Stefanie Nutzenberger, neue Bereichsleiterin Handel bei der Gewerkschaft Verdi, spricht im Interview über prekäre Arbeitsverhältnisse, Tarifflucht im LEH sowie ihre besondere Beziehung zu Karstadt.

Gewerkschafterin Nutzenberger, Foto: Verdi
Gewerkschafterin Nutzenberger, Foto: Verdi
Ihre Vorgängerin Margret Mönig-Raane wurde einmal als die "Grand Dame des deutschen Einzelhandels" bezeichnet. Wie lebt es sich mit dieser Bürde?

Sie hat in der Tat große Fußabdrücke hinterlassen. Doch ich wurde von Margret Mönig-Raane in meine neue Position gut eingeführt. Uns verbindet das gemeinsame Ziel, die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Handel gut zu gestalten. Davon und vom Rückhalt der Basis werde ich getragen.

Was heißt das konkret, Arbeitsbedingungen verbessern?

Ich wünsche mir, dass ein junger Mensch eine Ausbildung in einer Branche machen kann, in der er gutes Geld verdient und Bedingungen vorfindet, die ihm Freude bereiten. Eine Branche, in der er eine Zukunft für sich sieht und Arbeitgeber hat, die sich verantwortungsvoll verhalten – in ökonomischen, aber auch in gesellschaftlichen und ökologischen Fragen.

Wie weit sind wir von diesem Szenario Ihrer Meinung nach entfernt?
Es gibt bereits Signale von Arbeitgebern, dass sie gesellschaftlich tätig werden. Die Diskussion um den Mindestlohn etwa hat das Ziel, das Lohndumping zu verhindern, den Tarifvertrag zu stabilisieren und eine weitere Spreizung der Löhne zu verhindern.

Sie haben eine Laufbahn im Einzelhandel hinter sich. Ist das ein Vorteil für Ihren neuen Job?
Ja. Die Menschen sagen: Die ist eine von uns und weiß, wovon sie redet.

Von der Verkäuferin bei Karstadt bis in den Aufsichtsrat – das ist eine Tellerwäscherkarriere. Liegt Ihnen das Unternehmen am Herzen?
Ja, weil ich dort quasi laufen gelernt habe. Doch in meiner Position habe ich den gesamten Einzel- und Großhandel im Blick.

Für Karstadt könnte 2012 ein Schicksalsjahr werden: Der Sanierungstarifvertrag läuft aus, zudem droht die Fusion mit Kaufhof. Was befürchten Sie?
Wenn der Sanierungstarifvertrag endet, wird das Geschäft ganz normal weiterlaufen. Allerdings hat die Teilung des Unternehmens in drei Bereiche (Warenhaus, Sport und Premium, Anm. d. Red.) die Mitarbeiter verunsichert. Karstadt muss ihnen diese Verunsicherung nehmen.

Karstadt-Eigner Berggruen bietet neben dem Österreicher René Benko und dem ehemaligen KarstadtQuelle-Chef Wolfgang Urban um Kaufhof. Wen hätten Sie gerne als neuen Besitzer?
Denjenigen, der ein Konzept hat, das zukunftsfähig ist und die Jobs der Beschäftigten sichert.

In den vergangenen Jahren hat sich in der Branche viel getan. Gehen Ihnen die Feinde aus?
Nein. Für uns bleibt das Thema prekäre Arbeitsverhältnisse enorm wichtig. Der Einzelhandel gehört zu den Spitzenreitern bei der Anzahl geringfügig Beschäftigter. Wir müssen uns auch um Leiharbeit und besonders um Werkverträge kümmern. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn – das ist unsere Forderung. Ein gesetzlicher Mindestlohn ist hier elementar wichtig. Und er ist gesellschaftspolitisch wichtig, weil er auch die Demokratie stärkt.

Und wie wollen Sie das schaffen?

Es gibt in der Gesellschaft mittlerweile ein Bewusstsein dafür, und deswegen werden wir einen gesetzlichen Mindestlohn über alle Branchen hinweg bekommen – davon bin ich felsenfest überzeugt.

Und was muss passieren, damit der Einzelhandel einen Branchenmindestlohn bekommt?
Wir haben ein hohes Interesse, mit den Arbeitgebern darüber zu verhandeln, und haben bereits eigens dafür eine Tarifkommission gebildet. Doch wir erwarten, dass die Arbeitgeberseite vorab sicherstellt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für die Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrags in der Branche erfüllt sind. Sobald diese vorliegt, gehen wir in die Gespräche mit dem Verband. Denn die Branche braucht einen Mindestlohn – auch, um den Flächentarifvertrag zu stabilisieren.

Eine Reform der Entgeltstruktur im Handel steht noch aus. Warum schreitet sie nicht voran?
Es würde mich wundern, wenn wir bei einem Prozess, bei dem vieles neu gestaltet wird, sofort einen Konsens erzielen würden. Bei der Reform der Entgeltstrukturen im Einzel- und Großhandel geht es darum, Eingruppierungskriterien zu überdenken und darüber zu diskutieren, welche Tätigkeit welche Anforderungen tatsächlich hat – also große Veränderungen, die eben Zeit brauchen und auch gelegentlich auf Widerstand treffen. Das erschüttert mich aber nicht, denn aus Widerstand kann ich nur lernen.

Gab es schon Gelegenheit, mit Ursula von der Leyen über diese Forderungen zu sprechen? Schließlich hat sich die Bundesarbeitsministerin zuletzt stark für gewerkschaftliche Themen engagiert.
Alles braucht seine Zeit. Wenn es für unsere Mitglieder von Vorteil ist, werde ich alle Möglichkeiten auch für Gespräche auf parlamentarischer Ebene suchen.

Was erwarten Sie von der Politik?
Dass sie erkennt, unter welchen miserablen Bedingungen Menschen im Handel zum Teil arbeiten müssen, die Werkverträge haben. Und ich erwarte, dass hier gehandelt wird.

Die Werkverträge können aber nicht Ihr einziges Problem sein.
Allerdings! Hinzu kommt noch etwa meine Sorge über die Zunahme der Privatisierungen im Lebensmittelhandel. Hier begehen selbstständige Unternehmer unter dem Deckmantel von Konzernen Tarifflucht. Auch mit diesem Thema werden wir uns 2012 beschäftigen.

Welche Schwerpunkte werden Sie noch setzen?
Wir beteiligen uns an einem Projekt, um Wege zu finden, die Arbeit im Handel altersgerecht zu gestalten. Das ist heute wichtiger denn je.

Interview: Marcelo Crescenti und Steffen Gerth


Zur Person
Stefanie Nutzenberger wurde 1963 in Kaiserslautern geboren. Nach der Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bei Karstadt in Kaiserslautern bekleidete die Betriebswirtin verschiedene Ämter bei der -Gewerkschaft HBV und später Verdi, zuletzt war sie als stellvertretende Landes-bezirksleiterin im Saarland tätig. In September 2011 wurde sie in den Verdi-Bundesvorstand gewählt und übernahm die Leitung des Fachbereichs Handel.

Dieses Interview erschien in der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier.