Was einst utopisch schien, ist Realität: Fairtrade-Produkte gehören zum deutschen Einzelhandel. Doch auf dem Fairtrade-Kongress in Berlin wurde deutlich: Es gibt noch viel zu tun.

Ben & Jerry's, Lidl, Puma - alle haben eines gemeinsam: Sie setzen stark auf Nachhaltigkeit. So wundert es nicht, dass diese Unternehmen Vertreter zum vierten Fairtrade Kongress in die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Berlin geschickt hatten. Mitveranstalter dieses Kongresses ist Der Handel.

Was zur Geburtsstunde des Zertifizierungs-Vereins TransFair im Jahre 1992 utopisch schien, ist heute, zum Jubiläum, Realität: Der Faire Handel hat sich durchgesetzt. "20 Jahre Fairtrade stehen für 20 Jahre Nachhaltigkeit", lobte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschlands (HDE) und greift ein Modewort auf: Nachaltigkeit. Diese liege im Trend wie nie zuvor. "Das Fairtrade-Siegel gibt es auf fast 2.000 Produkten", betonte Genth.

Rosen werden gerne genommen

"Bisher wurden mit Fairtrade-Produkten 2,1 Milliarden Euro Umsatz erzielt", lobte der HDE-Chef die Bilanz der vergangenen zwanzig Jahre. Dabei hob er besonders den Verkauf von fair gehandelten Rosen hervor. So sei der Umsatz der Blumen seit der Einführung im Jahr 2005 kontinuierlich gewachsen - Schätzungen zufolge in 2011 um 12,5 Prozent auf rund 81 Millionen Stück. Die Produktpalette fair gehandelter Lebensmittel umfasst auch Tee, Schokolade, Wein, Bananen und Fruchtsäfte.

Der Handel habe die ökonomischen Chancen von Fairtrade-Produkten erkannt, betonte Genth. Die hohe Glaubwürdigkeit des Fairtrade-Siegels gebe den Unternehmern die Chance, auch ihr eigenes Image aufzupolieren. "Vielfach setzen das die Händler in ihrer eigenen Werbung gezielt ein. Wer Fairtrade-Ware anbietet, profitiert bei den Kunden vom guten Image des Siegels", ist Genth überzeugt.

7.500 Tonnen Fairtrade-Kaffee

Die größten Profiteure des Fairen Handels sind freilich die Produzenten vor Ort. Professor Reinhard Stockmann, Soziologe an der Universität des Saarlands und Leiter des Center for Evaluation, kommt in seiner Studie "Ländliche Entwicklung durch Fairtrade" zu dem Ergebnis, dass in den Produktionsländern die Lebensumstände der Einwohner durch Fairen Handel grundlegend verbessert werden können.

Also sind die steigenden Absätze in deutschen Supermärkten gut für Menschen in der Dritten Welt. "Im vergangenen Jahr fanden in Deutschland etwa 7.500 Tonnen Fairtrade-Kaffee ihre Abnehmer. Weitere Verkaufsrenner mit Fairtrade-Siegel sind 10.000 Tonnen Bananen, 80 Millionen Rosen, 600.000 Kilo Eiscreme und über 2,6 Millionen Kleidungsstücke aus zertifizierter Baumwolle", lautete Genths Bilanz.

Kritik an Aldi Nord

Etwa 36.000 Supermärkte, Bioläden, Drogerien und Kaufhäuser haben Fairtrade-Produkte im Sortiment. Dazu gehört auch Discounter Lidl, der vor über fünf Jahren mit "Fairglobe" die erste Fairtrade-Eigenmarke einführte - was überraschend gewesen sei, wie Dieter Overath bekannte. "Aber in vielen Dingen ist der Discount einfach schneller", sagte der Geschäftsführer von TransFair.

Allerdings übte Overath auch Kritik. So sei der Discounter Aldi Nord "die letzte fairtradefreie Zone in Deutschland", klagte er zum wiederholten Mal.

Trotzdem sei in den vergangenen zwanzig Jahren sei viel erreicht worden, sagte der TransFair-Gründer. So habe der Handel beispielsweise Regalstopper eingeführt, die Fairtrade-Produkte kennzeichnen.

Auch die Fairtrade-Codes, in denen die Herkunft der Produkte beschrieben wird, sorgten für Transparenz. Es sei wichtig, die Kunden direkt anzusprechen. Vereinfacht heiße das: "Kennst du, willst du, kaufst du", so Overath.

Overath will mehr Markenartikel

Trotz dieser positiven Bilanz - zufrieden mit dem Erreichten ist Overath noch lange nicht. "Ich bin nicht bereit, im Schneckentempo der ersten Jahre weiterzumachen", gibt er sich kämpferisch. "Wir müssen mehr Markenartikel ins Boot holen."

Es sei nicht tragbar, dass ein Kilogramm Bananen im Lebensmitteleinzelhandel zu einem Spottpreis von 79 Cent verkauft werde. Es gehe um Wertschätzung. Der Preis sollte den Wert des Produkts reflektieren. "Da kann es nicht sein, dass das Produkt je weiter es herkommt, desto billiger verkauft wird."

Lob für die Discounter

Offen bleibt, wie groß die Möglichkeiten von Fairtrade-Podukten in Deutschland wirklich sind. Schließlich ist Nachhaltigkeit nicht billig zu haben. "Die deutschen Verbraucher zeigen sich immer wieder als extrem preissensibel", musste auch Genth eingestehen.

Dass Fairtrade-Produkte in ihrer Nische so erfolgreich sind, sei Genth zufolge vor allem den Discountern zu verdanken. Nur so seien die Waren für viele Kunden interessant geworden. Genth ist sich sicher: "Wer erfolgreich sein will, muss dahin, wo die Kunden sind. Die Einspeisung der Produkte in das deutschlandweit flächendeckende Netz der Discounter eröffnete Chancen, ohne die der heutige Erfolg von Fairtrade nicht vorstellbar wäre."

Dabei stellte der HDE-Chef klar, dass er es nicht als Aufgabe des Handels sehe, Kunden Fairtrade-Produkte aufzuzwingen. "Aus meiner Sicht ist Fairtrade für die Vielfalt des Handels eine sinnvolle und wichtige Ergänzung und steht in keiner Weise im Widerspruch zu regulären Produkten."

Markenartikler wollen Flexibilität

Das Fairtrade-System muss womöglich mehr Flexibilität beweisen - das wurde auf einer Podiumsdiskussion mit Vertretern von namhaften Industrie- und Handelsunternehmen auf der IFC deutlich.

Bislang gilt: Produkte, die das Fairtrade-Siegel tragen, müssen alle verfügbaren Bestandteile aus dem Fairen Handel beziehen. Das ist etwa beim Zucker ein großes Problem. Matthias Berninger von Mars versprach gar, mehr Marken auf Fairtrade umzustellen, wenn auf fair gehandelten Zucker verzichtet werden kann.

Letztlich bekannten sich aber alle Akteure zum Fairen Handel: Das Siegel sei gar "ein Leuchtstern am Horizont", lobte Lidl-Einkaufsvorstand Robin Goudsblom. Und es wird "auch zum 50. Jubiläum genauso quicklebendig sein wie heute", hofft HDE-Chef Genth.

Annette Sandhop, Berlin