Versandkosten sind ein heißes Eisen geworden. Vor wenigen Jahren konnte man die Kosten für den Kunden noch auf den logistischen Aufwand schieben. Es war allgemein akzeptiert. Heute ist die Kundenerwartung eine andere. Doch wie sieht es auf der Anbieterseite aus? Ein Blick auf die Top 20 Onlineshops mit aufschlussreichen Details.

Schöne neue Welt

Eigentlich ist die Welt eine bessere geworden. Dank der zunehmenden Versandkostenfreiheit bezahle ich heute augenscheinlich nur noch für die Ware und nicht mehr für den Transport dieser. So habe ich eine Sorge weniger: Kein Googeln nach Gutscheincodes oder Fragen nach baldigen Aktionen auf der Facebook-Seite mehr. Plain and simple.

Die Anbieterseite hingegen findet die neue Einfachheit weniger attraktiv. Verständlich. Müssen die Versandkosten nun doch auf anderem Wege reingeholt werden. Trotz der gefühlten Versandkostenfreiheit im Onlinehandel, zeigt ein Blick auf die Top 20 Onlineshops in Deutschland daher noch ein völlig anderes Bild:

Versandkosten-Übersicht: Top 20 Onlinehändler in Deutschland
Versandkosten-Übersicht: Top 20 Onlinehändler in Deutschland

Tatsächlich ist eine generelle Versandkostenfreiheit die Ausnahme. Einschränkende Klauseln wie ein zwingender Mindestbestellwert und variable Versandkostenhöhen sind hingegen keine Seltenheit.

Versandkostenfreiheit als Teil der Marken-DNA

Die drei als versandkostenfrei bekannten Onlinehändler in den Top 20 sind Amazon, Thomann und Zalando.

Amazon fährt dreigleisig:

  • Bestellwertgrenze: Sei clever und bestell' über 20€.
  • Ausgewählte Sortimente: Wo es notwendig ist, um dem Wettbewerb in die Parade zu fahren.
  • Flatrate: Generelle Versandkostenfreiheit für 29€ im Jahr mit einigen Extras.

Thomann liefert immer versandkostenfrei, verlangt jedoch einen Mindestbestellwert von 25€. Die Zielgruppe scheint das nicht zu stören. Das Musikhaus räumt mittlerweile regelmäßig bei Kundenzufriedenheitsstudien ab.

Zalando letztlich bietet Simplifizierung in Reinform: Versandkostenfreiheit ohne wenn und aber. Diesen Schrei versteht jeder.

Alle drei Anbieter haben die neue Freiheit zu einem Teil ihrer Marken-DNA gemacht. Und haben sie erfolgreich in meinem Bewusstsein verankert.

Wenn es der Werbetexter ausbaden muss

In diesem Umfeld sollte man Fakten sprechen lassen. Bei Cyberport musste es jedoch der ausgefuchste Werbetexter richten. Dieser kritisiert vollmundig die "Versandkosten nach Gewicht", die "unübersichtlichen Pauschal-Regelungen" und das "Zuschlag-Durcheinander" der Konkurrenz:

Versandkosten bei Cyberport: Das Märchen von der Transparenz
Versandkosten bei Cyberport: Das Märchen von der Transparenz

Lese ich mich geduldig durch den Versandkostenroman, werden mir Versandkosten nach Bestellwert und Logistiker, Zuschläge für Zahlungsarten, Sonderregelungen für Fernseher je nach Bildschirmdiagonale sowie für Side-by-Side-Kühlschränke uvm. als "maximale Transparenz" verkauft. Das verdient eine doppelte Gesichtspalme.

Düstere Aussichten auf den weiteren Plätzen

Schaue ich hinter die Top 20, wird es auf den Folgeplätzen nicht viel besser. Die Versandkosten werden zunehmend intransparenter. Westfalia etwa verlangt variable Aufschläge für Verpackung und Versicherung. Vermehrt werden kaum nachvollziehbare Variablen verwendet. Im schlimmsten Fall sogar über 90 verschiedene Farben und Kategorien bei Innova24.

Ich werde letztlich im Bestellprozess überrascht. Und dortige Überraschungen führen bekanntlich zu dramatischem Fluchtverhalten meinerseits.

Und bei Ebay? Da müssen mir zumindest "Verkäufer mit Top-Bewertung" ab Herbst 2013 zwingend eine kostenfreie Versandoption anbieten.

Wenige Onlinehändler verändern die Kundenerwartung an den gesamten Markt

Tatsächlich sind wir von der wahrgenommenen Versandkostenfreiheit im deutschen Onlinehandel noch weit entfernt. Zwar probieren sich mittlerweile immer mehr Onlinehändler mit aktionsweiser Befreiung oder auf Artikelebene bei starken Wettbewerbsdruck aus.

Letztlich sind es jedoch einige wenige wie eben Amazon und Zalando, die mit großzügiger Versandkostenfreiheit den Markt unter Druck setzen. Deren Wettbewerber möchten notwendige Logistik-Investitionen am liebsten weiterhin direkt mitfinanzieren lassen. Und haben am Ende wahrscheinlich das Nachsehen, wenn ich mich an die neue Freiheit gewöhnt habe.

 

Glauben Sie, dass Onlinehändler mittelfristig versandkostenfrei liefern müssen? Welche weiteren Anbieter sollten Ihrer Ansicht nach in keiner Marktübersicht fehlen? Ich freue mich über Ihre Meinung in den Kommentaren!

 

Über den Autor:

Sören Nilsson hat seine Leidenschaft für E-Commerce und Service zum Beruf gemacht. Seit 2007 bei OTTO sammelte er von Einkauf bis Online Marketing sowie beim Aufbau mehrerer Social-Media-Kanäle umfassendes E-Commerce Know-how. Heute leitet er kundenfokussierte Projekte aus den Bereichen Beratung und Service und zeigt die neuesten Marktentwicklungen auf. Über die Gestaltung begeisternder Kundenerlebnisse im E-Commerce schreibt er bei CX-Commerce und hier aus eigener Sicht. Wer oder was ihn inspiriert, kann bei Google+ und Twitter mitverfolgt werden.