Kurz vor dem Start des Weihnachtsgeschäfts warnt der Bundesinnenminister vor einem Terroranschlag in Deutschland. Aber wo? Auf einem Flughafen? Oder gar in einer Fußgängerzone? Der Einzelhandel ist in Alarmbereitschaft.

Für Waltraud Loose kommt die Nachricht ungelegen, sie ist aber keineswegs unvorbereitet. "Wir diskutieren das Thema Sicherheit schon seit geraumer Zeit. Es laufen längst auch entsprechende Mitarbeiterschulungen", sagt die Sprecherin des Einzelhandelverbandes Nordrhein-Westfalen zu derhandel.de

Neu ist allerdings seit heute, dass das Thema Terroranschlag in Deutschland mit einer nie dagewesenen öffentlichen Aufmerksamkeit diskutiert wird.

Bundesinnenminister Thomas de Maizère verweist auf "Hinweise eines ausländischen Partners, nach denen Ende November mutmaßliche Anschlagsvorhaben umgesetzt werden". Zudem habe sein Ministerium "eigene Erkenntnisse" über "Bestrebungen islamistischer Gruppen zu Anschlagsplanungen in der Bundesrepublik".

Und der Berliner "Tagesspiegel" schreibt, dass zwei Terroristen des Netzwerkes Al-Qaida auf dem Weg seien, um in Deutschland und Großbritannien Anschläge zu verüben.

HDE spricht von Mitarbeiterschulungen

Für den Einzelhandel wird längst eine Horrorvisionen beschrieben: Eine gut gefüllte Fußgängerzone mit Menschen bei den Weihnachtseinkäufen - und ein Terroranschlag. Sicherheitsexperten fürchten auch, dass gerade die Advents- und Christkindlmärkte Ziel eines Anschlags sein könnten.

Dabei haben sie auch die versuchte Sprengstoffattacke von einer algerischen Gruppe auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg vor genau zehn Jahren vor Augen. Damals konnten die Sicherheitsbehörden die geplante Sprengung eines Dampfkochtopfes in letzter Minute verhindern.

Mehr Kontrollen auf dem Nürnberger Christkindlmarkt

Auf dem populären Nürnberger Christkindlmarkt will die Polizei mehr Präsenz zeigen. Außerdem sollen die Besucher verstärkt auf herrenlose Taschen achten und sie der Polizei melden.

Bislang gebe es keine Erkenntnisse, dass der Markt besonders gefährdet sei, betonte eine Sprecherin. Es werde allerdings geprüft, ob das Sicherheitskonzept angepasst werden müsse. Geschäftseinbußen fürchten die Budenbetreiber derzeit nicht.

Die Handelsbranche ist aufgeschreckt.  Angesichts der jüngsten Terrorwarnung sind auch die rund 400.000 Einzelhändler in Deutschland um erhöhte Sicherheit bemüht. Dazu würden der Wachschutz vermehrt geschult und die Mitarbeiter sensibilisiert, teilte der Handelsverband HDE am Donnerstag mit.

Vor allem Handelsunternehmen an kritischen Orten wie Bahnhöfen und Flughäfen stünden in engem Kontakt mit den Sicherheitsbehörden und stimmten Maßnahmen ab. Taschenkontrollen in Geschäften und Warenhäusern werde es aber nicht geben. Das sei rechtlich nicht machbar, glaubt Branchensprecher Kai Falk.

ECE kooperiert mit der Polizei

Auch Deutschlands größter Shoppingcenter-Betreiber ECE nimmt die Warnung sehr ernst. Das Unternehmen betreibt hierzulande 86 Center, außerdem gehören auch die Ladengalerien in Hauptbahnhöfen von Köln und Leipzig den Hamburgern.

"Wir sind über die speziellen Informationsdienste des Innenministeriums an den Informationsfluss bezüglich der Terrorwarnungen angeschlossen", teilt ECE-Sprecher Christian Stamerjohanns auf Anfrage von derhandel.de mit.

Wie auch bei vergleichbaren Warnungen des Innenministeriums in der Vergangenheit habe die ECE ihre Centermanager noch einmal darauf hingewiesen, in den nächsten Tagen besonders wachsam zu sein. Dies gelte für alle Mitarbeiter des Centers und auch für die beauftragten Wachdienste, die ein besonderes Augenmerk etwa auf herrenlose Gegenstände, verdächtiges Verhalten oder verdächtige Fahrzeuge richten sollen.

"Für einige Center an möglicherweise besonders gefährdeten Orten gibt es eine enge Kooperation zwischen Centermanagement und Polizei/Bundespolizei", teilt Stamerjohanns mit. Dort würden zusätzliche sichtbare und nicht sichtbare Maßnahmen der Behörden durchgeführt, wie häufigeres Patroullieren durch die Center.

Mehr Informationen will das Unternehmen nicht preisgeben. Die ECE nehme die Warnungen aber ernst und halte die vorgeschlagene Herangehensweise (Mahnung zur Vorsicht, aber keine Panikmache) für richtig, hieß es.

Ein schmaler Grat

"Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt nicht von einer Zurückhaltung der Kunden im Weihnachtsgeschäft aus", betonte Sprecher Stamerjohanns. "Wie die Kunden reagieren, wenn es in Deutschland zu Anschlägen kommt, kann natürlich niemand vorhersagen."

So sieht es auch Bernd Ohlmann, Sprecher des Einzelhandelsverbandes Bayern, auf Anfrage von derhandel.de: "Solange es nur bei einer Drohung für einen Anschlag bleibt, gehe ich nicht davon aus, dass das Weihnachtsgeschäft davon beeinflusst wird."

Bisher sei alles eine abstrakte Gefahr, die die Behörden zwinge, auf einem schmalen Grat zu wandeln: Einerseits müsse die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisiert, andererseits zur Besonnenheit aufgerufen werden.

Der bayerischer Handelspräsident Michael Krines betont, dass die Verbraucher im Münchner Raum  sich nicht aus der Ruhe lassen bringen würden. "Sie sind wirklich unglaublich stabil. Da muss schon ganz massiv etwas passieren, nur Drohungen genügen nicht, um unsere Kunden zu beeinflussen."

Krines blickt mit Zuversicht auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft und hofft auf besseren Umsatz als im vergangenen Jahr. Die gesamte Branche geht von einem guten Weihnachtsgeschäft aus.

Alle Jahre wieder

Waltraud Loose verweist auf die bescheidenen Möglichkeiten, die Einzelhändler haben, um einen Anschlag abzuwenden. "Wir haben die Mitarbeiter darauf geschult, auf Menschen zu achten, die etwa im Geschäft nervös herumlaufen und nicht dem Profil eines normalen Kunden entsprechen. Zudem sollen sie die Augen aufhalten, ob irgendwo herrenloses Gepäck herumsteht."

Grundsätzlich findet die nordrhein-westfälische Sprecherin bedauerlich, dass die Branche sich gerade zur Vorweihnachtszeit über so ein Thema Gedanken machen muss. Das sei zwar jedes Jahr der Fall, "aber diesmal findet die Diskussion in der Presse statt". Und das drücke auf die Stimmung.

Steffen Gerth mit Material von dpa