In Köln debatierten Mitglieder des Zentralverbands Gewerblicher Verbundgruppen (ZGV) über die aktuelle Finanzierungsituation von mittelständischen Unternehmen - und zogen ein positives Fazit.

Den Wettbewerb um die düsterste Konjunkturprognose führt Norbert Walter an: Um 5 Prozent werde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen, weissagt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank - und bedient damit gekonnt die Gier nach schlechten Nachrichten. Wer es Walter nachtun möchte, und im privaten Kreis mit dem schaurigsten Worst-Case-Szenario glänzen will, der lässt in diesen Tage das Stichwort "Währungsreform" fallen.

Vor diesem Hintergrund waren von dem Treffen des Arbeitskreises "Mittelstandsfinanzierung" im Zentralverband Gewerblicher Verbundgruppen (ZGV) am Dienstag in Köln eigentlich keine guten Nachrichten zu erwarten. Doch die versammelten Experten aus Unternehmen, Kreditinstituten, Ratingagenturen und Kreditversicherungen zeichneten ein positives Bild von der aktuellen Verfassung des  kooperierten Mittelstands in Deutschland.

Gewitterwolken könnten vorbeiziehen

"Die Verbundgruppen und ihre Mitglieder befinden sich nicht in einer Krise und es bestehen auch gute Chancen, dass die Gewitterwolken am Horizont vorbeiziehen", bilanzierte Wilfried Hollmann, ZGV-Präsident und Vorstandsvorsitzender der Apothekergenossenschaft Noweda.

Im Zentralverband der Gewerblichen Verbundgruppen sind insgesamt rund 320 Kooperationszentralen mit mehr als 200.000 Mitgliedsunternehmen zusammengeschlossen - von der ABK Einkaufsverband über Edeka, Expert, Rewe und Vedes bis hin zur ZEG Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft.

Renaissance des Lieferantenkredits

Der deutsche Mittelstand ist gut gerüstet - das bestätigte auch Dr. Michal Munsch, Vorstand der Creditreform Rating AG, in seinem Vortrag: "Die Bilanzen und die langfristigen Finanzkennzahlen sind gut wie seit Langem nicht. Viele Unternehmen haben beispielsweise ihre Eigenkapitalquote deutlich verbessert." Allerdings gestalte sich der Zugang zu Betriebsmittelkrediten für die Unternehmen schwierig. "Die Banken übernehmen derzeit nicht das geringste Risiko, viele Händler fragen sich: Wo sind die Banker geblieben".

Munsch sprach von einer "Renaissance des Lieferantenkredits". Großhandel und Verbundgruppen finanzieren den Handel verstärkt mit Hilfe von erweiterten Zahlungszielen - und übernehmen so die Aufgabe der Banken. Munsch riet den versammelten Unternehmern zur kritischen Überprüfung der eigenen Finanzierungsstrategie und genauen Analyse des Kapitalbedarfs.

Vernetzung als Waffe gegen die Krise

Franz-Josef Hasebrink, Vorstandsvorsitzender der Bielefelder Verbundgruppe EK/servicegroup, der rund 2.200 Handelsunternehmen angeschlossen sind, schilderte die Hilfestellungen, die eine Kooperationszentrale ihren Mitgliedern in Finanzierungsfragen geben kann.

"Die aktuelle Situation macht die Stärken von vernetzten Unternehmen besonders deutlich", so Hasebrink. "Wir unterstützen unsere Mitglieder mit Finanzierungsplänen, begleiten aktiv Bank- oder Vermietergespräche und coachen unsere Handelspartner in betriebswirtschaftlichen Fragestellungen". Bei den Banken beobachtet der EK-Vorstand eine abnehmende Risikobereitschaft: "Firmen, die in Schwierigkeiten geraten sind, werden trotz Sanierungsfähigkeit nicht mehr gestützt", kritisiert Hasebrink.

Keine Kreditklemme für mittelständische Unternehmen

"Es gibt keine Kreditklemme für mittelständische Unternehmen in Deutschland", beteuerte Dr. Klaus Möller, Leiter der Abteilung Geschäftspolitik im Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). "Die Volks- und Raiffeisenbanken und die Sparkassen verfügen über ausreichend Liquidität".

Es gebe zwar Risikozuschläge bei den Kreditkonditionen und höhere Auflagen bei den Dokumentationen, aber keine Kreditklemme. Problematisch sei die Lage derzeit für große Unternehmen, die sich nah am Kapitalmarkt finanzieren und für Kreditinstitute, die nicht über genügend Kundeneinlagen verfügen und ihre Kredite daher am Kapitalmarkt refinanzieren müssen.

Möller verwies auf den Sonderfonds der genossenschaftlichen Spitzeninstitute (WGZ Bank, DZ Bank), mit dem 1 Milliarde Euro für Kredite an Mittelständler bereitgestellt werden, sowie auf die neuen Förderprogramme der KfW Mittelstandsbank.

Höhere Kreditvolumen, niedrigere Zinsen

Als zweiter Vertreter aus der Kreditwirtschaft belegte Dr. Patrik Steinpaß, Leiter Volkswirtschaft im Deutschen Sparkassen und Giroverband (DSGV), mit Zahlen der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank, dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht von einer Verschlechterung der Finanzierungssituation bei Unternehmen und Selbstständigen gesprochen werden kann.

"Das Kreditvolumen steigt und das Zinsniveau ist im Vergleich günstiger als im Sommer 2007", so Steinpaß. "Eine Kreditklemme gibt es in Italien, Spanien und Portugal, aber nicht in Deutschland". Freilich räumte der Sparkassen-Vertreter ein, dass die Banken bei der Vergabeentscheidung "strenger geworden sind".

Gute Chancen die Krise unbeschadet zu überstehen

Mit Spannung erwartet wurde von den Verbundgruppen- Managern der Vortrag von Rudolf Servatius, Direktor beim Kreditversicherer R+V Versicherung. Die Kreditversicherer stehen aktuell im Verdacht, den wirtschaftlichen Abschwung zu beschleunigen, weil sie ihre Engagements branchenweit bereinigen, Limitsetzungen kürzen und Prämien drastisch erhöhnen.

"Die Kreditversicherer sind nicht an der Krise schuld", betonte Servatius demgegenüber einleitend. "Wir bilden eine Risikogemeinschaft mit unseren Kunden und bewerten die Risiken eines Engagements in deren Auftrag."

Die Bestrebungen aus Teilen der Politik, die fünf großen Kreditversicherer unter den Sofin-Rettungsschirm zu zwingen, um - ähnlich wie in Frankreich - staatlichen Einfluss auf die Limit- und Prämiengestaltung nehmen zu können, lehnte Servatius ab. "Der deutsche Mittelstand ist gut aufgestellt und hat gute Chancen, weitgehend unbeschadet durch diese Krise zu kommen", so der Experte.