Politik trifft auf Netzwirtschaft: Beim Event "Leader's Lecture" in Berlin debattierte die Versand- und Onlinehandelsszene über die Zukunft der Branche.

Eine Politikerin outet sich als E-Commerce-Fan, ein Marketing-Guru lobt den positiven Effekt negativer Bewertungen im Web, ein Google-Manager gerät freiwillig in der Defensive - das Event "Leader's Lecture" des Bundesverbandes des Deutschen Versandhandels (bvh) in Berlin bot Unterhaltung für Manager auf hohem Niveau.

Zum zweiten Mal lud der Verband ausgewählte Top-Führungskräfte des deutschen Versand- und Onlinehandels zum exklusiven Treffen in der Hauptstadt. Rund 180 Gäste wurden in der Repräsentanz der Deutschen Bank vom designierten bvh-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer begrüßt.

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Der "Neue" an der bvh-Spitze hat viel vor: Der Verband baut zum Beispiel das Berliner Personal aus. Die bvh-Welt ändert sich so rasant wie das Internet, der Schwerpunkt verlagert sich - wie der Markt - vom klassischen Versandhandel hin zum E-Commerce.

Die nationalen Grenzen des Onlinehandels

Dementsprechend kreisten die Themen der "Leader's Lecture" um das Geschäft im Web. Für die FDP-Politikerin Silvana Koch-Merin ist der Einkauf im Internet eine Selbstverständlichkeit: "Bis auf Lebensmittel habe ich schon alles online gekauft", sagte die Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments.

Doch noch stößt E-Commerce in Europa an nationale Grenzen, weiß die EU-Abgeordnete: "Um diese Grenzen aufzuheben, müssen wir die Dinge harmonisieren und vereinfachen". Die Regulierung des Internets sei ein kontinuierlicher Prozess und für die Regulierer selbst nicht ganz einfach, denn das Web ändere sich viel schneller als die Gesetzgebung.

Das Problem kennt Gerd Billen gut: Immer mehr Beschwerden über Onlineanbieter landen bei den Verbraucherzentralen, sagte der Geschäftsführer des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), am Rande der Veranstaltung.

Billen will sich künftig für ein einheitliches Qualitätssiegel für Onlinehändler einsetzen, erklärte er gegenüber Der Handel. Welche Parameter ein Anbieter dafür erfüllen muss, ist freilich noch offen.

Warum schlechte Bewertungen gut sein können

Nach der Politikerin Koch-Merin war ein Marketing-Guru an der Reihe: Der Kanadier Mitch Joel berät unter anderen Google in Sachen Onlinestrategie und machte klar, dass das Internet den Handel, sei es online oder stationär, jetzt schon massiv verändert.

Mit Hilfe von einfachen Applikationen erfahren Verbraucher im Laden nicht nur, wie viel etwas in einem anderen Geschäft kostet, sondern auch dank GPS, wie weit das nächste Angebot entfernt ist.

Joel rief die Unternehmen auf, Anregungen und Kritik im Netz zuzulassen und sagte, dass sogar negative Bewertungen einen positiven Effekt haben können - denn sie zeigen die Offenheit des Anbieters und sorgen für Vertrauen.

Zudem können differenzierte Bewertungen positive Eigenschaften eines Produkts hervorheben - wenn etwa eine Kamera als "nicht für Profis geeignet" kritisiert wird, sei das aus Sicht von Hobbyfotografen gut. "Negative Meinungen verhelfen Konsumenten viermal so oft zum Kauf als positive Meldungen", sagte Joel.

Google setzt auf das mobile Internet

Als letzter Redner traf Google-Europachef Philipp Schindler auf, der vor allem versuchte, verschiedene Kritikpunkte von Datenschützern zu entschärfen - zum Beispiel bei der Erfassung von Straßenbildern mittels "Google Streetview".

Immerhin verriet der deutsche Manager, der in London lebt, dass Google in Zukunft das mobile Internet im Fokus hat: Handys, mit Erkennungssoftware ausgestattet, werden künftig Informationen über so verschiedene Dinge wie Kunstwerke im Museum oder Produkte im Supermarkt liefern.

Für Mitch Joel ist das eine Realität, die viele Unternehmer nicht erkennen wollen: "Wen Sie sagen, Sie wollen sich nicht mit den Trends im Internet beschäftigen, dann ist das Alter nicht das Problem - sondern Ihre Einstellung", schrieb der Experte den Gästen ins Stammbuch.