Rotes Kreuz und Psychologen: Die Arbeitsagentur bereitet sich auf den Ansturm des gekündigten Quelle-Personals vor. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert derweil den Insolvenzverwalter scharf.

In den Räumen des Quelle-Versandzentrums in Nürnberg hat die eigens eingerichtete Agentur für Arbeit mit der Betreuung der gekündigten Quelle-Mitarbeiter begonnen. "Wir rechnen heute mit mehreren hundert Menschen", sagte der Chef der bayerischen Regionaldirektion, Rainer Bomba, am Montag.

Bombas Behörde hat  für diese Arbeit einhundert Mitarbeiter aus ganz Bayern zusammengezogen. Sie nehmen die Arbeitslosenmeldungen entgegen und führen erste Beratungsgespräche. "Wir haben die Parole ausgegeben: Keine Hektik, keine Panik", sagte Bomba. Es sei wichtig, beruhigend auf die Menschen einzuwirken.

Ansturm von 4.000 Mitarbeitern

Bis Ende der Woche müssten rund 4.000 Beschäftigte des insolventen Versandhauses registriert und beraten werden. "Das ist die größte Entlassungswelle innerhalb einer Woche in der Geschichte der Bundesagentur für Arbeit", sagte Bomba.

Auch das Rote Kreuz und mehrere Psychologen sind vor Ort im Einsatz, um den geschockten Quelle-Mitarbeitern helfen zu können. Besonders für die gering qualifizierten Beschäftigten über fünfzig Jahren werde es schwierig, einen neuen Job zu finden, räumte Bomba ein: "Da müssen wir tief in die Trickkiste greifen, um ihre Chancen zu erhöhen."

Auch in Osteuropa droht das Aus

Den osteuropäischen Tochtergesellschaften der insolventen Versandgruppe droht einem Zeitungsbericht zufolge der Kollaps. Wie die Zeitung "Die Welt"  am Montag berichtet, sind die Gesellschaften nur noch eingeschränkt lieferfähig. Die Lager seien nicht mehr ausreichend mit Waren gefüllt.

Folglich komme immer weniger Geld in die Kassen. Es drohten zahlreiche Folgeinsolvenzen, wenn die Quelle-Auslandstöchter nicht bis spätestens Mitte November einen Investoren finden, der neue Ware bestellen und auch bezahlen könne, zitierte die Zeitung einen Insider.

Verdi wettert weiter gegen Görg

Unterdessen reißt die Kritik an Quelle Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg nicht ab. Bei der Suche nach einem Investor für Quelle hat aus Gewerkschaftssicht der nötige Nachdruck gefehlt. "Ich habe Zweifel, wie ernst das gemeint war, Primondo als Ganzes zu verkaufen", sagte Verdi-Handelsexperte Johann Rösch. Primondo ist die Dachmarke aller Versandaktivitäten des insolventen Arcandor-Konzerns.

Beim Verkauf einzelner gewinnbringender Gesellschaften der Primondo-Gruppe bekämen die Gläubiger am Ende mehr Geld, erläuterte Rösch. "Primondo als Ganzes zu verkaufen bedeutet nämlich, dass all die Perlen mit Quelle zusammen möglicherweise einen negativen Kaufpreis ergeben hätten."

Deshalb stelle sich die Frage, ob der Insolvenzprozess "mit der nötigen Energie betrieben wurde oder ob es einen Strategiewechsel gab, weil man ohne Quelle eine höhere Insolvenzmasse bekommt".

"Völlig intranspartet"

Als Konsequenz aus dem "völlig intransparenten" Ablauf forderte Rösch eine Änderung des Insolvenzrechts: "Es dürfen nicht die Interessen der Gläubiger, sondern es müssen die Interessen der Arbeitnehmer im Vordergrund stehen."

Auch der Nürnberger Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Stephan Doll, forderte eine Änderung des Insolvenzrechts. "Mitarbeiterschutz muss vor Gläubigerschutz gehen", sagte Doll der Deutschen Presse-Agentur dpa. Im Insolvenzverfahren hätten die Beschäftigten keine Rolle gespielt.

Ruf nach Auffanggesellschaft

Wenn die Rettung eines Unternehmens nicht möglich sei, müssten auch die Mitarbeiter von der Insolvenzmasse profitieren, nicht nur Banken und Gläubiger, forderte Doll. Mit dem Geld müssten Abfindungen und Qualifizierungsmaßnahmen bezahlt werden. "Bei Quelle stehen die Menschen nach dreißig Jahren Arbeit von heute auf morgen auf der Straße und bekommen keinen Cent. Das ist ein Skandal."

Rösch forderte, für die betroffenen Mitarbeiter eine notfalls öffentlich finanzierte Auffanggesellschaft einzurichten. Bei Primondo fallen mehrere Tausend der insgesamt 10.500 Arbeitsplätze weg. 

Auch die bayerische Arbeitsministerin Christine Haderthauer hatte in bereits in der vergangenen Woche die Arbeit von Görg in Frage gestellt. Der Insolvenzverwalter wiederum hatte versucht, Informationsdefizite mit Zeitmangel zu begründen.

Was passiert mit den Call-Centern?

Derzeit gebe es viele Fragen zur Abwicklung von Quelle, etwa zur Organisation des Abverkaufs oder der Weiterbeschäftigung in den Call-Centern, sagte Rösch.

Außerdem könne Quelle nicht mit einem Schlag aufgelöst werden, ohne die profitablen Auslandsgeschäfte zu gefährden: "Bis zur Ablösung des Auslands müssen diese Prozesse hier in Fürth weitergeführt werden." Bei der Trennung von Quelle und Neckermann habe dieser Prozess etwa zwei Jahre gedauert.

Auch bei Karstadt wird verhandelt

Nach den gescheiterten Investorengesprächen bei Quelle stehen nun bei der Schwester Karstadt Verhandlungen an. Betriebsratschef Hellmut Patzelt wies bereits Forderungen des Insolvenzverwalters nach weiteren Einsparungen bei den Arbeitnehmern zurück. "Wir verhandeln maximal um die Größenordnungen, die wir 2008 schon mal hatten", sagte Patzelt dem Berliner "Tagesspiegel".

Insolvenzverwalter Görg fordert Einschnitte von 150 Millionen Euro, aufgeteilt auf drei Jahre. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" arbeiten die Warenhäuser trotz der Insolvenz profitabel.

Görgs Karstadt-Beauftragter Rolf Weidmann zeigte sich zuversichtlich, die Arcandor-Warenhaussparte im zweiten Quartal 2010 als Ganzes verkaufen zu können.