Der BUND will die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik” durchsetzen. Mit einer Kundgebung vor der Edeka-Zentrale sollen die Händler überzeugt werden. 

Die protestierenden Milchbauern sind noch gar nicht so lange weg, da hat die Edeka-Zentrale am New-York-Ring in Hamburg erneut eine Kundgebung vor der Tür: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert von der Handelskette, dass sie konventionelle tierische Lebensmittel, die ohne Verwendung genmanipulierter Futtermittel hergestellt worden sind, auch als solche gekennzeichnet sind. 

„Der BUND will, dass die Kennzeichnung 'Ohne Gentechnik' zum Qualitätsstandard für tierische Produkte im deutschen Lebensmittelhandel wird”, sagt Heike Moldenhauer, Gentechnikexpertin beim BUND.

Edeka sei dabei als größter deutscher Lebensmittelhändler in einer Schlüsselposition. Damit sich die Kennzeichnung verbreitet, müsse das Unternehmen Milch, Fleisch und Eier seiner Eigenmarken mit der Kennzeichnung der Gentechnikfreiheit versehen. Moldenhauers Logik: „Was Edeka macht, machen alle nach.”

Konzeptloses Gesetz ohne Erfolg

Im Frühling 2008 ist das Gesetz zur Kennzeichnung gentechnikfreier Lebensmittel in Kraft getreten. Ein großer Erfolg ist es bisher nicht. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hatte kein Konzept für die Einführung der neuen Kennzeichnung, selbst ein Logo fehlte.

Dass sich die neue Kennzeichnung im Handel erst nach einiger Zeit durchsetzen würde, war von Beginn an klar. Bei tierischen Lebensmitteln geht es hauptsächlich um die Fütterung mit Soja-Produkten, die aus Nord- und Südamerika stammen. Seehofer hätte kaum einen schlechteren Zeitpunkt wählen können, um sein Gesetz umzusetzen.

Teigwarenhersteller Alb-Gold als Pionier

Die Ernte des genfreien Sojas für 2007, das hauptsächlich in Brasilien produziert wird, stand kurz bevor. Da die Aussaat und Sondertransportwege, die für eine gentechnikfreie Zertifizierung notwendig sind, schon bei der Aussaat festgelegt werden, war die diesjährige Ernte längst verplant.

Deswegen, so Jochen Koester, Inhaber des Beratungsunternehmens TraceConsult, „konnten große deutsche Lebensmittelunternehmen zunächst kaum auf zusätzliches gentechnikfreies Soja umstellen”.

Der von den Gentechnik-Gegnern ersehnte Wendepunkt scheint sich aber anzubahnen: Bei Deutschlands zweitgrößtem Teigwaren-Hersteller Alb-Gold tragen seit Mai sämtliche Produkte (mit Ausnahme von Bio-Produkten, wo dies eine Selbstverständlichkeit ist) die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik”,
 

Vorreiter Tegut

„Das machen wir aus Überzeugung”, sagt Marketing-Chef Matthias Klumpp. Er wünscht sich vom Hause Seehofer eine einheitliche Kennzeichnung, wie bei Bio-Produkten: „Das wäre für den Verbraucher einfacher und würde damit die Verbreitung beschleunigen.”

Die mittelständische Supermarktkette tegut mit 300 Filialen in Hessen, Thüringen, Bayern und Niedersachsen ist zum Vorreiter der Bewegung geworden. Sie hat schon eine Reihe von Molkereiprodukten mit der Kennzeichnung „Ohne Gentechnik” in den Regalen stehen, während die Auslobung des Schweine-Frischfleischprogramms unmittelbar bevorsteht.

Nächster Schritt: Geflügel

Bei Geflügel wird dieser Schritt vorbereitet. Einer der größten Geflügelanbieter Deutschlands, Stolle (Visbek), der große Handelsketten beliefert, wird in zwei Wochen bei der Fleischmesse „Intermea” in Düsseldorf die „NON-GMO-Zertifizierung” (keine genetisch modifizierten Organismen) eines seiner Werke der Öffentlichkeit präsentieren. Damit ist die Firma nun in der Lage, ihre dort hergestellten Produkte mit der Ohne-Gentechnik-Kennzeichnung anzubieten.

Branchenführer Wiesenhof weist seit dem Jahr 2000 in seinem Internet-Portal auf gentechnikfreies Soja aus Brasilien samt eines eigenen Kontroll-, Transport- und Verarbeitungssystems hin, verwendet die Kennzeichnung aber nicht. Laut Wiesenhof-Geschäftsführer Peter Wesjohann liegt dies daran, dass die Auslegung der Begrifflichkeiten des deutschen Gesetzes noch nicht geklärt ist. Konkurrenten konnten solche Rechtsunsicherheiten offenbar schneller überwinden.

Die SPD-Bundestagsfraktion, der politische Pate der Kennzeichnung, will der Kennzeichnung zu zusätzlichem Auftrieb verhelfen. Am 19. September veranstaltet sie im Reichstag eine Fach-Konferenz für die Lebensmittelbranche über die ersten Erfahrungen aus der Praxis mit der Ohne-Gentechnik-Kennzeichnung.

Mathew D. Rose (ddp)