Lebensmittelhandel und -industrie beschäftigten sich auf einer Tagung in Köln mit dem Thema Nachhaltigkeit. Beim "Unternehmertag Lebensmittel" gab es viel Denkstoff, doch wenig Praktisches.

Gleich zu Beginn legte Umweltminister Sigmar Gabriel ein überraschendes Bekenntnis zur Lebensmittelbranche ab: "Ich bin der letzte Werbeträger der Veredelungswirtschaft", bemerkte der schwergewichtige SPD-Politiker mit einem Schmunzeln.

Gabriel war das politische Highlight des Kongresses "Unternehmertag Lebensmittel" in Köln an diesem Dienstag, der einige prominente Redner aufbot - vom Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber bis zum ifo-Institutsleiter Hans-Werner Sinn. Eingeladen hatte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) zusammen mit der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.

Lobbyarbeit gelobt

Die Rede des Umweltministers hielt im weiteren Verlauf leider keine weiteren Überraschungen parat. Applaus bekam Gabriel vor allem für seine Feststellung, die Produktkennzeichnung im Handel dürfe "den Verbraucher nicht weiter verunsichern."

Der Minister pries die Arbeit des HDE-Präsidenten Josef Sanktjohanser, der "unaufgefordert" auf ihn zugekommen sei. Sigmar Gabriel sagte, er sei seitdem "beeindruckt" von den vielfältigen Aktivitäten der Handelsunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Mehr Theorie als Praxis

Davon war im weiteren Verlauf des Events nicht mehr viel zu hören: Die Veranstalter wollten den Teilnehmern lieber Denkstoff mit auf dem Weg geben, als Praxisbeispiele zu zeigen.

So mahnte der Klimaforscher Schellnhuber unaufgeregt und fachlich brillant die Folgen der Erderwärmung und die Klimakatastrophe an, die uns möglicherweise bevorstehen. Hans-Werner Sinn, Leiter des Münchner ifo-Instituts, kritisierte die staatlichen Öko-Subventionen scharf und geißelte die "grüne Politik" der Regierung als kontraproduktiv. Nebenbei machte er Werbung für sein jüngstes Buch, das sich mit dem Thema beschäftigt.

Zwischen den Vorträgen nahmen Vertreter des Handels und der Industrie an Talkrunden teil - und diskutierten mal mehr, mal weniger kontroverse Themen, wie zum Beispiel das CO2-Label. Marion Sollbach, Abteilungsleiterin Nachhaltigkeit bei der Metro-Gruppe, warnte davor, den "Siegelwald, den wir in Deutschland haben" noch undurchsichtiger zu machen.

Reibungen zwischen Handel und Industrie

Im Vorfeld des Kongresses gab es Irritationen zwischen Lebensmittelhandel und -herstellern, da die EU-Kommission die 20 größten europäischen Händler zur Mitarbeit an der Vorbereitung eines Aktionsplans für Nachhaltigkeit in Produktion und Verbrauch einlud - und die Industrie zunächst außen vor ließ. Die Tür sei aber "offen für jeden, der Verantwortung übernehmen möchte", unterstrich Umweltexpertin Sollbach.

Am Schluss wurden die Teilnehmer mit den mahnenden Worten des stellvertretenden BVE-Chef Dietmar Kendziur entlassen, man solle auch in der Krise an die Ökologie denken - und mit einem klugen Spruch des nicht immer klug wirkenden Moderators Matthias Bongard (WDR): "Die Arche Noah wurde von Laien gebaut, die Titanic von Experten."