Findet man in klassischen Shop-Segmenten derzeit vor allem spannende Optimierungen und Mikrotrends, kommen die visionären Ideen für den Commerce dieses Jahr eher aus anderen Technologiebereichen: Augmented Reality, IoT, Machine Learning Verfahren und neue, modulare E-Commerce-Technologien, die weniger System als vielmehr Framework sind, werden uns in den nächsten Jahren ganz neue Handelswelten bescheren. Eine Auswahl der interessantesten Neuerungen und Best Practises hat Gründer und Geschäftsführer von netz98, Tim Hahn, für etailment-Leser zusammengestellt.
Tim Hahn, Netz98
Tim Hahn, Netz98

 

Omnichannel

Die Verknüpfung aller Kanäle bis hin an den Punkt, an dem sie nicht mehr unterscheidbar sind, wird bei immer mehr Kunden zum festen Bestandteil ihres Shopping-Verständnisses. Wie reagieren aber Handel und Technologieanbieter auf diese Entwicklung?

 

1.     Bücher über alle Kanäle

Die App der Mayersche Buchhandlung verfügt über eine Scanfunktion: Erfassen Kunden ein Buchcover mit ihrer Kamera, wird der Titel erkannt und im Onlineshop angezeigt
Die App der Mayersche Buchhandlung verfügt über eine Scanfunktion: Erfassen Kunden ein Buchcover mit ihrer Kamera, wird der Titel erkannt und im Onlineshop angezeigt
Die Digitalisierung hat den Buchmarkt verändert. Darauf mussten die stationären Buchhändler reagieren. In der Mayerschen Buchhandlung wurden daher neue Werte geschaffen: 1A geschulte Mitarbeiter, Autoren-Lesungen, W-Lan, Schaffung eines Wohlfühl-Ambiente. Aber auch die Online-Plattform, die über Schnittstellen an die Filialen angebunden ist, bietet mit einer Online-Community und Videos einen Mehrwert. Außerdem werden ein E-Book-Reader, ein Click & Collect Service und eine App angeboten. So schafft die Mayersche ein Bucherlebnis auf allen Kanälen.

2.     Individualisierte Zustellung

Immer dann, wenn der Kunde die Ware nicht selbst mitnehmen kann, bietet Xpreso die Lösung für eine stressfreie Zustellung. Das Unternehmen stellt eine Plattform zur Verfügung, die alle Akteure bei der Lieferung in einem transparenten Prozess miteinander verbindet: Händler, Spediteure, Zusteller und Kunden. Das System trackt die Sendung, lotst den Zusteller zum Kunden und visualisiert dessen Position in einer Kunden-App. Über die kann der Kunde mit dem Zusteller direkt in Kontakt treten und ihn zu einem neuen Ziel in der Nähe umleiten, etwa zur Arbeitsstätte, dem Bäcker um die Ecke oder einem Nachbar.

3.     Augmented Reality

Wir kennen Microsofts HoloLens, aber das ist nicht das einzige vielversprechende Augmented-Reality-Projekt. Magic Leap ist ein von Google mitfinanziertes AR-Startup, das ebenfalls ein Wearable entwickelt. Magic Leap projiziert Inhalte in den freien Raum vor dem Nutzer: hochauflösend, dreidimensional, frei beweglich, kontextsensitiv und interaktiv steuerbar. Das Anwendungsspektrum ist unbegrenzt und verknüpft Offline und Online nahtlos miteinander. So lassen sich virtuelle Möbel in den eigenen vier Wänden erleben, ein mögliches Ersatzteil mit dem defekten Teil optisch abgleichen oder im Store die Basiskonfiguration eines Autos beliebig erweitern.

Online Marketing

Was gibt es Neues, um Kunden Produkte und Leistungen schmackhaft zu machen? Die Themen Personalisierung und Visualisierung sind es nicht. Wie sie umgesetzt werden allerdings schon. Intelligente Algorithmen, neue Darstellungsweisen und unkomplizierte Technik setzen Produkte gekonnt in Szene und zeigen Kunden nur das, was sie wirklich interessiert.

4.     Bessere Personalisierung

Kunden auf den Shop zu bekommen, ist nur der erste Schritt. Man muss sie auch dort halten. Eine Möglichkeit sind personalisierte Produktempfehlungen. Doch was interessiert den Kunden wirklich? Die Open Source Lösung PredictionIO macht eine Auswahl von Machine Learning Algorithmen für den E-Commerce verfügbar, die die vorhandenen Daten zur Kundeninteraktion auswerten, sich dabei immer weiter verbessert, und auf dieser Basis die passenden Produktempfehlungen bereitstellen.

5.     360 Grad – heißer Trend

Seit dem Frühjahr bietet YouTube seinen Nutzern die Möglichkeit, sich innerhalb von 360- Grad-Videos umzusehen. Am Desktop mit der Maus oder mobil durch das Drehen des Smartphones. Jetzt kommen die ersten Videos von Unternehmen, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf Abenteuer und Reisen liegt. Wir glauben, dass es auch für viele weitere Branchen – und erst recht im E-Commerce – ein spannendes Thema wird.

6.     Von allen Seiten

Neben 360 Grad Videos sind auch 3D-Bilder ein spannender Visualisierungstrend. Mehr als eine App und ein Smartphone braucht es dazu nicht. Die Fyu.se App errechnet aus einer Vielzahl von Bildern die bewegliche 3D-Ansicht eines Objekts. Wie bei den 360-Grad-Videos, wird die Ansicht dann auf dem Desktop mit einem Mouse-over oder mobil durch die Bewegung des Smartphones verändert. Gerade für den E-Commerce ist das eine interessante technische Entwicklung, um Produkte noch mal näher an den Kunden heranzubringen.

B2B-Commerce

Lange Zeit stiefmütterlich aus B2C-Perspektive behandelt, zeigt das Boom-Segment im E-Commerce nun, was es drauf hat. Unter der Haube funktionale, hochentwickelte Geschäftsprozesse. Nach außen immer öfter Best Practices aus dem Consumerhandel. Optik und Nutzerfreundlichkeit sind eben auch vertriebsunterstützend.

7.     Kundenzentrierung

Bei Horsch wird schon länger innovativstes Marketing betrieben. Neben dem neuen Slogan „In jeder Maschine können Sie meinen Herzschlag hören“, der die Menschlichkeit und den Familienbetrieb zum Ausdruck bringt, wurde der sogenannte InnoFalcon entwickelt. Diese Kreation verwandelt sich von einem Vogel in eine Agrarmaschine – ganz nach dem Vorbild der Filmreihe „Transformers“. Ein Blick auf die Webseite oder in den YouTube Channel lohnt sich.


8.     Emotionaler Content / Content Marketing

Im B2B wollen Kunden nutzwertige Informationen. Aber emotionale Inhalte werden etwas tiefer verankert und stärken die Marke. Daher kombiniert RAUSCH Packaging in seinem Online-Shop beides. Viele Informationen aber auch große Bilder und ansprechende Übersichten. In der Vorweihnachtszeit hat Rausch einen Beitrag zu „kulturellen Keksgeschichten“ geschrieben, in dem es um die Herkunft und die Bedeutung der Vanillekipferl, Zimtsterne, Lebkuchen und Co. ging. Außerdem gibt es Tipps für die optimale Lagerung des Gebäcks sowie ein Rezept. Und zuletzt natürlich auch noch passende Verpackungen für die Leckereien – denn verkaufen soll die Seite schlussendlich natürlich auch.

9.     Social Media im B2B

Auch im B2B sollte man Social Media Kanäle nicht zu kurz kommen lassen. Als Aufhänger braucht es nicht unbedingt ein simples Produkt, es kann auch eine komplexe Baumaschine sein. Die allerdings einen Charakter, einen Lebenslauf, einen Namen und auf LinkedIn ein eigenes Profil erhalten muss. Liebherr hat das mit seinem Prestige Bohrer LB44 „MrTorque“ probiert. Auf Facebook wurde zusätzlich ein Gewinnspiel erstellt. Es genügten ein paar wenige verkaufte Produkte, um die Kampagne erfolgreich abzuschließen.

Bohrer mit LinkedIn-Profil: „MrTorque“
Bohrer mit LinkedIn-Profil: „MrTorque“

Weitere Innovationen, Trendthemen und Best Practices aus dem Onlinehandel und darüber hinaus gibt es in den „Zukunftsthemen im E-Commerce 2016“ von netz98.