Home24 zählt zu den großen Gewinnern im Geschäftsbericht von Rocket Internet. Mit einem gewaltigen Sprung von 72,5 Prozent schaffte das Startup 2014 160 Millionen Euro. Ein Umsatz, um den mancher Möbelhändler neidisch wäre.  Um so manche Kennzahl auch. Wiederholt sich nun im Möbelhandel die Zalando-Story, weil eine schlafmützige Branche ihre Chance verpasst?

Für die Antwort nehmen Sie bitte Platz. Wir haben auch einen Stuhl für Sie. Mit dem zeigen wir, warum man die etablierten Anbieter nicht abschreiben darf. Wenn sie sich im Internet Mühe geben.

Es schon beeindruckend was Home24 derzeit vorlegt. Spannend ist insbesondere die Zahl aktiver Kunden. Die hat sich verdoppelt.  Zudem ist die Kundenbasis auf 1,5 Millionen Kunden gestiegen.  Nahezu unschlagbar zudem: Die Zahl der verfügbaren Produkte ist von 70.000 auf 150.000 gestiegen, die aus inzwischen sieben Logistikstandorten verschickt werden.  

Das zeigt, dass sich das Startup im Markt festsetzt. Auch wenn gleichwohl Vorsicht angebracht ist. Die Zahlen aus dem Rocket Internet-Geschäftsbericht zeigen: Da ist noch einiges eher mau. Home24 kommt auf ein EBITDA von -54,2 Millionen Euro (2013: -40,9 Millionen). Da braucht es weitere Anstrengungen und noch mehr Geld. Viel mehr Geld. Auch das internationale Wachstum kostet Geld. Home24 ist inzwischen in sieben europäischen Ländern. Fulminante Zuwächse werden also teuer erkauft.

Aufstellung aus der Investorenpräsentation von Rocket Internet
Aufstellung aus der Investorenpräsentation von Rocket Internet

Jetzt kann somit im klassischen Handel noch reagiert werden, wenn man vom Start weg einiges besser macht als der Neuling.

Schauen wir beispielsweise einmal auf einen zufällig ausgewählten Stuhl namens Bess. Er ist von Tenzo. Ganz hübsch und im gerade so trendigen skandinavischem Design. Und man bekommt ihn an so einigen Stellen im Web.

Wie verkauft nun Home 24 den Stuhl?

Auf den ersten Blick scheint alles prima. Einkauf im Web wie es der Kunde bei  Zalando gelernt hat.

Doch vergleichen wir einmal das Angebot mit daheim. de. Das ist die Online-Marke von Segmüller aus Friedberg bei Augsburg mit seinen sieben Filialen in Süddeutschland, was uns als Kunde ein wenig schwindelig macht. Außerdem ist es a) markentechnisch blöd und auch b) ein wenig feige, den Auftritt vom Heimatauftritt Segmüller zu trennen.

Dafür aber entschädigt uns der Webauftritt. Der ist nämlich nur nur State-of-the—Art, sondern kann Home24 ins Sachen Nutzwert und Darstellung auf der Produktseite sogar übertrumpfen. Die Siete wirkt aufgeräumter, bietet wichtige Informationen prägnanter, überzeugt mit mehr Produktfotos  samt einem inspirierenden Interieur-Bild.

Besonders clever aber ist die Bemaßungsdarstellung. Als Zollstock-Agnostiker macht mich so etwas ganz glücklich.

Noch glücklicher macht den Kunden, dass daheim.de den Web-Konkurrenten auch im Preis schlägt und bei der Lieferzeit einen gewaltigen Vorsprung hat.

Übrigens: Versandkosten fallen bei dem Stuhl nicht an. Allerdings verwirrt der Hinweis mal „zzgl“ mal „ohne“  Versandkosten ebenso wie die Versandkosten-Tabelle überhaupt.

Sobald man den Artikel in den Warenkorb legt, zeigt daheim.de auf recht unaufdringliche Weise zudem im Bestätigungs-Pop-up zudem an, welche Produkte passen würden. Die Auswahl ist wohltuend begrenzt. Home24 erspart sich das.

Auch in Sachen SEO macht Segmüller zumindest bei diesem Produkt mehr Punkte. Platz 1 bei den normalen Suchergebnissen. Home24 dümpelt am Fuß der Seite.  Auch bei den Adwords drängelt sich Segmüller vor Home24.  Deren Anzeige ist allerdings deutlich besser getextet. Bei Google Shopping hält daheim.de die Top-Platzierung. Vielleicht mag Google es auch nicht so sehr, dass Home24 den Stuhl im preislich unattraktiv wirkenden 2er-Set verkauft.

Aber vielleicht ist der Stuhl auch nur ein ganz doofes Beispiel für Home24. Denn die Sitzgelegenheit von Tenzo ist auch bei Amazon ein Stückchen billiger. Tenzo verfügt übrigens auch über einen eigenen Markenshop bei Amazon.  Auch auf diese Bedrohung muss der Möbelhandel also achten.

Auf jeden Fall aber zeigt daheim. de, dass sich ein alter Hase wie der Möbelhändler aus Süddeutschland den Attacken von Rocket Internet erwehren kann, wenn er den Angreifer nicht nur nachahmt, sondern sogar besser sein will. Der Stuhl auf dem daheim.de dabei Platz nimmt, ist aber mehr als wackelig. Die Wahrnehmung der Marke, immerhin ist Segmüller bereits seit August 2013 mit daheim.de im Netz, tendiert Richtung Bodennebel.  Home24, mit Werbung im TV präsent, ist obendrein kommunikativ penetranter und erinnert mich gleich mal bei Facebook. Das muss man nicht sympathisch finden. Das funktioniert aber.



Grafik: Statista