Wolf-Dieter Fiege erklärt die Bounce-Rate
Wolf-Dieter Fiege erklärt die Bounce-Rate
Natürlich will jeder, dass sein Shop erfolgreich ist. Umso neugieriger ist man daher auf alle Zahlen und Fakten, die den Erfolg zeigen: Das Lob für das sehr attraktive Design der neuen Webseite, der Blick auf das Page-Ranking, die Besucherzahlen, die Anzahl positiver Kundenbewertungen, die Facebook-Fans und  Twitter-Follower …, oder ganz einfach – den Shop-Umsatz. Ich nenne dies: die „positiven Zahlen“. Solange sich die Erfolgszahlen im erwarteten Rahmen bewegen oder vielleicht sogar besser werden, möchte man am liebsten gar nichts ändern.

Doch wenn man seinen Shop weiter optimieren will und gezielt Schwachstellen sucht, sollte man seinen Blick ganz bewusst auf eine „negative Zahl“ lenken: die Bounce Rate. Wolf-Dieter Fiege, Redakteur des Online-Teams von Hosteurope hat in einem Gastbeitrag für etailment genau hingeschaut.

Was ist die Bounce Rate?

Der Begriff Bounce Rate leitet sich vom englischen Ausdruck „to bounce“ ab, was soviel bedeutet wie: aufprallen oder abprallen. Mit der Bounce Rate (dt. Absprungrate) bezeichnet man den Anteil von Websitebesuchern, die eine Webseite direkt nach dem Seitenaufruf entweder sofort verlassen oder nur wenige Sekunden auf der Seite verbleiben. In beiden Fällen kann man davon ausgehen, dass die Besucher nicht bereit waren, sich mit dem Angebot der Seite näher auseinander zu setzen.  Je mehr Besucher eine Webseite verlassen  ohne eine weitere Seite zu öffnen, desto höher ist die Bounce Rate. Sicherlich sind einige Abbrecher  vielleicht nur aus Versehen auf der Seite gelandet – zum Beispiel aufgrund eines Vertippers – und haben ihren Irrtum dann schnell bemerkt. Doch was ist mit den anderen?

Selbst das beste Konzept einer Website oder eines Online-Shops enthält Schwachstellen, die grundsätzlich interessierte Besucher zum Ausstieg bewegen. Die Bounce Rate kann helfen, diese zu finden. Doch dafür muss man sie analysieren.

Die Bounce Rate als Indikator für die Qualität eines Online-Shops

Grundsätzlich kann man sagen:  je höher die Bounce Rate ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Besucher nicht das finden, was sie suchen. Eine niedrige Bounce Rate dagegen zeigt, dass die Besucher gut mit dem Shop-Angebot zurechtkommen und viel Zeit auf der Seite verbringen. Das klingt trivial, ist es aber nicht.

Zunächst einmal zur Messung: Es gibt eine ganze Reihe von Web-Analyse-Software, mit der man den Datenverkehr und Clickstream einer Webseite analysieren kann. Zum  Beispiel mit den kostenlosen Web-Analyse-Programmen Google Analytics oder Piwik. Bei der Auswertung kann man sich beispielweise anzeigen lassen, woher die Besucher kommen (über die generische  Suche einer Suchmaschine, über Werbebanner, über eine andere Seite etc.). Man erfährt,  wie lange die Besucher auf den einzelnen Seiten verweilen, wie und wohin sie sich bewegen bzw. abwandern und mit welchen Geräten sie im Internet unterwegs sind (nutzen Sie einen PC, ein Notebook oder ein mobiles Endgerät wie ein Smartphone oder Tablet).

Um wirklich aussagefähige Rückschlüsse ziehen zu können, sollten man sich nicht auf eine Messung beschränken, sondern die Seiten seines Shops regelmäßig überprüfen.

Anhand dieser Ergebnisse sollte man dann für seinen Shop festlegen, welche Absprungrate akzeptabel ist. Ein realistisches Ziel ist eine Bounce Rate von 50% - 60%. Diesen Wert kann man dann Schritt für Schritt verbessern. Natürlich wird man feststellen, dass die Bounce Rate nicht auf allen Seiten gleich ist. Signifikat höhere Absprungraten sind daher ein guter Indikator dafür, dass auf diesen Seite „Stolpersteine“ verborgen liegen könnten.

Die „Problemzonen“ eines Online-Shops

Hier ein paar Beispiele dafür, welche Dinge eine höhere Absprungrate verursachen können:

1. Zu lange Ladezeiten

Ladezeiten von mehr als 3 Sekunden sind der Killer Nummer eins für jeden Online-Shop.  Je länger eine Seite lädt, desto eher wird der Interessent aufgeben und zum Beispiel zu einem anderen Anbieter wechseln.  Manche Indizien sprechen dafür, dass lange Ladezeiten einer Seite auch das Google-Ranking negativ beeinflussen können. Ein Grund mehr für sorgfältige Programmierarbeit.  

2. Pop-ups

Pop-ups gehören auch zu den großen Ärgernissen im Internet und sind eine der häufigsten Ursachen für hohe Bounce Raten. Wer ärgert sich nicht, wenn das Interesse durch ein plötzlich aufpoppendes Werbebanner gestört wird. Sicherlich gibt es auch sinnvolle Verwendungen von Pop-ups. Zum Beispiel, wenn man bestimmte Angebote oder Service-Leistungen  besonders herausstellen möchte. Deshalb sollte man Pop-ups nur vereinzelt und wohlüberlegt einsetzen – wenn überhaupt.

3. Produkte und Inhalte, für die sich keiner Interessiert

Welche Artikel und wie viele davon man verkauft hat, weiß praktisch jeder Shop-Betreiber genau. Interessanter ist aber die Frage, warum sich bestimmt Produkte nicht verkaufen. Liegt es am Preis? Sind sie für Kunden einfach uninteressant oder werden sie vielleicht gar nicht gefunden?  Eine Analyse der Bounce Rate gibt auch hier Aufschluss. So kann man sehr genau feststellen, was die Besucher anklicken, wo sie  aussteigen und wohin sie abwandern. Echte Ladenhüter sind schnell identifiziert und können aus dem Angebot entfernt werden.

4. Ein ausgefallenes Design und ungewohnte Benutzerführung

Ein Shop soll auffallen - auch durch sein Design. Dennoch sind die allermeisten Internet-Nutzer Gewohnheitstiere. Eine ungewohnte Benutzerführung kann schnell dazu führen, dass sich der Besucher nicht zurechtfindet und die Seite schnell wieder verlässt, wenn man bestimmte Usability-Standards nicht berücksichtigt.  So erwartete man zum Beispiel die Hauptnavigation im Kopfbereich eines Shops, eine Suchfunktion sucht man intuitiv im rechten oberen Bereich der Seite. Außerdem sollte man möglichst klar erkennbare Call-to-Action-Elemente einsetzen, die den Kunden führen.  Genauso wichtig ist es, dass der Kunde immer eine gute Orientierung behält, in welchem Bereich des Shops er sich gerade aufhält bzw. welche Punkte des Bestellprozesses er schon durchlaufen hat und welche noch auf ihn zukommen.

5. Der falsche Einsatz von Multimedia-Elementen

Der Einsatz von Bewegtbildern auf Webseiten ist seit Längerem ein Trendthema. Animationen und Erklärvideos sind ein hervorragendes Medium, um  Botschaften zu vermitteln und Kunden direkt anzusprechen. Doch ein großer Fehler kann es sein, wenn man seine Besucher direkt mit einem Video empfängt, das automatisch startet. Die meisten User möchten diese Entscheidung selbst treffen. Und würde beim Start der Animation sofort das Weite suchen. Außerdem sollte man immer im Auge behalten, wie oft und ob ein Video bzw. eine Animation genutzt wird.  Besteht kein Interesse daran, dann weg damit!

6. Keine Anpassung an die Darstellungsmöglichkeiten mobiler Endgeräte

Mobile Endgeräte verändern die Anforderungen an  das Shop-Design radikal. Schon heute erfolgt fast jeder zweite Zugriff auf einen Online-Shop über Smartphones oder Tablets. Mit einem Analyse-Tool wie Google Analytics kann man leicht feststellen, wie viele mobile Nutzer die eigene Seite benutzen.

Nichts ist daher schlimmer, als ein statisches Design, das sich nicht den Darstellungsmöglichkeiten mobiler Endgeräte anpassen kann. Mobile Nutzer, die mit der Wegsite-Darstellung auf Ihren Geräten nicht zurechtkommen, sind sofort weg und erhöhen dadurch drastisch die Bounce Rate.

Shop-Optimierung durch A-B Testing

Sind die Problemzonen erkannt, können viele davon meist schnell optimiert werden. Oftmals reicht es schon, lästige Pop-ups zu entfernen oder die Gestaltung und Platzierung von Call-to-Action-Elementen zu optimieren, um die Bounce Rate der Seite merklich zu verbessern. Noch präziser sind A-B Tests. Dabei unterwirft man zwei Varianten einer Seite einem direkten Vergleich, zum Beispiel die aktuelle Seite mit ihren Mängeln sowie ein optimierte Version dieser Seite.  Je mehr man über die Auswirkungen von Inhalts- oder Layout-Änderungen auf die Bounce Rate weiß, desto mehr kann man über seine Shop-Kunden lernen und sein Angebot darauf abstimmen.

Fazit

Es lohnt sich, mehr Zeit in eine intensivere Web-Analyse seines Shops zu investieren und dabei speziell  auch  die Bounce Rate einzubeziehen. Denn es ist in der Regel wesentlich einfacher und meistens auch günstiger, alles dafür zu tun, um Interessenten auf der Seite zu halten, als neue Interessenten zu gewinnen.