Die Redaktion von Der Handel besuchte mehr als 50 Karstadt-Häuser bundesweit. Das Fazit: Die Karstadt-Welt ist voller Kontraste.

Das Symbol für den Anspruch dieses Hauses steht in einem Plexiglaswürfel und kostet 29.000 Euro - so viel muss man für eine Flasche Cognac Remy Martin „Louis XIII Black Pearl" hinblättern. 100 Jahre ist dieser Tropfen alt, und es gibt weltweit nur ein Fass davon. Das Wort Luxus ist angesichts dieser Preisdimension stark untertrieben.

In der neuen Filiale des insolventen Warenhauskonzerns Karstadt in Berlin-Steglitz steht eine solche Flasche als Ausstellungsstück - und wirkt wie ein Symbol für die Klasse des Hauses. Dieses Warenhaus hat Weltstadtflair: Breite Gänge zum Flanieren, elegante Sachlichkeit, würdevolle Einkaufsatmosphäre. In der Kosmetikabteilung gibt ein Star-Visagist Schminktipps, das Res­taurant ist gediegen.

Die Außenfassade aus einer Mischung aus Glas und hellem Sandstein lädt die Kunden ein: Komm, genieße den Luxus. In dieser schwarz-weißen Designer-Kulisse darf sich jeder Konsument als Besserverdienender fühlen - genauso wie bei der größeren Schwester KaDeWe im Westen Berlins, die dagegen aber schon fast langweilig anmutet.

Reise der Kontraste

Die Filiale in Steglitz überzeugt und ist mustergültig für ein Warenhaus als Kundenmagnet. Doch ein Ausflug durch die Karstadt-Welt hält nicht nur angenehmen Überraschungen parat, es ist auch eine Reise der Kontraste.

Einen krassen Gegenpol zum gediegenen Hauptstadthaus findet man zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Gummersbach: Am Rande der Einkaufsstraße in einem alten, kleinen, engen Innenstadtcenter, das eine Revitalisierung dringend nötig hat, liegt das Karstadt-Haus.

„Wenn es um die schönen Dinge des Lebens geht, blühen wir richtig auf. In unserem Themenhaus können Sie alle Vorteile eines modernen Warenhauses nutzen", steht im Internet. Das hat wohl jemand in der Zentrale in Essen geschrieben, der noch nie in Gummersbach war.

Das Grauen wartet im Betonklotz

Oft wartet das Grauen im grauen Betonklotz - wie zum Beispiel in Gießen, wo pure Einkaufslangeweile auf fünf Etagen angeboten wird, oder in Recklinghausen, wo das örtliche Karstadt-Kaufhaus die Anmutung einer „Resterampe" hat.

In Kaiserslautern ist das Gebäude dreckig und altbacken, die braune Fassade heruntergekommen, die Filiale soll bald geschlossen werden. Immerhin: Eine singende Klofrau aus Afrika lässt schöne Heimatmelodien in den Waschräumen erklingen.

Fehlende Investitionen

In vielen Städten wird dem Betrachter sofort klar, dass schon lange nicht mehr in den Standort investiert wurde. So zum Beispiel in Mainz, wo der örtliche Bürgermeister seit Jahren eine Modernisierung der Filiale fordert, die nach wie vor den Charme der Siebzigerjahre ausstrahlt.

Karstadt in Frankfurt am Main ist ein Beispiel dafür, wie einsam und allein die Filialleiter gelassen werden: Eigentlich sollte der Standort in der Mainmetropole in diesem Jahr in ein Luxushaus verwandelt werden. Doch Ende 2008 platzte der Traum: Es war einfach kein Geld da.

Dabei wäre der Umbau bitter notwendig gewesen: In Sichtweite befindet sich das „House of Beauty" von Douglas, auch das neue Innenstadtcenter MyZeil hat ein paar Meter weiter eröffnet und nicht allzu weit lockt der schick umgebaute Kaufhof die Kunden an.

Karstadt in Großstädten

Weiteren Karstadt-Häusern in großen Städten gelingt es nicht wirklich, sich vom Handelsumfeld abzuheben - so zum Beispiel in Stuttgart, wo die Top-Lage die fehlende Atmosphäre im Haus nicht wett macht.

Auch in Nürnberg röhrt der Platzhirsch direkt gegenüber vom Hauptbahnhof nicht mehr wie einst um die Gunst der Kunden: Das Sortiment ist bieder - wer kauft schon schwere Schnellkochtöpfe, Waschmaschinen, Handbrausen oder Wasserhähne bei Karstadt? In Hannover herrscht im Kaufhaus Grabesstille, die Atmosphäre ist aseptisch. Der Haupteingang wird durch einen Fahrstuhlschacht verbaut.

Zwei Welten in München

In München fängt der Karstadt-Kunde den Einkaufsbummel im altehrwürdigen Stachus-Dom mit den offenen Etagen an, es beschleicht einen das Gefühl, in der französischen Kaufhauskette „Lafayette" zu sein. Hier werden die Waren opulent in Szene gesetzt.

Doch dann kommt der Stilbruch: Kaum hat man den Übergang in die Abteilung zum Bahnhofsplatz genommen, verfällt Karstadt wieder in die alte Ramsch-Philosophie, es wird viel zu viel Ware unübersichtlich präsentiert.

In Dortmund macht sich Karstadt selbst Konkurrenz mit zwei Häusern, nur wenige Hundertmeter voneinander entfernt. In der Schadowstraße in Düsseldorf nahe der ­Königsallee ist die Konkurrenz groß: Viele Filialisten sind vor Ort, auch im nahen Einkaufszentrum Schadow Arkaden - und Kaufhof mit Saturn direkt nebenan.

Das Navigationsgerät versagt

Wer sich auf die Suche nach einer Karstadt-Filiale begibt, muss zuweilen einen guten Orientierungssinn haben. In Mönchengladbach findet das Navigationssystem das Karstadt-Haus im Stadtteil Rheydt nicht. Selbst in Rheydt findet man Karstadt nicht auf Anhieb, muss sich durchfragen. Wer zum Karstadt-Schnäppchenmarkt in Frankfurt an der Oder will, wird ebenfalls irregeleitet: Im Internet wurde der Straßenname der Filiale falsch geschrieben.

Während unserer ausgedehnten Fahrten quer durch die Republik reihen sich in der Erinnerung der Karstadt-Reisenden viele Bauten aneinander, die man schwer auseinander halten kann: War es die Filiale in Leonberg oder in Viernheim, die in einem seelenlosen Einkaufszentrum angesiedelt ist?

Es waren beide. Dazu kommt noch die trostlose Filiale in Hamburg-Osdorf, die immerhin aktuell umgebaut wird. Ein wenig besser sieht es im Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach aus. Hier lauern jedoch Kaufhof und Breuninger um die Ecke.

Verschobene Einkaufslage

Vielerorts beschleicht den Betrachter zudem das Gefühl, dass sich die jeweilige Top-Einkaufslage zu ungunsten von Karstadt verschoben hat. Zum Beispiel in Bielefeld: Eine Straße weiter tobt das Leben, dort gibt es eine moderne Kaufhof-Filiale, nebenan Saturn und eine Einkaufspassage. Karstadt bleibt dagegen am Rande und gibt ein trauriges Bild ab.

Auch in Köln liegt die Filiale zwar nicht weit von der Haupteinkaufsmeile „Hohe Straße", aber irgendwie doch im Abseits. Das in die Jahre gekommene Karstadt-Haus am Königsgraben in Memmingen wirkt verloren und ist umständlich zu Fuß zu erreichen. Wie so oft ist auch hier das Publikum eher betagt.

In Münster dagegen wird die Lage schon bald durch eine Einkaufspassage aufgewertet. Sie wird freilich noch gebaut, denn derzeit ragt unmittelbar vor dem Karstadt-Haus eine riesige Baustelle empor.

Bestechende Top- Häuser

Doch die Karstadt-Welt besteht nicht nur aus melancholischen Erfahrungen. Karstadt kann auch begeistern - und zwar nicht nur in Premiumhäusern wie das ­KaDeWe in Berlin, Oberpollinger in München oder das Alsterhaus in Hamburg-Mitte, die mit einer ausgezeichneten Wareninszenierung punkten. Immer dann, wenn die Lage, das Angebot und die Leitung vor Ort stimmen, hat die Karstadt-Filiale Chancen, am Markt zu bestehen.

Beispiel Karlsruhe: Die Filiale an der Haupteinkaufsmeile Kaiserstraße ist zentral gelegen und hat eine Straßenbahnhaltestelle vor der Tür. Die Atmosphäre ist geradezu nobel, wie bei einem Mini-KaDeWe, das Restaurant im obersten Stock verfügt sogar über einen Dachgarten.

Auch das Kaufhaus in Augsburg entzückt den Besucher: Das Gebäude ist übersichtlich gestaltet, jede Etage wirkt in sich geschlossen. Die Artikel sind gut platziert und werden gekonnt ins rechte Licht gerückt.

Auf der Hamburger Mönckebergstraße gibt es Sitz­gelegenheiten zum Ausruhen, eine Art Service-Super­visor sorgt sich um die Warenpräsentation und beantwortet Kundenfragen. Im Stuttgarter Vorort Esslingen findet man ein Haus mit moderner Glasfassade in Top-Lage.

Gute Standorte, wo man sie nicht vermutet

Zuweilen findet man exzellente Standorte, wo man sie gar nicht vermutet - zum Beispiel nahe dem Bahnhof in Duisburg, im neuen Einkaufszentrum „Forum Duisburg". Dort hat Karstadt eine geradezu edle Anmutung. Eine Showküche in der Perfetto-Lebensmittelabteilung macht Lust auf Kochen und Einkaufen.

Ebenfalls im Ruhrpott befindet sich eine weitere Perle des Karstadt-Imperiums: Im neuen Einkaufszentrum Limbecker Platz in Essen gibt es auf vier Etagen Mode und schöne Dinge für Zuhause. Das Lifestyle-Ambiente passt zum Lifestyle-Sortiment: Beauty Lounge mit Nagelstudio sowie eine schicke Lavazza-Espresso-Bar sind vorhanden.

Nahversorger vor Ort

In kleineren Städten bietet Karstadt oft keine Wohlfühl-Atmosphäre, wird aber - oft mangels Konkurrenz - als Nahversorger geschätzt. Beispiel Siegen: Auf der steilen, verwinkelten Haupteinkaufsstraße gibt es kaum Filialisten, fast nur Lokalmatadore - Buchladen, Parfümerie, Metzger. Mitten am Tag bilden sich Schlangen an der Textilkasse.

Auch in Limburg besitzt die Filiale nahe der schönen Fachwerkhaus-Altstadt noch eine zentrale Funktion als Einkaufsort. Doch auch dort ist Wehmut unter den Angestellten zu spüren. Als Gutscheine an der Kasse eingelöst werden, sagt die Verkäuferin: „Jaja, jetzt kramen die Leute alles zusammen."

Karstadt Bamberg bietet im schönen, klassischen Gebäude schon seit zehn Jahren „Kunst im Treppenhaus" - wechselnde Ausstellungen, mit denen die Filiale aktuelle Tendenzen der Gegenwartskunst präsentiert. Eine gute Idee, um das Publikum ins Haus zu locken.

Hier geht die Karstadt-Tour weiter: Lesen Sie den 2. Teil der Reportage