Die Restrukturierung von Thalia ist abgeschlossen. Michael Busch, der Chef des Buchhandelsfilialisten, sieht sich im Interview mit Der Handel nun gut für die Zukunft gewappnet.

Herr Busch, Thalia hat stürmische Zeiten hinter sich. Wie geht es Ihnen jetzt?
Sehr gut. Wir sind mit der Restrukturierung durch und es hat sich bestätigt, dass eine solche Neuordnung auch eine Chance ist. Vor allem dann, wenn sie frühzeitig erfolgt.

Inwiefern?

Wir haben zu einem Zeitpunkt mit der Restrukturierung angefangen, als andere Unternehmen gedacht hätten, noch Zeit zu haben. Dadurch hatten wir genügend Spielraum und sind gut aufgestellt.

Was bedeutet das konkret?
Das Filialnetz, das wir jetzt haben, wird sich nicht mehr groß ändern. Zwar haben wir vereinzelt Buchhandlungen, deren Mietverträge nicht verlängert werden und für die wir anders als in Bremen Vegesack, wo wir aus dem Center in die Innenstadt gezogen sind, nicht unbedingt eine Ausweichfläche bekommen. Aber das ist das ganz normale Geschäft eines Filialisten.

Was hat Thalia richtig gemacht in der Restrukturierung?
Wir haben in dieser Phase direkt wieder investiert, in das digitale Geschäft und den Crosschannel-Handel. Hätten wir ein, zwei Jahre später damit angefangen, wären wir in die Tretmühle geraten. Nun bescheinigt uns die GfK Marktanteilgewinne.

In welchen Kanälen?
Über alle Kanäle hinweg. Besonders freut mich, dass sich das Digitalgeschäft für uns als zweite Chance erwiesen hat. Wir wollten, dass dieser Marktanteil höher ist als im stationären Bereich und online, und das haben wir geschafft. Er liegt jetzt bei rund 20 Prozent.

Wieso ist Ihnen das digitale Geschäft mit E-Books so wichtig? Der Gesamtmarkt lag 2014 gerade mal bei 25 Millionen Euro.
Das digitale Geschäft ist für unsere Crosschannel-Strategie unerlässlich. Denn die stationären Kunden kauften früher Bücher online, aber nicht bei uns. Jetzt kaufen sie, wenn sie den E-Book-Reader Tolino haben, auch digital bei uns ein. Und wenn sie schon mal online sind, auch immer öfter in unserem Webshop.

Also war der Tolino der Thalia-Retter?
In gewisser Weise schon, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Zum einen sind wir in der Tolino-Allianz inzwischen auf Augenhöhe mit dem US-Amerikanischem Wettbewerb, wir deutschen Buchhändler haben den E-Book-Markt nicht kampflos überlassen. Zum anderen ist der Tolino eine Erfolgsgeschichte im Unternehmen, denn jeder Mitarbeiter, ob im Verkauf oder im Hintergrund, hat damit zu tun und kann sagen: ‚ohne mich wäre es nicht gegangen‘. Das trifft übrigens auch auf die Restrukturierungsphase zu, denn die wurde von vielen Füßen getragen und hat unser Wir-Gefühl noch verstärkt.

Der Buchhandel war ja das erste Opfer der neuen Internetwelt. Wie ist Ihr Verhältnis zum Branchenschreck Amazon inzwischen?
Es gab viele positive Effekte, denn wir mussten uns und unser Geschäftsmodell hinterfragen. Die Reaktionsgeschwindigkeit wurde beschleunigt. Ohne den massiven Wettbewerb wären wir in der digitalen Entwicklung nicht so weit. Jetzt gilt es weiterhin aufzuzeigen, dass unser Modell anders ist. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.

Was ist denn anders?
Wir haben den Vorteil der vielen Kanäle. Der Kunde pickt sich heraus, welcher ihm passt, und wir können ihm überall den persönlichen Kontakt und die Beratungskompetenz bieten. Wir wollen das Einkaufserlebnis aus der Buchhandlung mit der persönlichen Beratung so weit wie möglich auch ins Netz bringen.

Wie kann man sich das vorstellen?
Die häufigste Frage in der Buchhandlung ist beispielsweise, dass man ein gutes Buch gelesen hat und nun ein ähnliches Buch lesen will. Eine solche Empfehlung ist bei Algorithmen im Internet schwierig, weil es einem nicht weiterhilft, dass ein anderer Kunde damals noch Buch XY gekauft hat. In unserer App gibt es mit Thalia next daher eine neue Empfehlungsfunktion. Verknüpfen mindestens fünf Buchhändler die zwei Bücher auf Grund ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit, wird die Verküpfung dem Leser angezeigt. Das ist eine relevante Empfehlung. Und dank der App kann der Kunde auch gleich schauen, ob das empfohlene Buch in der nächstgelegenen Filiale vorhanden ist und es sich zurücklegen lassen.

Thalia
Michael Busch ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Thalia Holding. Mit knapp 300 Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Thalia im deutschsprachigen Raum Marktführer im Sortimentsbuchhandel. Im Rahmen der Anfang 2012 begonnenen Restrukturierung gab Thalia rund 20 Standorte auf. Für das abgelaufene Geschäftsjahr gibt Thalia an, über alle Kanäle den vergleichbaren Umsatz um 2 Prozent gesteigert zu haben. Aber: konkrete Zahlen legt das Hagener Unternehmen nicht auf den Tisch. Der Nettoumsatz betrug im Jahr 2014 laut dem Portal Statista rund 915 Millionen Euro. Seit Juli 2013 befindet sich die Thalia-Mutter Douglas Holding im Besitz des US-amerikanischen Finanzinvestors Advent International. Es wird spekuliert, dass dieser Thalia wie zuvor andere Konzerntöchter verkaufen will.

Sybille Wilhelm

Der Artikel ist in der aktuellen Ausgabe von Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier. Lesen Sie Der Handel auch auf dem iPad.