Plattformen für den elektronischen Handel zwischen Unternehmen zählten 1999 und 2000 zu den Superstars des Business-to-Business E-Commerce. Berlecon Research sucht nach Gründen für den Aufstieg und Fall von B2B-Marktplätzen.

Plattformen für den elektronischen Handel zwischen Unternehmen zählten 1999 und 2000 zu den Superstars des Business-to-Business E-Commerce. Inzwischen ist es sehr ruhig um sie geworden. Viele Marktplätze sind geschlossen oder zumindest deutlich herunterskaliert worden. Dr. Thorsten Wichmann von Berlecon Research versucht eine Antwort auf die Frage zu geben, ob B2B-Marktplätze von vornherein eine Luftblase waren.

Laut Wichmann sind die B2B-Marktplätze vor einigen Jahren mit verschiedenen Versprechen an den Start gegangen: Mehrere Anbieter und Nachfrager von B2B-relevanten Produkten sollten zusammengeführt, die Akteure bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner unterstützt, eine schnellere und effizientere Preisfindung ermöglicht und die elektronische Abwicklung von Transaktionen durchgeführt werden. Dadurch sollten sowohl Produkt- als auch Prozesskosten eingespart werden können.

Rückblickend ist diese Vision nach Meinung von Wichmann nicht realistisch gewesen. Das Scheitern vieler B2B-Marktplätze sieht er darin begründet, dass einerseits die einzelnen Bestandteile des Versprechens an sich schon komplex sind, ihre Kombination aber noch wesentlich komplexer ist. Um wirklich alles aus einer Hand anbieten zu können, seien derart hohe Aufwendungen für die Umsetzung in eine IT-Lösung notwendig, dass schwarze Zahlen in weite Ferne rückten. Abenteuer dieser Art seien aber mittlerweile keinem Geldgeber mehr zu vermitteln.

Andererseits spiegelt die Integration vieler Funktionen in eine Plattform laut Wichmann gar nicht die Realität in Unternehmen wieder. So seien häufig die Suche nach potenziellen Lieferanten, die Aushandlung von Rahmenverträgen mit diesen und schließlich der Bestellvorgang selbst auf der Basis vorher ausgehandelter Konditionen ganz unterschiedliche Aktionen. Bei diesen seien außerdem verschiedene Parteien involviert, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Aktion treten. Das Integrieren all dieser Funktionen auf einer Plattform habe also nur begrenzten Mehrwert.

Als Konsequenz fokussieren sich viele (ehemalige) Anbieter von Marktplätzen mittlerweile auf einen dieser Vorgänge, resümiert Wichmann. Statt Full-Service-Marktplätzen hätten sich inzwischen eine Reihe von verschiedenen Internet-Plattformen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gebildet. Als Beispiel nennt Wichmann "Elemica", eine Plattform für die Chemieindustrie, die die ERP-Systeme zahlreicher Chemieunternehmen verknüpft und so die Möglichkeit bietet, Bestellungen, Rechnungen und andere elektronische Dokumente multilateral auszutauschen. Aber weder können und sollen auf der Plattform Preise ausgehandelt werden noch können sich potenzielle Lieferanten dort präsentieren.

Das Gegenstück dazu bieten laut Wichmann Plattformen wie "WLW" (Wer liefert was?), die systematische Firmen- und Produktverzeichnisse anbieten, auf denen sich Anbieter listen lassen können und über die ein erster Kontakt zu potenziellen Lieferanten aufgebaut werden kann. Weder finden auf diesen Plattformen Preisverhandlungen statt noch ermöglichen sie automatische Bestellvorgänge.

Für Unternehmen, die diese Spezialisierungsstrategie gewählt haben, ist die Internet-Plattform häufig nur noch ein Geschäftsfeld unter mehreren, ist Wichmann überzeugt. Denn Kompetenzen wie das Managen großer Kataloge (z.B. bei "DCI") oder das Durchführen von Beschaffungsauktionen (z.B. bei "Portum") ließen sich oft auch in Softwarelösungen umsetzen und entsprechend vermarkten. Wenn Plattformen mehrere Komponenten anböten, dann meist, um ihre Marke auszubauen und so neue Geschäftsfelder zu erschließen, und nicht, um die verschiedenen Vorgänge unmittelbar zu verbinden. Als Beispiel für diese Kategorie von Plattform nennt Wichmann "ChemConnect", ein Dienst, der verschiedene Tools und Services für die Chemieindustrie unter einem Dach und Namen anbietet.

Wichmann fasst zusammen, dass die Landschaft der B2B-Marktplätze mittlerweile kleiner, aber zugleich vielfältiger geworden ist. Der Begriff Marktplatz sei sicher für viele dieser Plattformen nicht mehr adäquat. Trotzdem, so Wichmann, tragen diese Plattformen genauso wie Software mit ähnlicher Funktionalität dazu bei, wesentliche Versprechen des B2B-E-Commerce zu verwirklichen, nämlich Senkung der Prozesskosten für Transaktionen, eine größere Auswahl an und schnelleres Finden von potenziellen Geschäftspartnern sowie effizientere Preisfindungsprozesse. (ST)


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