Die Masse der Armen in Deutschland wächst laut einem Sozialverband. Trotz Rekordbeschäftigung sieht er immer mehr Menschen dauerhaft abgehängt.

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird laut Paritätischem Gesamtverband immer größer. Kinder und Ältere seien besonders betroffen. "Deutschland ist tief gespalten", sagte der Verbandsvorsitzende Rolf Rosenbrock am Dienstag in Berlin. Binnen eines Jahres stieg der Anteil der von Armut bedrohten Menschen von 15 auf 15,5 Prozent im Jahr 2013 an, wie der Verband in seinem Jahresgutachten 2015 bekräftigt.

"Gute Arbeit wird immer seltener", so Rosenbrock. 7,8 Millionen Menschen waren 2014 in so genannter atypischer Beschäftigung - die Zahl der Betroffenen stieg binnen 20 Jahren um mehr als 70 Prozent. Diese Menschen arbeiten befristet, in Teilzeit mit 20 oder weniger Wochenstunden, Zeitarbeit oder sind geringfügig beschäftigt.

Der Anteil der nur geringfügig Beschäftigten an allen Erwerbstätigen sinkt laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aber. Für 2014 erwartet das IAB einen Rückgang um 60 000 auf 5,6 Millionen Menschen. Die Zahl der Normalarbeitnehmer stieg laut Statistischem Bundesamt seit 2005, als die Hartz-IV-Reform in Kraft trat, von gut 22 Millionen auf gut 24 Millionen im Jahr 2013.

1,3 Millionen beziehen Hartz-IV seit mehr als 10 Jahren

Rosenbrock wertete als besonders besorgniserregend die Stagnation bei den Langzeitarbeitslosen mit mehr als einer Million Betroffenen. Rund 1,3 Millionen Hartz-IV-Bezieher bekämen seit mehr als zehn Jahren staatliche Leistungen.

15,4 Prozent der Unter-15-Jährigen lebten in bitterer Armut. Bedrohlich zugenommen habe in den letzten Jahren die Altersarmut, besonders unter den Rentnern. Deren Armutsquote (15,2 Prozent) sei seit 2006 viermal so stark wie in der Gesamtbevölkerung gestiegen. "Keine andere Bevölkerungsgruppe zeigt eine rasantere Entwicklung in Richtung Armut", sagte Rosenbrock. Auf diese offiziellen statistischen Werte hatte der Verband zuletzt Mitte Februar in einem Armutsbericht hingewiesen.

Kritik an Verband

Rosenbrock forderte öffentlich geförderte Beschäftigung in großem Stil, weit mehr Alterssicherung und Steuererhöhungen. Der Bundesregierung stellte er ein schlechtes Zeugnis aus. Vorwürfe, der Verband sei alarmistisch, verunsichere die Menschen und deute die Statistiken in übertriebener Weise, wies Rosenbrock zurück. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, hatte dem Verband in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zudem Irreführung und Fehler vorgeworfen.

Der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schroeder sagte der Deutschen Presse-Agentur in Berlin: "Was in solchen Berichten gemessen wird, ist die Verteilung von Einkommen, aber nicht Armut." Der Leiter der Arbeitsstelle Politik und Technik am Otto-Suhr-Institut sagte: "Verbände, die auf diese Weise vor Armut warnen, geht es auch darum, ihre eigene Bedeutung in den Vordergrund zu rücken."