der Pakete aus den Amazon-Logistikzentren an die Endkunden in München selbst koordiniert, arbeitet der Online-Riese unter anderem auch mit Liefery zusammen. Zu den Firmen, die den Kurierdienst nutzen, zählt außerdem wohl die Supermarkt-Kette Rewe.

Aktuell zählt Liefery 100 Mitarbeiter und über 2.500 Kuriere. Die kümmern sich um über 150.000 Zustellungen im Monat. Das mag noch überschaubar klingen. Aber das wird sich schnell ändern. Tempo-Macher Nils Fischer ist sicher: „Die Tempo-Erfahrung sorgt dafür, dass der Verbraucher in Zukunft keine Kompromisse mehr akzeptiert. Denn egal, ob es sich um verderbliche oder nicht verderbliche Waren handelt: Er wird anspruchsvoller und erwartet eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Zustellung.“

Neben Elektronik und Lebensmitteln wird nämlich vor allem der Fashion-Kunde in Zeitfragen immer verwöhnter. So haben längst auch Regionalfürsten wie die Modekette Engelhorn Same Day Delivery im Portfolio. Bei Engelhorn bietet man die Lieferung am Tage der Bestellung in Mannheim, Ludwigshafen und Viernheim an.
Zalando, dass mit ZipCart sogar eine eigene App für besonders eilige Kunden gelauncht hat, sieht es gar als kommendes Aushängeschild seiner im Bau befindlichen Plattform-Strategie, besonders ungeduldige Kunden gleich am selben Tag noch aus einer Filiale des Herstellers oder Händlers um die Ecke beliefern zu können. Woher die Ware kommt, ist Zalando dabei vermutlich so ziemlich egal. Hauptsache, es geht schnell. Der Kunde sieht das sehr wahrscheinlich ähnlich.



Über die Tempo-Attacken im E-Commerce sprechen wir mit Timo Schamber, Head Sales bei Liefery, beim etailment Summit am 29. September in Frankfurt.