Verlage und Buchhändler müssen bei Kombiangeboten unterschiedliche Mehrwertsteuersätze ans Finanzamt abführen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sagt ein Abrechnungschaos vorher.

Die Bundespolitik bringt die Buchbranche gegen sich auf: Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) hat festgelegt, dass so genannte Bundle-Produkte, also Kombiangebote wie beispielsweise eines gedruckten Buchs mit eingelegter CD oder Bücher, die mit einem E-Book-Downloadcode versehen sind, seit 1. Juli dieses Jahres mit zwei unterschiedlichen Steuersätzen berechnet und ausgewiesen werden müssen: 7 Prozent für den Printtitel, 19 Prozent für das digitale Angebot. Bislang hatten Verlage wie auch Buch- und Zeitschriftenhändler den für Printprodukte ermäßigten Steuersatz in Höhe von 7 Prozent berechnet, für Hörbücher und E-Books sind 19 Prozent fällig.

"Damit werden Buchhandelsprodukte steuerlich ab sofort wie ein Spar-Menü von Fastfood-Ketten behandelt", ärgert sich Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, über die "Verwaltungsgroteske". "Die dramatische Konsequenz: De facto sind Verlage und Buchhandlungen, die heute noch Bundles mit reduziertem Mehrwertsteuersatz anbieten, seit Juli Steuersünder." Das Ministerium berufe sich bei seiner Entscheidung auf die geltende Rechtslage unter EU-Recht, räumt aber gleichzeitig ein, dass die Maßnahme dem Bundeshaushalt fiskalisch keine relevanten Summen einbringe.

Branche zu spät informiert

Vor allem ärgert den Branchenvertreter, dass das Finanzministerium die umstrittene steuerliche Regelung im Eiltempo durchgedrückt hat und die Buchbranche über die neue Auslegung erst Anfang Juni 2014 informiert wurde: "Ich halte das für eine Finanzgroteske. Im Koalitionsvertrag ist die politische Entscheidung der Bundesregierung klar festgehalten, in der Europäischen Union für eine Einführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes auf elektronische Verlagserzeugnisse einzutreten."

Doch die Finanzverwaltung konterkariere diese Entscheidung. Der Börsenverein habe deshalb auch bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Kontakt aufgenommen. "Ich hoffe, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden", sagt Skipis. 

Auf einen Verlag von mittlerer Größe, der viele Bundles im Programm hat, kommen laut Börsenverein für die Umstellung Investitionen in fünfstelliger Höhe zu, große Fachbuchhändler rechnen mit Umstellungskosten in Höhe von 100.000 Euro. Für die Buchbranche, die keine hohen Gewinnmargen hat, seien das bislang nicht kalkulierte Kosten, die existenzgefährdend sein können. "Man fragt sich, ob den Mitarbeitern des Ministeriums überhaupt klar ist, welche umfangreichen Maßnahmen ergriffen werden müssen", so Skipis.

Teure Umstellung für alle

Die Splittung in zwei Mehrwertsteuerabrechnungen für ein Produkt muss demnach nämlich einheitlich sein - vom Verlag über den Zwischenbuchhandel, die Buchhandlungen bis hin zu Kunden wie Bibliotheken, Universitäten oder Unternehmen. "Das bedeutet unter anderem eine komplette Umstellung der Verlagssoftware, der Schnittstellen, der Lizenzabrechnungen, des Faktur- und Debitorenmanagements und der Kassen- und Warensysteme der Buchhändler", so Skipis.

Davon betroffen seien etwa 80 Prozent der Fach- und Wissenschaftsverlage, 30 Prozent der Sachbuchverlage, rund 25 Prozent der Publikumsverlage und letztlich alle Buchhandlungen sowie der gesamte Zwischenbuchhandel. Mindestens drei Jahre braucht die Buchwirtschaft nach eigener Schätzung für eine solch umfangreiche Umstellung.

Mögliche Steuernachzahlungen

Bei Durchsetzung der neuen Rechtslage zum Stichtag 1. Juli drohen den Unternehmen der Buchbranche demnach erhebliche Schäden, befürchtet der Börsenverein. Wenn beispielsweise eine Buchhandlung im Jahr 1 Million Euro Umsatz mit Bundle-Produkten erziele und das Finanzamt nach fünf Jahren festsetzt, dass durchschnittlich 10 Prozent der Bundle-Produkte mit 19 Prozent statt mit 7 Prozent Umsatzsteuer hätten verkauft werden müssen, steige die Steuerlast des Unternehmens um 60.000 Euro.

Die Verunsicherung in der Branche ist Skipis zufolge groß, die ersten Zwischenbuchhändler liefern bereits keine Bundles mehr aus. Auch Schulbücher werden künftig ohne digitale Zusatzversion angeboten werden müssen, weil sich dieser Service nicht mehr rechne, argumentiert Skipis: "Man sollte die einheitliche Besteuerung von 7 Prozent auch für Bundle-Angebote im Buchhandel weiterhin gelten lassen, bis der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für elektronische Erzeugnisse eingeführt ist."