Finanzkrise? Kaufzurückhaltung? Von wegen. Der Einzelhandel kommt mit kraftvollem Optimismus daher. Doch es gibt namhafte Skeptiker.

Der Geschäftsführer der Tengelmann-Gruppe, Karl-Erivan Haub, erwartet, dass sich die Finanzmarktkrise kurzfristig auf die Handelsbranche durchschlagen wird. Das traditionell umsatzstarke Weihnachtsgeschäft werde voraussichtlich das schwächste seit Jahren sein. „Da werden sich viele Hoffnungen in Luft auflösen”, warnt Haub.

Die Verbraucher seien verunsichert. Bei den Autokäufen sei das bereits jetzt deutlich zu spüren. Der Lebensmittel-Einzelhandel werde jedoch weniger stark betroffen sein als andere Bereiche der Handelsbranche. Dazu passt die Meldung, dass Edeka bis zum Jahr 2010 25.000 neue Mitarbeiter einstellen will. 

Tengelmann wächst nur im Ausland

Tengelmann werde laut Haub am neuen Lebensmittel-Discountriesen Netto/Plus voraussichtlich mit 20 Prozent beteiligt sein und könne damit an dem zu erwartenden Erfolg der Discounter teilhaben. Bei Bekleidung sei Tengelmann mit dem Discounter Kik auf Wachstumskurs. Sowohl im deutschen Bekleidungshandel als auch in der Baumarktbranche erwartet Haub einen harten Ausleseprozess. Investitionen im Inland würden zum Teil auf den Prüfstand gestellt.

Im Ende April abgelaufenen Geschäftsjahr 2007/08 ist Tengelmann nur im Ausland gewachsen. Der Europa-Umsatz stieg dank der Expansion in Osteuropa um 2,5 Prozent auf knapp 20 Milliarden Euro, teilte das Familienunternehmen bei der Jahrespressekonferenz mit. Der Umsatz im schwierigen Heimatmarkt ging dagegen leicht um 0,3 Prozent auf gut 14 Milliarden Euro zurück.

Genth und die anderen Gesetze des Einkaufens

Doch bisher steht Haub mit seiner skeptischen Meinung über die Gesamtlage im Einzelhandel alleine da. „Es gibt keinen Käuferstreik”, versichert der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Stefan Genth. Das belegten auch die jüngsten Umsatzzahlen.

Genth rechne daher auch mit einem eher normalen Weihnachtsgeschäft, verweist aber darauf, dass zu Weihnachten „andere Gesetze des Einkaufens gelten”. Da werde das ganze Jahr über „etwas für Anschaffungen beiseitegelegt”.

Verband hält an Umsatzprognose fest

Der Branchenverband hält weiter an seiner Prognose für 2008 fest. Danach könnten die Umsätze nominal um 1,5 Prozent steigen. Real geht er von einem Minus von 1 Prozent aus.

Bislang sei in den ersten drei Quartalen im Einzelhandel mit Bekleidung, Einrichtungsgegenständen und Unterhaltungselektronik nominal ein Umsatzplus von 2,9 Prozent und preisbereinigt von 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erzielt worden. Der Lebensmitteleinzelhandel habe hingegen ein nominales Plus von 1,1 Prozent und reales Minus von 3,7 Prozent verzeichnet.

Genth sprach von einer paradoxen Situation in diesem Jahr: „Von der Finanzmarktkrise abgesehen sind die Rahmenbedingungen für den Einzelhandel eigentlich gut.” So sei die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt weiter positiv, der Preisauftrieb bei Rohstoff- und Energiepreisen sei gebremst, die Inflation zurückgegangen. „Ohne die Finanzkrise wären wir sogar recht zuversichtlich hinsichtlich Weihnachten”, betont der HDE-Geschäftsführer.

Löst sich der Anschaffungsstau?

Im vergangenen Jahr sei das Geschäft im November und Dezember mit einem Minus von 2 Prozent sehr enttäuschend verlaufen. Daher sei die Messlatte für dieses Jahr nicht so hoch gesetzt. „Zu Weihnachten kaufen die Kunden aber andere Dinge ein als das ganze Jahr über”, sagt Genth.

Derzeit gebe es einen gewissen Anschaffungsstau. Es sei aber noch abzuwarten, ob der sich lösen werde. Genth rief die Politik dazu auf, vor allem den Mittelstand steuerlich zu entlasten.

Josef Sanktjohanser, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) und Vorstandsmitglied der Rewe Group, zeigte sich auf dem Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken mit Blick auf die Umsatzentwicklungen weniger optimistisch: Die Aussichten für das diesjährige Weihnachtsgeschäft seien „eher verhalten”. Auch Sankjohanser forderte "Steuersenkungen statt Konjunkturprogramme".