Im Juni sorgte in der Fachwelt ein Artikel bei Welt online für Aufsehen: "Amazon plant offenbar einen eigenen Lieferdienst". Klang spannend, war aber Nonsens. Und ist es immer noch.

Warum Amazon keinen eigenen Lieferdienst hat. Und auch ganz bestimmt keinen plant. Und warum man nicht jeder Meldung auf den Leim gehen sollte.


Wenn eine Story einfach zu schön ist - Kein Amazon Lieferdienst in der Gegenwart

Welt-Autor Nicolai Birger wollte damals - kurz vor der Sommerpause - einmal so richtig in die Vollen gehen und sich mit diesem "Scoop" ins Herz der E-Commerce-Branchenmeute texten? Es scheint so.

"Das ist doch mal ein Thema!", dachten sich auch die Kollegen von internetworld, griffen bei der "Welt" dankbar zu und titelten ihrerseits: "Ein Lieferdienst für Amazon?".

Zwar in der Überschrift noch als Frage formuliert, ließ man im Beitrag selbst die anfängliche Vorsicht fahren, und zog - um die These dann doch irgendwie "durchzubringen" - als vermeintlichen Beleg auch noch eine weiteres Gerücht heran: Den angeblich hauseigenen Amazon Fresh-Lieferdienst.
Branchenkenner halten die jüngsten Vorstöße Amazons für ein deutliches Signal: In den USA stellt der Online-Händler mittlerweile in mehreren Städten frische Lebensmittel zu - und nutzt dazu bereits eine eigene Lieferflotte.
Welche weiteren "Branchenkenner" sind das eigentlich, die Amazons Vorstöße für ein "deutliches Signal" halten? Kennt jemand einen? Ich nicht.

Und was heißt "mittlerweile"? Ist durchaus dehnbar: Die ersten Berichte zu Amazon Fresh stammen aus dem August. Des Jahres 2007.

Und die "eigene Lieferflotte"? Lässt sich nicht belegen. Dahinter kann jeder x-beliebige Dienstleister stehen, der die entsprechenden Lieferfahrfahrzeuge einfach der CI seines jeweiligen Kunden anpasst. Mit Klebefolie und Heißluftpistole.
Das dauert 2 Stunden pro Fahrzeug. Mit zwei Mann. Einer "fönt" die Folie mit dem Firmenlogo des Kunden warm, und einer klebt und passt auf, dass sich keine Blasen zwischen Lack und Folie bilden. Dann sieht's hinerher aus wie lackiert. So verfahren fast alle Dienstleister. Außer UPS. Deren Zustellfahrzeuge sind tatsächlich braun lackiert. Ab Werk.

Amazon in Leipzig
Amazon in Leipzig
Branchen-Guru und Techcrunch-Gründer Michael Arrington höchtselbst ist übrigens in 2007 schon - in freudiger Erwartung, dass Amazon Fresh doch auch bald im Silicon Valley starten möge - auf dieses gephotoshopte Bild eines angeblichen Lieferflottenfahrzeugs reingefallen: Das Amazon Fresh-Logo wurde eingefügt.
Weil also ungenannte "Branchenkenner" hinter Amazons "Vorstößen" - die sich nunmehr bereits seit 6 Jahren in ihrer "Vorstoßphase" befinden, und für die angeblich "mittlerweile" "eine eigene Lieferflotte" genutzt wird - ein "deutliches Signal" vermuten, geht es jetzt bald los?

Jetzt so richtig? In echt? Amazon mit einem eigenen Lieferdienst. Wow. Nur lässt sich das leider nicht belegen...

Kein Amazon Lieferdienst in der Zukunft

Es bleibt also doch nur die ursprüngliche Aussage von GLS-Vorstand und "Branchenexperte" Rico Back, um dem Mysterium einer "eigenen Amazon Lieferflotte" weiter nachgehen zu können.
Die Mengen reichen bei Amazon in jedem Fall aus, um einen eigenen Paketdienst aufzumachen", sagte Rico Back, Vorstandschef von General Logistics Systems (GLS), der "Welt".
Aha. Diese launige Annahme veranlasste Welt-Autor Nicolai Birger überhaupt erst zu seiner Schlagzeile, die die Meldung über den "eigenen Lieferdienst" letztlich ins Rollen brachte. Es gibt seitens Amazon gar keine offiziellen Zahlen zu den Sendungsvolumina, und Rico Backs Kollegen in den Vorständen bei DHL und Hermes werden diesem auch bestimmt nicht mal irgendwann bei einem Bier gesteckt haben, wie hoch denn deren jeweiliges Amazon-Sendungsaufkommen tatsächlich ist. Das heißt im Klartext: Rico Back weiß es nicht.

Im Folgenden widerlegt er sich in seiner Annahme zudem selbst und stellt prompt den "eigenen Amazon Lieferdienst" wieder in Frage.
"Unsere Existenzberechtigung haben wir dadurch, dass wir die Paketzustellung besser und auch noch günstiger machen können als die Onlinehändler", sagte GLS-Chef Back weiter.
Da hat er Recht. Und jeder, der mal eine BWL-Grundlagen-Vorlesung besucht hat, weiß auch wieso.

Neid - Den Wettbewerbern einen Amazon Lieferdienst "an den Hals" wünschen

Die Frage ist nun: Warum fabuliert er sich dann in der Öffentlichkeit ein Szenario zurecht, dass Amazon sich gänzlich von Transportdienstleistern unabhängig machen könnte (und widerspricht sich daraufhin gleich wieder selbst)?
Vor diesem Hintergrund geht einem als Vertreter eines Wettbewerbers eine derartige Aussage natürlich ganz schnell über die Lippen. Aus der Lameng stellt man mal eben das ganze System in Frage. Weil man ja selbst bis dato davon mehr oder weniger davon ausgeschlossen ist.

Amazon plant weder eigenen Lieferdienst, noch macht es sich von einem abhängig

Paketstation von Amazon
Paketstation von Amazon
Aber zurück zu dessen Kernaussage: Einmal angenommen "die Mengen reichen" tatsächlich, wieso ist es dann eigentlich so, dass zwar DHL und Hermes von Amazon profitieren, GLS aber nicht?

Bei soviel "Mengen" müsste da doch auch für GLS etwas abfallen?

Nein, nicht zwingend. Denn es geht primär gar nicht um "die Mengen: Anders als viele Kunden - und auch viele "Branchenexperten" - es vermuten, liegt die Ursache in Amazons Sourcing-Strategie bei der Auswahl seiner Dienstleister nicht etwa allein in den steigenden Sendungszahlen begründet, sondern es handelt sich hierbei in erster Linie um eine unternehmenspolitische Entscheidung, die von Seattle ausgehend in jedem Markt umzusetzen ist: Multi-Sourcing beim Einkauf von Transportdienstleistung. In Deutschland setzte man erst auf DHL als Dienstleister, später kam dann Hermes hinzu. Der Grund war damals jedoch nicht, dass die DHL-Systeme das Aufkommen allein nicht mehr hätten bewältigen können, die Ursache bestand vielmehr darin, dass man sich nicht an einen einzelnen Dienstleister binden wollte: Derlei Kooperationen schaffen komplexe Strukturen. Systeme, die aufwendig projektiert werden müssen, die lange Anlaufzeiten haben und die entsprechend planungs-, personal- und kostenintensiv sind.

Ergo: Ein einzelner Dienstleister befände sich dadurch gegenüber Amazon in einer viel zu guten Verhandlungsposition, da eben diese Komplexität auch mit einer gewissen Macht verbunden wäre. Es gilt für Amazon aber die Maxime, in den jeweiligen Märkten mit verschiedenen Transportdienstleistern zu kooperieren, um nicht von einem einzelnen Player abhängig zu sein.
Und um diese bei Verhandlungen auch gegeneinander ausspielen zu können. Diese Zielsetzung ist bei Amazon sogar so hoch aufgehängt, dass dafür sogar bewusst Qualitätseinbußen in Kauf genommen werden.


Multi-Sourcing beim Einkauf der Transportdienstleistungen ist wichtiger als Qualität

Am Beispiel des deutschen Marktes: Dass Hermes  aus Sicht vieler Kunden "schlechter performed" als DHL, ist bekannt. Und wird seitens Amazon auch in Kauf genommen. Hermes hat längere Laufzeiten, vor allem in weniger rentable Zielgebiete. Standardsendungen für diese Relationen werden über mehrere Nachtsprünge hinweg in den Hubs gesammelt, bis innerhalb eines bestimmten Zeitraums ein bestimmtes Sendungsvolumen, ergo ein auch bestimmter Fahrzeug-Auslastungsgrad erreicht ist. Fixkostendegression. Dieses Procedere ist jedoch wertungsfrei zu sehen, da es sich aus Systeminfrastruktur und Marktposition dieses Dienstleisters selbst ergibt: Als Preisführer im KEP-Segment muss man so operieren, um überhaupt rentabel sein zu können.

Das heißt: Hermes "war schon immer so" und bei Amazon weiß man das auch, hat sich dennoch für diesen Dienstleister entschieden und nimmt die, gegenüber DHL längeren Laufzeiten gezielt hin.Trotz Kundenmurren, trotz Beschwerden.

In anderen Märkten verfährt Amazon ähnlich. Qualitätseinbußen (längere Sendungslaufzeiten) werden dafür auch in Kauf genommen. Auch wenn Jeff Bezos mit seinem Mantra "Alles für den Kunden" gerne mal das Gegenteil propagiert.

Aber denkt man bei Amazon vielleicht, dass man bestimmte Dienstleister zu sich "hochziehen" könnte? Sie seinen Qualitätsansprüchen einfach anpassen?
 
Amazon: Blick ins Lager in Bad Hersfeld
Amazon: Blick ins Lager in Bad Hersfeld
Ganz bestimmt nicht: Jeder in dieser Branche, der auf der Seite eines Qualitätsführers schon einmal die Erfahrung gemacht hat, für bestimmte operative Prozesse mit einem Preisführer "zwangsverheiratet" worden zu sein (wegen angeblicher Synergie-Potenziale, die findige Unternehmensberater vorab den jeweiligen Vorständen ins Ohr geflüstert hatten), weiß was dabei herauskommt: Die alte Regel "Heirate niemals unter deinem Stand. Du wirst nie jemanden hochziehen können, sondern immer nur runtergezogen werden." findet auch in derlei "Logistik-Ehen" mit ungleichen Partnern ihre Bestätigung.

Es ist also unwahrscheinlich, dass das bei Amazon nicht bekannt ist. Ergo steckt hinter der Entscheidung für "schwächere" Dienstleister auch ein gewisses Kalkül, die eigenen Qualitätsansprüche bis zu einem gewissen Grad zu opfern.

In diesem Spiel "Amazon und/gegen die Transportdienstleister" sind in den USA UPS, FEDEX und USPS beteiligt und in Deutschland DHL und Hermes. GLS jedoch ist es in Deutschland - dem größtem europäischen Markt - nicht. Obwohl die Sendungsvolumina steigen und obwohl Amazon durchaus bereit ist mit Partner zu kooperieren, die den eigenen Qualitätsansprüchen nicht unbedingt gerecht werden.

GLS-Vorstand Rico Back schaut also nur zu.

Na, und wer vor diesem Hintergrund zum Zuschauen verdammt ist, der stellt eben gern mal aus dem Bauch das Spiel selbst in Frage. Wer möchte ihm das verdenken?

Aber wer möchte dessen Behauptung "Die Mengen reichen bei Amazon aus, um einen eigenen Paketdienst aufzumachen" jetzt noch ernsthaft weiter verfolgen...?

Fazit: Amazon plant vieles. Aber bestimmt keinen eigenen Lieferdienst.

Es gibt für Amazon aus seiner derzeit komfortablen Position keinen einzigen Grund, sich einen eigenen Lieferdienst ans Bein zu binden. Mit all den Widrigkeiten und Risiken (Wettbewerbersituation, Personalknappheit in allen operativen Bereichen, etc.) und Risikovariablen (Maut, Treibstoffpreise, etc.), die damit verbunden wären.

Es gibt, zumindest in den USA und in Deutschland, ausreichend qualifizierte Player, mit denen man kooperieren, die man auslasten, preislich drücken und die man gegeneinander ausspielen kann. Heute und in naher Zukunft.

Und diese würden sich im Bedarfsfall natürlich auch ein Amazon Fresh-Logo auf ihre Fahrzeuge kleben. Zwei Mann, eine Klebefolie, eine Heißluftpistole...Sie wissen schon.