Laut Verdi soll der Staatsanwalt gegen Peter Simmel vorgehen. Die Gewerkschaft beklagt gegenüber derhandel.de nicht nur die Bespitzelung von Mitarbeitern in Märkten des Edekaners.

Auf der Internetseite der Simmel AG steht ein schöner Satz zum Unternehmensleitbild: "Jeder Mitarbeiter ist eine Persönlichkeit. Wir pflegen tagtäglich einen respektvollen Umgang mit gegenseitiger Wertschätzung und Achtung."

Der Wert dieses Verprechens darf neuerdings angezweifelt werden. Das Nachrichtenmagazin "Focus" berichtet, dass Detektive heimlich Hausbesuche bei krankgemeldeten Simmel-Mitarbeitern vorgenommen und nach Schichtende die Privatautos der Angestellten kontrolliert hätten, und beruft sich auf interne Geschäftspapiere.

Verdi vermutet Betrug bei Sozialversicherungsbeiträgen

Der Händler Peter Simmel ist keine kleine Nummer im Lebensmitteleinzelhandel. In seinen 32 Märkten in Sachsen, Thüringen und Bayern beschäftigt er rund 1.000 Mitarbeiter. Was aber die Sache pikant macht: Simmel ist Aufsichtsratschef der Edeka.

Für die Gewerkschaft Verdi geht es um mehr als nur mögliche Bespitzelung, wie es der Landesfachbereichsleiter Handel von Verdi Bayern, Hubert Thiermeyer, im Gespräch mit derhandel.de formulierte. "Simmel zahlt seit Jahren Lohnbestandteile als Warengutscheine aus. Das betrifft Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie die normale Stundenbezahlung", kritisiert der Funktionär.

Warengutscheine statt Bares sind im Einzelhandel nicht unüblich und zuweilen tarifrechtlich gesichert. Thiermeyer vermutet aber, dass durch diesen Bezahlmodus die Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen erreicht werden sollte. "Deswegen werden wir den Rentenversicherungsträger auffordern, das Unternehmen noch in dieser Woche zu überprüfen", kündigt Thiermeyer an.

Staatsanwaltschaft soll ermitteln

Ebenso berichtet der Gewerkschafter, dass Verdi die Staatsanwaltschaft bitten werde, bei Simmel zu ermitteln. Denn laut "Focus" sollten die beauftragten Detektive pro Woche zwanzig Autos kontrollieren. Wenn Mitarbeiter sich weigerten, den Wagen zu öffnen, hätten sie gedroht, die Polizei zu rufen und darauf hingewiesen, dass dieses sicherlich arbeitsrechtliche Konsequenzen haben würde, sagte ein Detektiv dem Bericht zufolge.

Thiermeyer kritisiert, dass es in den Simmel-Märkten keine Betriebsräte gibt. "Wenn es welche gäbe, dann wären die aktuellen Fälle nicht so eskaliert. Dann hätte man im Unternehmen frühzeitig Lösungen finden können."

Simmel wehrt sich

Peter Simmel hat sich heute zu den Vorwürfen geäußert. In einer Mitteilung schreibt er, dass der Simmel AG jedes Jahr durch Warendiebstahl ein immenser Gesamtschaden entstehen würde. Dieser könne bis zur Hälfte des Unternehmensgewinnes betragen. Solchen Machenschaften sollten mit der Beauftragung zweier Detekteien entgegengetreten werden.

Über die Kontrollen, die zur Sicherung der Inventuren und zum Schutz vor Diebstahl beitragen, seien die Mitarbeiter vorab sowohl bei Marktleiter- als auch bei Mitarbeiterbesprechungen informiert worden. "Inwiefern die Detekteien ihrem Auftrag gerecht wurden oder, ohne weitere Absprache, darüber hinaus selbständig tätig wurden, ist jetzt zu klären", heißt es in der Stellungnahme.

"Gemäß Gesetz"

Weiter sei es falsch, dass, wie manche Medien behaupten, die Arbeitsverträge der Simmel AG nicht den gesetzlichen Normen entsprechen würden. Sowohl bei den Kündigungsfristen als auch bei den Löhnen handele die Simmel AG gemäß Gesetz, betont Simmel.

Durch die Ausgabe von Warengutscheinen solle den Mitarbeitern im Rahmen des gesetzlichen Steuerfreibetrags möglichst viel Netto vom Brutto primär bei Prämienauszahlungen ermöglicht werden. Damit solle nicht der Lohn "ersetzt", sondern Prämien möglichst direkt an die Mitarbeiter weitergegeben werden, erklärt Simmel. Es stehe jedoch jedem Mitarbeiter frei, sich die Gutscheine auszahlen zu lassen - dann unter Abzug der gesetzlichen Abgaben.

Edeka prüft Vorfälle

Die Edeka-Zentrale in Hamburg teilte mit, die Prüfung des Falles habe bereits begonnen. Verdi selbst hatte von dem Fall erst durch den "Focus"-Bericht erfahren und verfügt nach eigenen Angaben über keinerlei Unterlagen oder Aussagen von Edeka-Mitarbeitern.

Der Sächsische Datenschutzbeauftragte Andreas Schurig will die Vorwürfe untersuchen. "Wir wollen die Vorgänge mit Hilfe des Unternehmens aufklären", sagte Schurigs Sprecher Andreas Schneider. Es müsse geklärt werden, ob Verstöße gegen das Datenschutzgesetz vorliegen.

Eine systematische Beobachtung von Mitarbeitern ohne Verdacht sowie permanente Kontrollen von Autos seien nur schwer zu begründen. Die Durchsuchung eines Autos komme praktisch einer Hausdurchsuchung gleich.

Grüne fordern schärferes Gesetz

Bündnis 90/ Die Grünen forderten derweil die Einführung eines Beschäftigten- Datenschutzgesetzes, das derartige Verstöße klar regelt. Darüber hinaus müssten die Bußgeldzahlungen für Unternehmen, die die Privatsphäre ihrer Mitarbeiter ausspionieren, erhöht werden, hieß es in einer Mitteilung vom Montag.

Gerade in Zeiten der angespannten Arbeitsmarktlage und der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes müssen verunsicherte Beschäftigte in ihren Rechten gestärkt werden, erklärte Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitnehmerrechte.

80 Meter durch die Elbe geschwommen

Peter Simmel war im April dieses Jahres in die Schlagzeilen gekommen. Damals musste er als Pilot mit seiner zweimotorigen Flugzeug in der Elbe bei Hamburg notwassern - und überlebte fast unverletzt. Der Unternehmer schwamm damals die 80 Meter bis ans Flussufer.