Der Darmstädter Karstadt-Chef und Einzelhandelssprecher Karl-Heinz Göttert über die Konkurrenz des Shoppingcenters Loop 5, hohe Parkhausgebühren und Versäumnisse der Lokalpolitik.

Darmstädter Karstadt-Chef Göttert
Darmstädter Karstadt-Chef Göttert
Herr Göttert, schlafen Sie derzeit gut?

Ich schlafe hervorragend. Warum fragen Sie?

Weil in einer Woche für den Darmstädter Einzelhandel schwierige Zeiten anbrechen. Vor den Toren der Stadt macht das Einkaufszentrum Loop 5 auf - mit 56.000 Quadratmetern Verkaufsfläche.
Wenn es danach gehen würde, müsste ich ja seit 2005 schlecht schlafen. Damals wurde nach zehn Jahren Planung, Genehmigungsphasen und Gerichtsverhandlungen die unsägliche Entscheidung getroffen, dieses Center zu bauen.

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Haben Sie den Darmstädter Einzelhandel auf diesen Konkurrenten in Weiterstadt gut vorbereitet? Schließlich gibt es einige Probleme in der City: Der beliebte Mittagstisch im Mehrzweckgebäude "Centralstation" wurde abgeschafft, die nahe Markthalle steht zu einem Gutteil leer und der einzige Kinderspielplatz der Innenstadt wird bald verschwinden. Zudem sterben seit Jahren die Fachgeschäfte aus.
Die Schließung der "Centralstation" zur Mittagszeit ist ein Beschluss der Lokalpolitik, den ich bedauere. Allerdings bietet die Innenstadt im Sommer 3.000 Außengastronomieplätze für erschwingliches Mittagessen. Das von Ihnen vorgehaltene Fachgeschäftesterben stimmt längst nicht mehr. Im Darmstädter Einzelhandel gibt es einen Leerstand von rund zwei Prozent. Nennen Sie mir eine vergleichbare Stadt. Unsere Geschäfte werden das Thema Kinderbetreuung stark forcieren, beispielsweise mit kindergerechten Möbeln und Speisen, Wickelräumen, Stillplätzen, Spielecken und vieles mehr.

Und der Leerstand in der Markthalle mit mehreren tausend Quadratmeter Fläche? Schließlich waren die Geschäfte dort früher Magneten für die Innenstadt.
Das ist freilich ein Ärgernis. Aber das Gebäude gehört einem privaten Investor (Anm. d. Red: Jones Lang LaSalle GmbH), dessen Ziele ich nicht nachvollziehen kann. Es mutet an, dass der Besitzer versucht, auch die letzten Mieter hinauszudrängen. Das ist eine Schande, weil ich glaube, dass das ursprüngliche Konzept Frischware plus Gastronomie hervorragend für die Innenstadtbelebung ist.

Die Darmstädter beklagen seit Jahren die hohen Parkgebühren in der Stadt. Loop 5 lockt mit kostenlosen Parkplätzen.
Die Parkgebühren sind ein leidiges Thema. Doch den holländischen Parkhausbetreiber Q-Park interessiert Darmstadt herzlich wenig. Q-Park hat hier das Monopol - das ist ein Versäumnis früherer Darmstädter Politik.

Aber die Läden könnten doch den Kunden Vergütungen auf die Parkgebühren gewähren.
Bei großen Geschäften wie Karstadt geht das nicht. Wenn ich jedem meiner Kunden, der für zwanzig Euro einkauft, fünfzig Cent Nachlass fürs Parkhaus gebe, kostet mich das im Jahr 800.000 Euro.

Irgendetwas müssen Sie aber den Kunden als Gegenwert anbieten.
Ja, das versuchen wir über hervorragende Bedienung, gute Ware, vernünftige Preise - auch die Wohlfühlatmosphäre in der Stadt kann noch verbessert werden.

Am Ende meckern die Leute trotzdem über sieben Euro für drei Stunden Parken...
...dafür verschwenden sie bei uns kein Benzin, weil sie nicht eine halbe Stunde im Stau stehen, bevor sie einkaufen können. Jeder weiß doch, dass die engen Zufahrtswege zum Loop 5 ein großes Problem sind. Darmstadt hat eine kompakte Fußgängerzone, die Parkhäuser sind unmittelbar darunter. Da muss ein Loop 5-Kunde weiter laufen, um zu manchem Geschäft zu kommen.

Trotzdem mutet das Areal rund um Loop 5 wie eine Firewall für den Darmstädter Einzelhandel an. Es gibt hier ja auch Media Markt, Segmüller, Kölle Zoo, Tegut und vieles mehr. Kunden, die sich der Stadt von Westen nähern, haben doch gar keinen Grund mehr, die restlichen fünf Kilometer bis in die City zu fahren.
Wenn Sie so wollen brauchen Sie doch im Rhein-Main-Gebiet in keine Innenstadt mehr zu fahren. Doch was ist das Besondere an Loop 5? Bis auf Peek&Cloppenburg finden sich dort keine anderen Geschäfte als in Darmstadt. Der Schwerpunkt liegt auf Textil. Wer Möbel will, muss auf die andere Seite der Autobahn zu Segmüller. Und es gibt auch Leute, die wollen während des Einkaufs an der frischen Luft einen Kaffee trinken oder von Straße zu Straße gehen. Wir müssen mit den Vorzügen der Stadt werben.

Das wird schwierig, da jetzt der nasskalte Herbst beginnt.
Ich weiß. Der Eröffnungstermin von Loop 5 ist schon klug gewählt.

Haben Sie deswegen angekündigt, dass der Darmstädter Einzelhandel in den ersten Monaten nach Eröffnung des Centers mit bis zu 15 Prozent Umsatzeinbußen rechnen muss?
Zweistellig wird der Umsatzrückgang sicherlich ausfallen. Zu dieser Prognose stehe ich weiterhin. Aber das gilt wirklich nur für die ersten Monate. Danach werden sich unsere Geschäfte konsolidieren.

Was unternimmt der Einzelhandel dafür?
Beispielsweise werden unsere verkaufsoffenen Sonntage hervorragend angenommen. Es gibt im November und Dezember partiell längere Ladenöffnungszeiten, zudem werden wir uns in diesem Jahr zur Vorweihnachtszeit in der Innenstadt deutlich besser darstellen. Wir müssen Events anbieten, aber nicht inflationär. Sechsmal Mitternachts-Shopping im Jahr kann ich mir beispielsweise nicht vorstellen.

Viele Darmstädter bemängeln das schlechte Einkaufsangebot der Stadt.
Bei uns gibt es alles. Wenn Sie allerdings Designerware haben wollen, dann müssen Sie in der Tat nach Düsseldorf oder München fahren.

Wer in Darmstadt höherwertige Schuhe kaufen will, sieht das anders.
Da bin ich bedingt bei Ihnen.

Die Darmstädter CDU (Anm. d. Red: im Stadtparlament in der Opposition) vermisst eine Stadtmarketingstrategie. Rufe nach "Guerillamarketing" mit Plakaten an der Autobahn wurden laut.
Das haben wir doch alles diskutiert. Ein paar Ideen werden wir auch umsetzen.

Betreffen Ihre Ideen auch das leidige Thema Wochenmarkt?
Dieser Markt ist eines Oberzentrums nicht würdig. Ein gutes Angebot wäre doch ein Segen für die Stadt - und ein zentraler Punkt für innerstädtisches Marketing. Sie glauben aber nicht, wer hier alles mitreden muss. Deswegen wird es einen Neustart erst im März 2010 geben.


Zur Person: Karl-Heinz Göttert ist seit fünfeinhalb Jahren Geschäftsführer der Darmstädter Filiale von Karstadt. 2006 wurde er zum Vorsitzenden des neu gegründeten Vereins Darmstädter CityMarketing bestimmt. Seitdem ist er die Stimme des Einzelhandels der Stadt. Sein Haus hat er bereits auf die Konkurrenz Loop 5 vorbereitet: Karstadt Darmstadt wurde in diesem Jahr für 3,5 Millionen Euro renoviert.

Interview: Steffen Gerth