Deutsche Unternehmen sehen die Digitalisierung immer positiver. Auch im Einzelhandel werden die Bemühungen allerdings durch Fachkräftemangel und fehlende Qualifikation gebremst.

Die fortschreitende Digitalisierung wird dazu führen, dass im deutschen Mittelstand  mehr Arbeitsplätzen geschaffen werden. Nach einer Umfrage im Auftrag der Commerzbank rechnen 43 Prozent der befragten Unternehmen mit steigenden, 48 Prozenten mit einem gleichbleibenden Personalbestand. "Damit hat im Mittelstand offenbar ein Umdenken stattgefunden. Statt eines Jobkillers sehen die Unternehmen in der zunehmenden Digitalisierung nun eher einen Jobmotor", sagte Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank und dort verantwortlich für das Mittelstandsgeschäft, bei der Vorstellung der Studie "UnternehmerPerspektiven 2016" in Frankfurt. Erwarteten demnach im Jahr 2015 noch 40 Prozent der Unternehmen negative Beschäftigungseffekte, so sind es in der aktuellen Befragung nur noch 8 Prozent.

Der andauernde Fachkräftemangel behindert den Einzelhandel jedoch deutlich - und zwar mehr als andere Branchen: 61 Prozent der befragten Händler berichten von Problemen, die Service- und Beratungsqualität zu verbessern. Das sind 21 Prozentpunkte mehr im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Da Service und Beratung für den stationären Einzelhandel zentrale Alleinstellungsmerkmale gegenüber der Onlinekonkurrenz sind, sei dies besonders bedenklich.

Handel setzt auf neue Technologien

Die neue digitalen Technologien sind für die mittelständischen Unternehmen aus dem Einzelhandel überdurchschnittlich relevant, vor allem in den Bereichen Marketing und Vertrieb: 80 Prozent der Einzelhändler sehen in digitalen Technologien Möglichkeiten zur Stärkung der Kundenbindung – das sind 21 Prozentpunkte mehr im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Knapp drei von vier befragten Händlern sind der Meinung, ihre ihrer werblichen Aktivitäten zu verbessern, quer durch alle Branchendenken das "nur" sechs von zehn Unternehmer. 59 Prozent der befragten Handelsunternehmer sehen zudem Chancen in der Erschließung neuer Absatzwege und Vertriebsformen – das sind 9 Prozentpunkte mehr als der Rest der Wirtschaft.

Eine Kostensenkung erwarten die Einzelhändler hingegen selten als Folge der fortschreitenden Digitalisierung: 36 Prozent nannten diesen Punkt als relevant, 11 Prozentpunkte weniger im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Vor allem die Erfahrung mit hohen Retourquoten und zunehmendem Preiskampf dämpfen die Hoffnungen der Studie zufolge spürbar.

Dringend gesucht: Das richtige Personal

"Der Mittelstand gehört ganz klar zu den Gewinnern der digitalen Transformation, weil er typischerweise auf Geschäftsfeldern agiert, wo Expertenwissen, Innovation und Flexibilität eine große Rolle spielen", sagte Beumer. "Deshalb wird hier der Bedarf an Fachleuten weiter steigen." 68 Prozent aller Befragten melden Bedarf an Kräften mit mehrjähriger Erfahrung. Zugleich registrieren sie starkes Interesse an Weiterqualifizierung der bestehenden Belegschaft und den Wunsch, stärker in die strategische Ausrichtung des Unternehmens einbezogen zu werden.

Im Einzelhandel ist der Mangel an entsprechend qualifiziertem Personal besonders eklatant: 40 Prozent der Händler haben als Folge Probleme, digitale Technologien in die Unternehmensabläufe einzubinden. 34 Prozent fühlen sich bei der Umsetzung neuer digitaler Geschäftsideen gebremst.

"In der Weiterentwicklung des vorhandenen Personals liegt noch viel Potenzial", zeigte sich unterdessen der Schirmherr der Studie, Dr. Jürgen Meffert, Director bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company, überzeugt. "Die digitale Transformation erfordert einen Führungsstil, der die Mitarbeiter mitnimmt. Deren Wunsch, beteiligt zu werden, sollte eine Ermutigung sein, neue berufliche Perspektiven, flachere Hierarchien und ein innovativeres Klima im eigenen Unternehmen zu etablieren."

Darüber hinaus werden auch im Einzelhandel interne Strukturen und Kompetenzen neu organisiert. 59 Prozent der Einzelhändler berichten, dass die Arbeit inzwischen flexibler geplant werden kann. Bei 55 Prozent wird die Zusammenarbeit mit Kunden und Geschäftspartnern enger, bei 54 Prozent die Verantwortung der Mitarbeiter größer.

Eine Frage der Einstellung

"Ob die digitale Transformation in Unternehmen gelingt, ist vor allem eine Frage der Einstellung – der Unternehmensführung und der Belegschaft", sagte Meffert. Der Einzelhandels setzt  dabei vor allem auf Diversität: 72 Prozent der befragten Händler sind der Meinung, dass eine heterogene und altersgemischte Belegschaft zur Stärke des Unternehmens beiträgt. Ebenfalls wichtig sind demnach die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen und eine innovationsfördernde Fehlerkultur (je 69 Prozent).

Auch eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben hat für den Einzelhandel überdurchschnittliche Bedeutung: 65 Prozent nennen dieses Kriterium als erfolgskritisch für Unternehmen, 8 Prozent mehr Gesamtwirtschaft.