Der Tarifkonflikt im Einzelhandel wird zunehmend sichtbar. Verdi erhöht vor der zweiten Verhandlungsrunde mit einer verstärkten Warnstreikwelle den Druck. Der Fall Karstadt sorgt für Aufsehen.

Klappern statt Kassieren, Betriebsversammlung statt Beratung: Der Tarifkonflikt im Einzelhandel erreicht mit einer ersten Warnstreikwelle die Verbraucher. Nach dem Bodenpersonal der Lufthansa, den Briefträgern der Deutschen Post und Facharbeitern der Metallindustrie greifen jetzt auch Verkäuferinnen zu Streikwesten und Trillerpfeifen. Die Gewerkschaft Verdi erwartet eine harte und lange Tarifrunde in der drei Millionen Mitarbeiter zählenden Branche. Mit der Warenhauskette Karstadt verabschiedet sich ein großer Arbeitgeber aktuell aus den Verhandlungen, noch ehe sie richtig begonnen haben. Die Arbeitgeber sehen das als Beleg für dringenden Reformbedarf.

"Pack meinen Mantel nicht an!" steht auf einem Verdi-Plakat, mit beispielsweise Mitarbeiter von Modeketten und Warenhäusern in der Düsseldorfer Innenstadt am Dienstag auf ihre Forderungen aufmerksam machten. Verdi fordert, dass die von den Arbeitgebern gekündigten Manteltarifverträge ohne Abstriche wieder in Kraft gesetzt werden.

Gewerkschaft will nur über Gehälter verhandeln

"Wir verhandeln in diesem Jahr nur über Löhne und Gehälter", betonte Silke Zimmer, Verdi-Verhandlungsführerin in NRW. Die Gewerkschaft fordert in dem Tarifbezirk für 450.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigten sowie der 250.000 "Minijobber" 6,5 Prozent mehr. In anderen Tarifbezirken wird ein Euro mehr pro Stunde gefordert.

Die regionalen Arbeitgeberverbände bekommen unterdessen Post aus dem eigenen Lager. Karstadt legt eine zweijährige "Tarifpause" für die "vollständige Gesundung" des Unternehmens ein, wechselt in die Verbandsmitgliedschaft ohne Tarifbindung. Weitere Gehaltserhöhungen müssen damit nicht geschultert werden. Karstadt muss Medienberichten zufolge mitten im schwierigen Umbau mit Umsatzrückgängen kämpfen.

Nach den jüngst veröffentlichten Zahlen für das Geschäftsjahr 2010/11 (30.09.) fiel damals ein Verlust von knapp 21 Millionen Euro an. Eigentümer Nicolas Berggruen, der Karstadt 2010 rettete, betonte vor kurzem erneut, die Neuausrichtung sei keine Schnellreparatur.

HDE: "Tarifpause" von Karstadt Warnsignal

Die "Tarifpause" von Karstadt sieht der Arbeitgeber-Dachverband HDE als ein weiteres Warnsignal für eine sinkende Tarifbindung im Einzelhandel. "Die Tarifbindung geht zurück. Dieser Trend ist nach wie vor zu erkennen. Deshalb wollen wir die Tarifverträge dringend modernisieren", sagte der Vorsitzender des Tarifpolitischen HDE-Ausschusses, Ulrich Köster, am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Vor kurzem habe bereits der saarländische Lebensmittelhändler Globus seinen Austritt aus dem Flächentarifvertrag erklärt durch einen Wechsel in eine Verbandsmitgliedschaft ohne Tarifbindung.

"Wir bedauern, dass sich Globus und Karstadt zurückziehen. Umso wichtiger ist es, dass wir mit den Gewerkschaften eine Reform der Tarifverträge zügig zu stande bekommen", unterstrich Köster. Dazu zählten unter anderem flexiblere Arbeitszeitregelungen. Die Tarifbindung der Unternehmen im deutschen Einzelhandel liege schon bei deutlich unter 50 Prozent. Der Karstadt-Konkurrent Kaufhof werde sich aber nicht aus dem Flächentarifvertrag zurückziehen. "Wir bleiben tariftreu, wir setzen uns für den Flächentarifvertrag ein", sagte Köster in seiner Rolle als Personalchef der Metro-Tochter.

Verdi: Karstadt-Stellenabbau falsches Signal

Verdi kritisiert das Vorgehen von Karstadt auf das Schärfste. Der Abbau von 2.000 Arbeitsplätzen sei bereits ein falsches Signal an die Belegschaft und die Kunden gewesen. "Mit dem Ausstieg aus der Tarifbindung stolpert das Karstadt-Management nun in seine nächste Fehlentscheidung", erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Die Mitarbeiter von Karstadt hätten seit dem Jahr 2004 insgesamt über 650 Millionen Euro in ihr Unternehmen durch Verzicht auf Leistungen investiert. Der Essener Warenhauskonzern betonte, er wende die bisher geltenden Tarifverträge weiter an. Auf die 20.000 Karstadt-Mitarbeiter kämen keine Kürzungen durch die "Tarifpause" zu.

Die Gräben zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft sind tief. "Nach den ersten Verhandlungen in acht Bundesländern bestätigt sich, dass das, was die Arbeitgeber schönfärberisch als "Modernisierung" verkaufen wollen, in der Realität nichts anderes bedeutet als die drastische Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von rund drei Millionen Beschäftigten", erläuterte Nutzenberger am Dienstag zu Warnstreiks in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. In NRW sollen bereits in den nächsten Tagen weitere Warnstreiks folgen. Dass durch solche Aktionen der Verkauf lahmgelegt werden kann, hat sich in der Vergangenheit als schwierig erwiesen.

Volker Danisch, dpa