Die Verbraucherzentrale Hamburg verklagt den Discounter Lidl. Die Werbung mit fairen Arbeitsbedingungen bei den Textillieferanten des Discounters sei irreführend.

Mit Unterstützung der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) und der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) hat die Verbraucherzentrale Hamburg gestern beim Landgericht Heilbronn eine Klage gegen Lidl eingereicht.

Der Discounter aus Neckarsulm hatte auf eine Abmahnung der Verbraucherschützer zuvor nicht reagiert. Nach Auffassung der Verbraucherschützer wirbt Lidl auf unlautere Weise mit der Behauptung, auf faire Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von Textilien zu achten.„Lidl täuscht die Verbraucher. Daher haben wir jetzt Klage eingereicht", sagt Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg, auf einer Pressekonferenz heute morgen in Hamburg.

In einem Werbeprospekt des Unternehmens vom Januar 2010 heißt es: „Lidl setzt sich weltweit für faire Arbeitsbedingungen ein. Wir bei Lidl vergeben deshalb unsere Non-Food-Aufträge nur an ausgewählte Lieferanten und Produzenten, die bereit sind und nachweisen können, soziale Verantwortung aktiv zu übernehmen."

Sozialstandards permanent verletzt

Die Kampagne für saubere Kleidung (CCC) habe bei Lieferanten von Lidl in Bangladesch vor Ort jedoch recherchiert, dass die versprochenen Sozialstandards dort permanent verletzt werden. Eine von der CCC und der ECCHR in Auftrag gegebene Studie beschäftigt sich mit den Arbeitsverhältnissen in vier in Bangladesh gelegenen Zulieferbetrieben der Firma Lidl.

Die befragten Näherinnen berichten in der heute veröffentlichten
Foto: Hanno Bender
Foto: Hanno Bender
von unmenschlichen Arbeitsbedingungen: überlange Arbeitszeiten, Lohnabzüge als Strafmaßnahmen, mangelnde und intransparente Vergütung von Überstunden, Verhinderung von Gewerkschaftsarbeit und Diskriminierung von weiblichen Beschäftigten. Die beschriebenen Verhältnisse verstoßen gegen internationale Sozialstandards und gegen die Selbstverpflichtung Lidls, heißt es in der Presserklärung der Verbraucherschutzzentrale Hamburg.

Die drei Organisationen kritisierten zudem, dass Lidl in der Öffentlichkeit immer wieder auf seine Mitgliedschaft bei der Business Social Compliance Initiative (BSCI) hinweise. Diese internationale Initiative des Einzelhandels setzt sich für Sozialstandards bei den Lieferanten ein. Der BSCI-Verhaltenskodex enthält Regelungen zur Arbeitszeit, zu Löhnen, zur Diskriminierung und zur Gewerkschaftsfreiheit gemäß den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Der Vorwurf: Verhaltenskodex nur als Deckmäntelchen

"Eine Verpflichtung der Mitglieder zur Gewährleistung der Sozialstandards enthält der Kodex allerdings nicht", bemängeln die Kritiker. Die Zahl der Mitgliedsunternehmen des BSCI steigt und liegt heute bei 475; im Jahre 2003 waren es nur 60 Firmen. "Die Mitgliedschaft verleiht den Unternehmen den Anschein fairer Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferbetrieben", so die Hamburger Verbraucherschützer.

"Es besteht ein krasser Widerspruch zwischen der öffentlichen Darstellung von Lidl und den tatsächlichen Verhältnissen in den Produktionsstätten der Lieferanten", sagt Miriam Saage-Maaß vom ECCHR. „Lidl betreibt Schönfärberei. Mit dem BSCI-Kodex hängt sich der Discounter ein Sozialmäntelchen um, aber die Lage der Arbeiterinnen verbessert sich nicht", so Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC).

Im NDR-Politmagazin "Panorama" wurden am gestrigen Abend darüber hinaus vergleichbare Vorwürfe gegen den Textil-Discounter Kik wegen der Arbeitsbedingungen in Bangladesh erhoben.