Beim Peak-Symposium 2015 zeigt sich Wirtschaftsminister Gabriel als Freund des lokalen Einzelhandels, verteidigt aber den Mindestlohn und lehnt jegliche Preisbindung im Internet ab.

Sigmar Gabriel ist derzeit der prominenteste Kämpfer für die Rettung des stationären lokalen Einzelhandels. Ende April startete der Bundeswirtschaftsminister dafür die "Dialogplattform Einzelhandel"; gut drei Wochen später unterstrich der Vizekanzler Woche auf dem Peak-Symposium des Mittelstandsverbunds ZGV in Berlin, wie sehr ihn die drohende Verödung der Innenstädte beschäftigt. "Verwahrloste Städte und Gemeinden verursachen verwahrloste Köpfe und Seelen", warnte Gabriel.

Nachdem der Minister und SPD-Vorsitzende beim Peak 2014 kurzfristig absagen musste und nur eine Videobotschaft schickte, sprach er diesmal "real" vor gut 250 Vertretern der Verbundgruppen. Da das Thema des Symposiums in diesem Jahr "Local Commerce: Handeln für die Stadt von morgen" hieß, war es für allerdings auch fast Pflicht für Gabriel, zu kommen. Er lieferte dann eine fast vierzigminütige Rede mit viel Verständnis für den mittelständischen Handel, warb dafür, die Umwälzungen durch den Onlinehandel selbst zu gestalten und begrüßte die vom ZGV geförderte Initiative Buy Local, die bei Verbrauchern für das Einkaufen bei lokalen Händlern wirbt.

Wer bezahlt die Infrastruktur in Deutschland?

Freilich bekam Gabriel auch einen Forderungskatalog von Wilfried Hollmann überreicht - mit Themen, "die uns bedrücken", wie es der Präsident des Mittelstandsverbundes formulierte. Mindestlohn, Insolvenzrecht, steuerliche Bevorteilung von internationalen Onlinehändlern sowie Energiekosten waren dabei vier Hauptthemen. So beklagt Hollmann, dass Onlinehändler kostenlos die deutsche Infrastruktur in Anspruch nehmen, die letztlich durch die Steuergelder von heimischen Unternehmen finanziert würde.

Gabriels Antworten zeigten Verständnis, etwa, indem er die Notwendigkeit einer Ordnungspolitik fürs Internet betonte. Der Minister warnte aber auch indirekt davor, das Internet zu verteufeln. "Seien wir ehrlich, die Verbraucher sind begeistert von technischen Möglichkeiten. Sie müssen wählen können, ob sie online oder im Laden kaufen können."

Zustimmung beim Insolvenzrecht

Beim Dauerthema Insolvenzrecht versprach Gabriel den Verbundgruppen seine Unterstützung und verwies darauf, dass das Justizministerium im März eine Gesetzesänderung verabschiedet hat, in der unter anderem die Fristen für Insolvenzanfechtung auf vier Jahre verkürzt werden.

Der Mindestlohn hingegen ist für Gabriel ein wichtiger Beitrag zur sozialen Stabilität im Land. "Wer arbeiten geht, muss mehr haben als einer, der nicht arbeiten geht." Und: Wenn ein Arbeitgeber eine Geschäftsmodell habe, das darauf angelegt sei, dass der Staat dessen Löhne subventioniere, weil die Mitarbeiter zusätzlich zum Sozialamt gehen müssten, "dann hat er in Wahrheit gar kein Geschäftsmodell."

Auch die von den Unternehmen beklagte Bürokratie durch die Arbeitszeit-Aufzeichnungspflicht infolge des Mindestlohngesetzes sieht Gabriel weniger problematisch. "Ich warte noch auf den Vorschlag, wie mir jemand am Beispiel Minijobs erklärt, wie ich auf die Kontrolle der Arbeitszeit verzichte, trotzdem das Mindestlohngesetz durchhalte."

Preisbindung ist für Gabriel marktwirtschaftsfeindlich

Überhaupt nichts kann Gabriel mit den Rufen nach einer Preisbindung im Internet anfangen, weil dies marktwirtschaftsfeindlich sei. "Es  kann nicht sein, dass ein unabhängiger Händler mit Beitritt in eine Verbundgruppe das Recht auf unabhängige Preisgestaltung verliert."

Ob nun Hollmann insgesamt mit dem Auftritt des Ministers zufrieden war, ließ sich an den Gesichtszügen des ZGV-Präsidenten nicht ablesen. Gewiss aber dürften ihm seine deutlichen Aussagen zur Rettung des lokalen Handels gefallen haben. Es war eine mitunter emotionale Rede, mit der Hollmann die Branche auf den rasanten Strukturwandel einschwören wollte. Sein Tenor: Wenn der Onlinhandel das stationäre Geschäft bedroht, hat das viele Auswirkungen. "Wo der Mittelstand fehlt, mangelt es an lokalen Arbeits- und Ausbildungsplätzen", warnte Hollmann. Großkonzerne, die überall Filialen betreiben, hätten keine soziale Verantwortung für die Probleme vor Ort.

Starker Handel vor Ort ist gleich starker Ort

Hollmann, im Beruf Chef des Apothekengroßhändlers Noweda, zitierte hier einen Apotheker in Hagen, der seinen Kunden die Zusammenhänge von lokalem Einkaufen und den daraus entstehenden Vorteilen für die jeweilige Kommune erläutert habe. "Wir müssen den Konsumenten die Vorteile des Vor-Ort-Einkaufens erklären", forderte daher der Präsident.

Es gibt selbstverständlich genügend Verbundgruppen und Händler, die sich mit den veränderten Zeiten erfolgreich auseinander setzen. Und seit einigen Jahren werden diese Unternehmen vom Mittelstandsverbund mit dem "Kreativpreis" geehrt. In diesem Jahr wurden zwei Kategorien prämiert. In der ersten gewann die ANWR-Media für die Gestaltung des Internetauftritts von schuhe.de. Diese Plattform der Schuhhandelsgruppe ANWR ist eine Verbindung aus Onlineshop und Warenwirtschaftssystem. Die angeschlossenen Schuhfachhändler greifen hier auf Produktdaten von 30.000 Schuhen zu. Die automatische Weiterleitung auf das stationäre Geschäft unterstützt das Einkaufen vor Ort.

Ein Preis für gute Idee im Handwerk

In der Kategorie zwei ging der Sieg an das Berliner Handwerksunternehmen Corpuslinea. Dessen Geschäftsführer Steffen Tremel gründete im Frühjahr die Kooperation "Meisterteam Berlin", die auf  den hochwertigen Möbelbau für Privatkunden spezialisiert ist. An der Kooperation sind auch Heizungsmonteure, Elektriker und Fliesenleger beteiligt. Diese Zusammenarbeit ermöglicht eine exakte Koordination komplexer Bauvorhaben mit individuellen Lösungen – von der Erstberatung bis zur Fertigstellung.

Als neues Vermarktungsinstrument setzt Tremel die "Raumwerkstatt" ein: Dabei kann sich der Kunde nach intensiver Beratung in einem modellhaft gestalteten Raum und auf dem Bildschirm ein exaktes Bild von der fertigen Inneneinrichtung machen. Das Beispiel macht bundesweit Schule, schon 14 Meisterteam-Fachbetriebe sind dem Vorbild gefolgt. "Die erfolgreiche Nutzung der Kraft von Verbundgruppen und neuer Vermarktungsmethoden wie der Raumwerkstatt hat aus Sicht der Jury den ersten Preis für die Kreativität eines Verbundgruppenmitglieds verdient", erklärte Andreas Chwallek, Chefredakteur von Der Handel und Mitglied der Jury für den diesjährigen Kreativpreis.