Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, über die Chancen des Kfz-Handels, Mobilitätstrends und Messehöhepunkte der bevorstehenden IAA.

Foto: VDA
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Herr Wissmann, der Monat Juli brachte dem deutschen Automobilmarkt ein leichtes Plus. Welche Erwartungen knüpfen Sie an den weiteren Jahresverlauf?

Der deutsche Pkw-Markt ist im Juli 2013 um 2 Prozent gestiegen. Das ist - nach April - der zweite Anstieg im bisherigen Jahresverlauf. Allerdings war das erste Halbjahr noch recht schwach. Der deutsche Pkw-Markt ist noch nicht über den Berg. Aber der Juli ist ein guter Anfang für die von uns erwartete Stabilisierung in der zweiten Jahreshälfte. Für das Gesamtjahr rechnen wir mit einem Volumen von 2,9 bis 3 Millionen Neuzulassungen.

Wann ist mit einer spürbaren Belebung des deutschen und des europäischen Marktes zu rechnen?
Es spricht einiges dafür, dass sich der schwierige westeuropäische Markt langsam stabilisiert. Viel hängt davon ab, dass die Menschen in Europa wieder Vertrauen fassen, sie brauchen Perspektive in die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Staaten. Ich bin davon überzeugt, dass sich der westeuropäische Markt erholen wird - doch diese Erholung wird deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, verglichen mit dem erstaunlich schnellen Hochlauf des US-Marktes in den letzten Jahren.

Welche Perspektiven sehen Sie im laufenden und im nächsten Jahr für den deutschen Automobilhandel?
Aktuell liegt der deutsche Pkw-Markt etwas unter seinem Potenzial. Ich rechne damit, dass das Marktvolumen in den kommenden Jahren um die Drei-Millionen-Marke pendeln wird. Für den Handel sind die Perspektiven durchaus interessant. Sowohl bei den privaten Käufern als auch bei den gewerblichen Kunden staut sich derzeit ein erheblicher potenzieller Nachholbedarf an, der in den nächsten Jahren realisiert werden wird. Das Durchschnittsalter im Pkw-Bestand in Deutschland beträgt heute 8,7 Jahre, 2007 waren es 7,7 Jahre. Das Angebot stimmt: Insbesondere die deutschen Hersteller bringen viele neue Modelle auf den Markt, das wird auf der IAA eindrucksvoll zu sehen sein. Und bis Ende 2014 kommen allein von den deutschen Herstellern 16 Modelle mit alternativem Antrieb - und sehr niedrigen Verbrauchswerten.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an die diesjährige IAA?
Die IAA ist auch in schwierigen Zeiten ein Stabilitätsanker: Wir liegen bei der Zahl der Aussteller (rund 1.000) und der Ausstellungsfläche (rund 230.000 Quadratmeter) auf dem hohen Niveau von 2011 – trotz des schwachen westeuropäischen Pkw-Marktes. Nirgendwo sonst gibt es mehr Weltpremieren, mehr Hersteller, mehr Zulieferer, mehr Innovation. Deshalb ist es "Die automobilste Show der Welt", wie es der IAA-Claim ja ausdrückt. Die IAA ist der international bedeutendste Treffpunkt der automobilen Welt. Der Anteil der ausländischen Aussteller ist erneut deutlich gestiegen, er liegt bei 43 Prozent. Die zunehmende Bedeutung des Wirtschaftsraumes Asien wirkt sich auch auf die IAA aus: Mehr als ein Viertel der ausländischen Aussteller kommt aus dem asiatischen Raum, vor zwei Jahren lag dieser Anteil noch unter einem Fünftel. Die Zahl der chinesischen Zulieferer, die zur IAA als Aussteller kommen, hat sich gegenüber dem Jahr 2011 sogar verzehnfacht.

Was sind für Sie persönlich die Highlights der Messe?
Diese 65. IAA Pkw hat zwei besondere Schwerpunkte, zu denen es jeweils auch spannende Fachkongresse geben wird: Das ist einmal der gesamte Bereich der alternativen Antriebe. Diese IAA zeigt: Elektromobilität ist keine Vision mehr, die E-Autos kommen jetzt auf die Straße - mit rein batterie-elektrischem Antrieb, mit Plug-in-Hybrid, als Range-Extender. Wir sehen also in Frankfurt die Realisierung unserer "Fächerstrategie", die alle Antriebsarten umfasst, natürlich auch die weitere Optimierung der klassischen Antriebe Clean Diesel und Benziner.  Zum anderen steht auf der IAA das Thema "vernetztes Fahren" ganz groß auf unserem Messeprogramm. Mit Assistenzsystemen hat es angefangen. Das Auto wird zur mobilen Kommuni-kationsplattform. Und es geht weiter – in Richtung teilautonomes oder gar automatisiertes Fahren. Die Vernetzung ist für diese Industrie ein echter Innovationstreiber, der für den Autofahrer sowohl die Sicherheit als auch den Komfort und die Effizienz deutlich steigern wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Auto und Smartphone sind heute zwei Seiten einer Medaille, sie ergänzen sich – und sind längst keine Gegensätze mehr.

Vor zwei Jahren gab es eine eigene Halle zur Elektromobilität. Warum sind Sie von diesem Konzept wieder abgewichen?
Elektromobilität ist heute bei allen Herstellern - und übrigens auch bei sehr vielen Zulieferern - Realität, die Modelle finden wir daher auf den Ausstellungsständen der Hersteller. Wir haben in der Halle 3.1 zudem einen Ausstellungsbereich Elektromobilität. Eine eigene E-Halle ist nicht mehr erforderlich - die ganze IAA ist eine große, eindrucksvolle Präsentation des technologischen Fortschritts, gerade bei alternativen Antrieben.

Das Thema Elektromobilität wird viel diskutiert, schlägt sich aber nicht in den Verkaufszahlen nieder. Rechnen Sie tatsächlich noch mit einer Million E-Autos im Jahre 2020?
Alle Innovationen beginnen zunächst mit kleinen Stückzahlen. Aber: Seit 2007 verdoppeln sich die Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen Jahr für Jahr. Die neuen Modelle, die unsere Hersteller jetzt auf den Markt bringen, erweitern das Angebot beträchtlich. Ich rechne damit, dass wir bereits im nächsten Jahr über fünfstellige Bestandszahlen bei E-Autos reden werden, ab Mitte des Jahrzehnts vielleicht auch schon über sechsstellige. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist das Ziel von einer Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen erreichbar.

Welche weiteren Aspekte des Automobils wird die diesjährige IAA thematisieren?
Die IAA ist auch ein großer Kongress mit über 20 Fachveranstaltungen. Die Themen reichen - neben der Elektromobilität und dem vernetzten Auto - von steuer-, verkehrs- und zollpolitischen Fragen bis hin zu verschiedenen Aspekten der Verkehrssicherheit. Auch die Zukunft des Produktionsstandortes Deutschland wird behandelt. Und die IAA ist mehr als eine Premieren-Show. Hier kann die Faszination Auto hautnah erlebt werden - auf der Geländewagen-Teststrecke im Freigelände, bei Probefahrten, darunter auch Elektrofahrzeuge, mit rund 70 verschiedenen Autos auf öffentlichen Straßen. Ein weiteres Highlight der IAA ist die Oldtimer-Sonderschau "Die Stars von 1983". Dabei werden Fahrzeuge präsentiert, die erstmals auf der IAA vor 30 Jahren vorgestellt wurden - und die heute junge Oldtimer sind.

Auto fahren wird immer teurer. Unternehmen zögern bei der Anschaffung neuer Fuhrparkfahrzeuge. Für Normalverdiener sind die Modelle kaum noch erschwinglich. Junge Leute, insbesondere in großen Städten, schaffen sich häufig gar kein eigenes Fahrzeug mehr an. Wie wollen Sie als Hersteller-Verband diesen Trends entgegenwirken?
Ganz einfach: Mit neuen, faszinierenden und sehr kraftstoffeffizienten Modellen! Ein Beispiel: Die Zahl unserer Pkw-Modelle, die weniger als 130 Gramm CO2 aufweisen - das entspricht einem Dieselverbrauch von höchstens fünf Litern auf 100 Kilometer - ist auf rund 700 gestiegen und hat sich damit innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Das ist unsere Antwort auf hohe Spritpreise - und der Kunde sieht durchaus diesen Vorteil. Das Firmenwagensegment, das 30 Prozent der gesamten Pkw-Neuzulassungen ausmacht, ist gerade für die deutschen Hersteller sehr wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass die Nachfrage hier wieder anziehen wird. Zum Thema junge Menschen und Autos: Mit Carsharing, gerade in Städten, werden junge Leute an brandneue Modelle herangeführt, kommen in Kontakt auch mit Premiummarken. Unsere Hersteller sind da stark dabei. Sehr viel spricht dafür, dass aus gelegentlichen Nutzern eines Tages Neuwagenkäufer gerade dieser Marken werden. Alle seriösen Umfragen zeigen: Über 80 Prozent der jungen Menschen sagen, dass sie gerne Auto fahren. Übrigens: Der Neuwagenkäufer in Deutschland ist im Durchschnitt Mitte 40. Daran hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert.

In fast ganz Europa werden Autobahngebühren erhoben. Wie steht der VDA zur diskutierten Pkw-Maut auf deutschen Straßen?
Der VDA hat dazu seit vielen Jahren eine klare Position: Autofahren darf in Deutschland nicht weiter verteuert werden. Natürlich brauchen wir Investitionen in den Erhalt und Ausbau unseres Straßennetzes. Der Autofahrer zahlt schon heute jährlich über 50 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben, lediglich ein Drittel davon fließt in die Straße zurück. Bevor wir über neue Belastungen nachdenken, sollte überlegt werden, wie der Staat mit einer intelligenten Ausgabenstruktur die notwendigen Mittel für die Straße erhöhen kann. Da insgesamt das Steueraufkommen in den nächsten Jahren steigen wird - auf rund 700 Milliarden Euro im Jahr 2017 –, sollte auch ohne Pkw-Maut genügend Geld für die Straße vorhanden sein.

Interview: Bernd Nusser 

Einen ausführlichen Ausblick auf die 65. Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) vom 12. bis 22. September in Frankfurt am Main lesen Sie in der September-Ausgabe von Der Handel. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.