Der große Van von Mercedes-Benz, der jetzt wieder V-Klasse heißt, war schon immer ein Dienstwagen mit üppigem Platzangebot. Nun versprüht er auch noch Oberklasseflair.

Die Steigerungsraten sind beeindruckend: Um 456,5 (!) Prozent legten die Zulassungszahlen für die V-Klasse von Mercedes-Benz in den ersten sieben Monaten des Jahres gegenüber dem Vergleichszeitraum 2014 zu.

Der dramatische Anstieg relativiert sich zwar, weil der Van aus  Vitoria unter dem neuen (alten) Namen erst im Mai vergangenen Jahres debütierte und damit neu in die Statistik des Flensburger Kraftfahrtbundesamtes aufgenommen wurde.

Doch im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger zeigt sich die dynamische Entwicklung tatsächlich: Im letzten vollen Verkaufsjahr des Viano brachte der Stuttgarter Automobilbauer 2013 bis einschließlich Juli nur 4.787 Einheiten in den Markt. Zum Modellwechsel waren es dann in den ersten sieben Monaten des vergangenen Jahres lediglich noch 3.756 Zulassungen – 2015 fand die V-Klasse hierzulande bereits 12.009 Fans.

Der Abstand zum Marktführer schmilzt

Im Duell mit Marktführer Volkswagen kann Daimler-Chef Dieter Zetsche, der die V-Klasse bei der Weltpremiere in München mit pathetischen Worten präsentiert hatte, schon mal einen Etappenerfolg verbuchen: Der Abstand zur soeben erst behutsam renovierten Transporter/Multivan-Baureihe aus Hannover (bislang 20.992 Zulassungen in 2015) schmilzt.

Und dieser Trend könnte sich fortsetzen, denn die Schwaben haben bei ihrer dritten Auflage deutlich mehr Mut zur Veränderung bewiesen, als die Niedersachsen mit ihrer sechsten Generation. Die im nordspanischen Nutzfahrzeugwerk gefertigte V-Klasse reiht sich nun nahtlos in die vornehme Pkw-Sternenwelt ein. Kein Mitfahrer, der während der Probezeit des 5,14-Meter langen Vans in der Redaktion von Der Handel nicht von der geschmackvollen Inneneinrichtung im Stile einer modernen Luxus-Lounge begeistert gewesen wäre.

Gediegenes Ambiente

Der geschwungene Armaturenträger mit dem großen Navigationsbildschirm sowie die gediegenen Lederpolster lösten schon tagsüber Begeisterung bei den Passagieren aus. Besonders ins Schwärmen kamen die Fahrgäste aber bei einsetzender Dunkelheit, wenn die Ambientebeleuchtung wahlweise in „Solar“-Gelb oder „Polar“-Blau erstrahlt.

Freilich hat der mächtige Wagen noch viel mehr zu bieten als optische Gimmicks. Unternehmer, denen die S-Klasse zu staatstragend, der Kombi der E-Klasse derzeit nicht aktuell genug (wird im Frühjahr 2016 erneuert) und die viel gelobte und erfolgreiche C-Klasse schlicht zu klein ist, werden unter anderem die Anhängelast von 2,5 Tonnen, vor allem aber den Platz schätzen. Platz herrscht ohne Ende, für maximal acht Personen samt deren Gepäck (mindestens 1.030 Liter Kofferraumvolumen), oder - mit Klapptisch ausstaffiert - für ein rollendes Büro.

Variable Bestuhlung, schwere Möbel

Als Bestuhlung stehen zwei Dreier-Bänke in Reihe zwei und drei oder jeweils zwei Einzelsitze zur Wahl. Die können horizontal verschoben, geklappt, gekippt, in Fahrtrichtung, gegen die Fahrtrichtung positioniert, oder ganz ausgebaut werden. Zu letzterer Übung gehört allerdings Kraft und Geschick. Ein Sessel wiegt um die 20 Kilogramm und man ist als "Innenraumgestalter" heilfroh, wenn die Verankerung wieder in die im Boden integrierte Führungsschiene gewuchtet ist.

Das gilt auch für die „Hutablage“. Die wiegt mit zwei massiven Metallstützen stolze 18 Kilogramm, kann dafür aber immerhin 50 Kilogramm an Ladegut tragen und beherbergt auch noch zwei faltbare Einkaufskörbe. Das aufwendige Gestell gibt es in Verbindung mit einer geteilt zu öffnenden Heckklappe. Dabei schwingt die Fensterscheibe gesondert auf. Ansonsten lassen sich sowohl die mächtige Kofferraumpforte als auch die beiden seitlichen Schiebetüren auf Knopfdruck per Fernbedienung öffnen und schließen.

Stattliche Investition

Foto: Mercedes-Benz
Foto: Mercedes-Benz
Die technischen Feinheiten funktionieren allerdings nur, wenn der nach Möglichkeit zahlungskräftige Kunde nicht nur beim Basismodell, dem V 200 d mit 100 kW/136 PS ab 42.983 Euro, ein Kreuzchen macht, sondern auch gleich die Ausstattungslinien „Avantgarde“ und noch besser „Avantgarde Edition“ mit ordert. Dann werden allerdings mehr als 50.000 Euro fällig – was in der Praxis immer noch nicht ausreicht.

Denn selbst mit dem Diesel der zweiten Leistungsstufe (120 kW/163 PS) im V 220 d ist der Zweitonner mit einer maximalen Zuladung von 945 Kilogramm nicht gerade üppig motorisiert. Der Vierzylinder macht seine Sache auf ebener Landstraße und bei Autobahnrichtgeschwindigkeit noch ganz ordentlich, wirkt unter Volllast aber regelrecht "wie zugeschnürt", wird unkomfortabel laut und reagiert träge. Plötzlich ist das schöne Oberklasseflair dahin. Da kann auch das ansonsten reibungslos arbeitende Siebengang-Automatikgetriebe nichts mehr retten.

Der stärkste der drei Diesel sollte es schon sein

Bleibt nur die Investition von weiteren rund 4.500 Euro für den stärksten der drei angebotenen Selbstzünder im V 250 d mit 140 kW/190 PS. Der dürfte im Praxisbetrieb sogar noch etwas sparsamer, weil häufig weniger angestrengt, unterwegs sein. Der V 220 d genehmigte sich im Alltagsbetrieb 8,9 Liter. Sparsame Fahrweise bringt rund einen Liter Minder-, flottere Gangart rund einen Liter Mehrverbrauch – was so gar nichts mit dem vom Hersteller ermittelten Normwert von 5,9 Liter für die Variante mit Automatikgetriebe zu tun hat...

Doch die V-Klasse ist nicht nur bei Ambiente, Preis und Verbrauch im automobilen Oberhaus angekommen. Der Van verfügt, teils serienmäßig, meistenteils gegen Aufpreis, auch praktisch über alle technischen Assistenzsysteme, die die Premiummarke im Portfolio hat. Ein Komfort- und Sicherheitsfeature auf langen Autobahnreisen ist dabei die Geschwindigkeitsregelanlage mit Abstandsradar („Distronic plus“). Damit ist der große Wagen schon auf halbem Wege zum autonomen Fahren. Das Auto reiht sich bis zum gewünschten Tempo in den Verkehr ein, der Fahrer muss lediglich noch die Spur wählen und lenken.

Bernd Nusser