Der GfK-Experte Rolf Bürkl über den Widerspruch von gutem Konsumklima und schlechten Umsatzzahlen im Einzelhandel.

Foto: Rolf Buerkl/GfK
Foto: Rolf Buerkl/GfK
Herr Buerkl, das von der GfK gemeldete aktuelle gute Konsumklima passt nicht zu den negativen Einzelhandelsumsätzen im Juni. Wie erklären Sie das?

Der Konsumklimaindex liegt derzeit bei 3,5 Punkten, aber langfristig gesehen liegt dieser Wert im Durchschnitt bei 9 Punkten. Das heißt, dass das Klima zwar stabil ist - aber auf sehr niedrigem Niveau.

Was sich ja auch in den Umsatzzahlen des Einzelhandels zeigt.
Unser Index ist aber kein Indikator ausschließlich für den Einzelhandel. Grundlage für Ermittlung des Konsumklimas sind alle Ausgaben in privaten Haushalten. Davon macht der klassische Einzelhandel lediglich 30 bis 35 Prozent aus. In den siebziger Jahren lag dieser Wert bei rund 50 Prozent. Doch heute geben die Verbraucher viel mehr aus für Mieten, Versicherungen, Urlaub oder Telekommunikation.

Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Lage im klassischen Einzelhandel dar?
Als sehr uneinheitlich. Beispielsweise hat das Segment Unterhaltungselektronik und IT starke Zuwächse. Hingegen ist die Lage im Lebensmittelhandel und bei Bekleidung schwierig. Zudem ist der Bereich E-Commerce immer noch schwer zu erfassen.

Muss angesichts dieses Heterogenität Ihr Konsumklimaindex nicht differenzierter gestaltet werden?
Eine differenzierte Sichtweise versuchen wir ja zu vermitteln.

Aber ihre neue Mitteilung überschreiben Sie mit: "Konsumklima - Aufwärtstrend setzt sich fort". Dieser Satz könnte falsche Erwartungen wecken.
Wir haben ja einen Aufwärtstrend, das lässt sich ja nicht wegreden. Aber wahrscheinlich müssen wir unsere Darstellung noch differenzierter formulieren. Für uns stellt sich aber die Frage, ob sich dann eine breite Öffentlichkeit noch dafür interessiert.

Eine Woche nach Ihren guten Klimadaten meldet das Statistische Bundesamt die negativen Umsatzzahlen im Einzelhandel. Und das ist letztlich der Wert, der für Kaufleute zählt. Fühlen Sie sich nun in der Öffentlichkeit blamiert?
Freilich stehen wir jetzt etwas in der Kritik. Aber dieser Widerspruch lässt sich schnell auflösen. Jetzt notieren wir 3,5 Prozent für den Klimaindex. Das heißt, im Vorjahresvergleich gehen wir von einem Zuwachs des privaten Konsums um 0,3 Prozent aus. Dies deckt sich mit den Prognosen anderer Experten. Wenn ein privater Haushalt sein Budget plant, dann ist davon ja nicht nur der Einzelhandel betroffen. Und so kommt eben dieser Unterschied zwischen unseren Zahlen und denen des Statistischen Bundesamtes zustande.

Analysten kritisieren die Formulierungen Ihrer Fragen. So fragen Sie zum Beispiel, ob es zurzeit ratsam sei, größere Anschaffungen zu tätigen. Ratsam sein kann aber vieles.
Diese Fragenkatalog existiert seit fast dreißig Jahren - und gehört zu einem EU-weiten Projekt. In ganz Europa werden Verbrauchern dieselben Fragen gestellt...

...weswegen aktuell beispielsweise auch Spanien die beste Verbraucherstimmung seit 17 Monaten meldet.
Genau. Und in Großbritannien haben wir Ähnliches erlebt.

Trotzdem sind in der gesamten Eurozone die Einzelhandelsumsätze im Juni gegenüber dem Vormonat um 0,2 Prozent gesunken. Dabei hatten Wirtschaftsfachleute eine Steigerung um 0,2 Prozent vorhergesagt.
Vielleicht ändert sich derzeit das Verbraucherverhalten grundsätzlich. Möglicherweise stehen Stimmung und tatsächliches Handeln nicht mehr in einem direkten Verhältnis. Schließlich stehen wir vor der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Rolf Bürkl ist studierter Volkswirt und bei der GfK in Nürnberg Senior Research Consultant in der Division Marktforschung Business & Technology Research.