Das US-Kreditkartenunternehmen Visa übernimmt seine ehemalige Tochter Visa Europe. Was das für den Einzelhandel bedeutet.

Visa kauft die ehemalige europäische Tochter zurück. Für die Übernahme von Visa Europe will das US-Unternehmen bis zu 21,2 Milliarden Euro in die Hand nehmen: Visa zahlt für das europäische Namens-Pendant zunächst 16,5 Milliarden Euro in bar und in Aktien; je nach Gewinnlage könnte das Unternehmen bis zum vierten Jahrestag des Abschlusses weitere 4,7 Milliarden Euro dazulegen.

Visa geht davon aus, dass die Übernahme im dritten Quartal des aktuellen Geschäftsjahres 2015/16 abgeschlossen sein wird. Noch müssen die zuständigen Behörden dem Deal zustimmen. Visa Europe war bislang im Besitz von europäischen Banken und anderen Payment-Service-Providern.

Die Konsequenzen für den Handel

Was heißt das für den Handel? "Visa bleibt dem Vier-Parteien-System verpflichtet und wird die europäischen Händler weiter über die Händlerbanken unterstützen", antwortet ein Pressesprecher des Kreditkartenunternehmens auf Anfrage von Der Handel. Die Unterstützung der Händler beim Ausbau ihres Geschäfts gehe mit einem Wachstum des Zahlungsverkehrs einher, "davon profitieren alle Parteien im Zahlungsumfeld". 

Bis zum Abschluss der Übernahme werde Visa Europe eine unabhängige Organisation bleiben und weiterhin alle "Stakeholder auf einem sehr hohen Serviceniveau unterstützen", beteuert Visa. Mehr könne man derzeit noch nicht sagen, man sei noch mitten in den Verhandlungen. Damit bleibt offen, was nach der Verschmelzung auf die Händler zukommt.

“Mein Bauchgefühl sagt mir: es wird teurer"

Neue Vertragsverhandlungen sind eine mögliche Konsequenz. Die Händlerbanken beschwichtigen. "Die Übernahme trifft den Handel nur mittelbar, direkt betroffen sind hingegen die Lizenznehmer", sagt Luca Zanotti, für rechtliche Fragen beim Acquirer Concardis verantwortlich. Die kartenausgebenden Institute, die so genannten Issuer, und die Händlerbanken müssten nun mit Visa über neue Lizenzen und Regularien verhandeln. Für den Handel werde inhaltlich alles gleich bleiben: "Der Handel hat seine Vertragspartner, auf der Abrechnungsseite die Acquirer."

Einige Händler schätzen die Lage hingegen anders ein: "Ich kann derzeit nur spekulieren, aber mein Bauchgefühl sagt mir: Es wird teurer", sagt Oliver Behrens. Er ist als Leiter der Card-Abteilung bei Orlen Deutschland, Betreiber der bundesweit knapp 550 Star-Tankstellen, für alle Themen rund ums bargeldlose Bezahlverfahren verantwortlich. Er dürfte so falsch nicht liegen: Spätestens, wenn die bisherigen Verträge auslaufen, stehen auch für die Händler neue Verhandlungen an. "Der Acquirer kann vielleicht regulierend eingreifen", sagt Behrens. Doch man sehe bereits jetzt, im Nachgang der EU-Gebührendeckelung, neue Kreativität bei den Abrechnungsmodellen.

An der Kasse dürfte alles beim Alten bleiben: "Am POS wird sich  grundsätzlich nichts ändern", vermutet Behrens. Operativ biete die Fusion vielleicht künftig mehr Möglichkeiten.

Amerikaner halten offenbar an VPay fest

Nicht mehr spekulieren muss man hingegen über die Zukunft von VPay, dem Konkurrenzsystem von Maestro: Laut informierten Kreisen hält Visa auf jeden Fall an dem Debitkarten-Produkt fest, da es sich in Europa gut etabliert hat. Eine "EC"-Karte mit VPay-Zeichen funktioniert im Gegensatz zu Maestro nur in vielen europäischen Ländern und Israel, nicht jedoch in den USA oder Asien.
 

Kommt jetzt die Wallet von Visa?

Viel mehr Fakten gibt es derzeit noch nicht, eines ist jedoch jetzt schon klar: Visa beseitigt mit der Übernahme des europäischen Geschäfts die Hürden, die bislang den Wettbewerb mit Konkurrent Mastercard auf dem europäischen Markt erschwert haben.

Beide Unternehmen versuchen beispielsweise seit längerem, auf dem Online-Payment-Markt Platzhirsch Paypal Konkurrenz zu machen. Der Zusammenschluss dürfte den Weg ebnen für die Öffnung des Online-Bezahldienstes Visa Checkout für europäische Kunden. Der Dienst ist bislang noch nicht in Europa verfügbar, im Gegensatz zum E-Wallet des Konkurrenten, Masterpass. Im September hatte Visa Europe beschlossen, dass die Markteinführung des zweiten Wallet-Produkt V.me nicht mehr weiterverfolgt wird.

Visa hatte das Europa-Geschäft im Vorfeld seines Börsengangs 2008 ausgegliedert. Visa Europe besaß einen unbefristeten Lizenzvertrag, das war die einzige Verbindung der beiden Unternehmen. Das europäische Unternehmen hat derzeit mehr als 500 Millionen Kreditkarten im Umlauf.