Für die Gewerkschaft Ver.di ist 2013 kein gutes Jahr: Erst kündigen die Arbeitgeber im Einzelhandel zum Jahresbeginn den Manteltarifvertrag und man verzettelt sich seitdem in bisher ergebnislosen regionalen Verhandlungsrunden. Und dann kommt man im richtungsweisenden (und auch prestigeträchtigen) Grundsatzstreit mit Amazon nicht ein Stück weiter: Sind die Versandzentren des Branchenprimus "nur"


Logistikzentren, oder aber eigenständigen Versandhändlern gleichzusetzen?
Verdi pocht auf „Einzelhandel“ und will zudem in einem weiteren Schritt einen Flächentarif für die über 9000 deutschen „Amazonier“ aushandeln.

Jetzt droht man mit „Streik zum Fest“ auf breiter Front. Nicht nur bei Amazon. Sondern auch im NRW-Einzelhandel. Man möchte es „so richtig krachen lassen“. Ärger für den Handelsverband Deutschland. Offenkundig. Stress für Amazon? Der Onliner gibt sich gelassen. Kann er auch.

Warum Ver.di am Ende nur verlieren kann. Und Amazon gewinnt.

In seiner Not droht Ver.di nun dem Online-Retailer als auch den Einzelhandels-Arbeitgebern im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW mit Streik im Weihnachtsgeschäft. Das übliche Säbelrasseln und die gewohnt rumpelige Kriegsmetaphorik als Vorspiel zur nächsten NRW-Verhandlungsrunde am 27.11.? Oder ernstzunehmende Drohungen?

Beim HDE zeigt man sich empört: "Den Weihnachtsmann bestreikt man nicht!", tönt ein Sprecher. Amazon hingegen gibt sich gelassen. Und ungewohnt auskunftsfreudig: Zum einen habe man ausreichend Reserven (bundesweit 15000 Saisonkräfte) und im Notfall könne man deutsche Kunden auch über sein europäisches Logistiknetzwerk zufriedenstellen.
 
Schlüsselfrage: Reicht Amazons europäisches Logistiknetzwerk für das deutsche Weihnachtsgeschäft?

Letzteres Statement mag sich zunächst wie Angeberei lesen, lässt jedoch aufhorchen: Erstmals vermag ein Händler einer Gewerkschaft mit dem Verweis zu trotzen, einen Markt bedienen zu können, ohne dabei zwingend auf dessen heimische Arbeitskräfte angewiesen zu sein? Ein Novum.

Und ein etwaiger Wettbewerbsvorteil gegenüber dem hiesigen Einzelhandel, den man vor dem Hintergrund bereits vorhandener Logistikinfrastruktur im europäischen Ausland insbesondere aber mit Blick auf weitere Expansionspläne Amazons (Tschechien, Polen) nicht kleinreden sollte. 

Ist ein nationaler Streik noch ausreichendes Druckmittel im internationalen Online-Versandhandel?

Aber reichen diese Kapazitäten tatsächlich aus? Aus Sicht der Transport-Logistik gilt das sicherlich. Lieferzeiten von 48 Stunden und weniger in Richtung der deutschen Kundschaft stellen kein Problem dar. Über die europäischen „Hub and Spoke“ – Netzwerke der großen KEP-Dienstleister lassen sich Kapazitätsengpässe in Deutschland bis zu einem gewissen Umfang sicherlich meistern.

Der Westen der Republik ließe sich von Frankreich und England aus „bespielen“. Und der Osten –zukünftig– von grenznahen Logistikzentren in Polen und in Tschechien. Und warum sollte Amazon die Kapazitäten in den östlichen Nachbarländern nicht gleich derart ausrichten, dass man zukünftig der Gewerkschaft Ver.di ein Schnippchen schlagen kann? So dass „Streik zu Weinachten“ gar kein Druckmittel mehr darstellt?

Etwaige höhere Logistikkosten beim Branchenprimus ließen sich schließlich durch Kostenvorteile bei polnischen und tschechischen Saisonarbeitern leicht wieder reinholen. Ist ein nationaler Streik noch ausreichendes Druckmittel im globalen Online-Versandhandel?

Ver.di-Dilemma I: Amazon zeigt die kalte Schulter.

So steckt die Ver.di letztlich auf jeden Fall in einer Zwickmühle: Setzt sich die Gewerkschaft gegen Amazon in der Frage „Logistiker oder Einzelhändler“ durch, stockt Amazon seine Kapazitäten im Ausland auf und versorgt den deutschen Markt anteilsmäßig darüber. Ganz gleich, ob in der Folge noch zusätzlich ein Flächentarifvertrag zustande kommt oder nicht.

Die östlichen Bundesländer und Bayern zum Beispiel in Gänze von Versandzentren in Polen und Tschechien zu versorgen, wäre aus Sicht der Logistik mittelfristig trivial. Leidtragende wären dann die Amazon-Angestellten in Deutschland, was wiederum negativ auf Verdi zurückfallen würde.

Verliert Verdi diesen Grundsatzstreit mit Amazon jedoch, verliert die Organisation in diesem selbst initiierten deutsch-amerikanischen Kulturkampf weiter an Bedeutung und Einfluss. Zu lange beißt man sich daran schon die Zähne aus, als das ein Scheitern folgenlos bleiben würde.

Der erste Streik bei Amazon. Lässt den Konzern kalt: Lauwarme Solidaritätsbekundungen des Ver.di-Chefs, Trillerpfeifen, Warnwesten und Arbeitskampf-Folklore mit Gitarre. Wie aus einer anderen Zeit. Und anstatt die soziale Frage in Online-Handel und Versandlogistik einmal im Allgemeinen in den Vordergrund zu rücken, arbeitet man sich lediglich trotzig am Vergleich mit den Konditionen im Einzelhandel ab. Ein Fehler. Dass Lohnunterschiede auch innerhalb einzelner Branchen einfach manchmal "unfair" sind, weiß jeder. Schulterzucken. Kein Wunder also, dass die große gesellschaftliche Resonanz und Empörung ausbleibt und Amazon letztlich nicht mit Umsatzeinbußen rechen muss.

Ver.di-Dilemma II: Streikdrohung für den NRW-Einzelhandel. Ein Bärendienst von dem letztlich auch wieder nur Amazon profitiert.

Zweite Baustelle: Der NRW-Einzelhandel. Dem erweist Ver.di bei dessen eigenem Kampf gegen Amazon durch seine aktuelle „Zwei-Fronten-Streikstrategie“ auch noch einen Bärendienst: Bestreikt man Einzelhändler in NRW vor Weihnachten, so haben diese in der Regel meist wohl keine großen Reserven. Und auch keine Versandzentren im Ausland, die bei Bedarf „einspringen“ können.

Ergo profitiert am Ende dieser Drohkulisse wer? Amazon. Denn der Pure Player zieht ja wie beschrieben einsam seine Kreise über dieser gewerkschaftlichen Drohkulisse. Und sollte nun im NRW-Einzelhandel irgendwo vorm Fest noch öffentlichkeitswirksam gestreikt werden, dann wird auf der Amazon-Startseite ganz sicher ein Hinweis zu finden sein: „Wir liefern zum Fest. Garantiert.“

Setzt sich Verdi aber auch im NRW-Tarifstreit nicht durch, fällt das nach diesen großen Tönen im Vorfeld („Wir lassen es krachen!“), auf Seiten der Mitglieder auch wieder negativ auf. Die Folge? Bedeutungsverlust. Siehe Ver.di-Dilemma I.

Selbst der Mediendruck im Rahmen dieser Auseinandersetzungen scheint letztlich nur Amazon in die Hände zu spielen.

Wenn ein Thema die Massen erreichen soll, dann kommt es gern über Titelseite der „Bild“ auf den Frühstückstisch. Oder aber auch via die „100 Sekunden“ des boulevardesken Pro7-Wissensmagazins „Galileo“ auf die heimische Couch.

So geschehen in der Folge vom 25.11. Amazon-Streik. Die Auswirkungen möglicher Streiks sind laut Sendung noch unklar. Die Galileo-„Empfehlung“? Man kann bei anderen Händlern bestellen, aber wenn man innerhalb der nächsten zwei Wochen bei Amazon ordert, kann man relativ sicher sein, dass man seine Weihnachtsgeschenke auch rechtzeitig vorm Fest bekommt.

You got the point? Die Tonalität des Beitrags bemüht sich zwar redlich um „Vernachrichtung“, erhöht Amazon im Subkontext der abschließenden Empfehlung aber geradezu zu einem „Infrastrukturanbieter für Weihnachtsgeschenke“, auf den „man“ natürlich nur ungern verzichten möchte. Tenor: „Unser aller“ Amazon wird bestreikt, was können „wir“ tun?

"Sich doch mal frühzeitiger mit dem Thema „Weihnachtsgeschenke“ zu befassen und zeitig seine Amazon-Orders zu platzieren. Damit man später nicht diesen Stress mit dem Streik um die Ohren hat."

Toller Rat. Und auch – wer hätte das jetzt gedacht – operativ toll für Amazon: Je frühzeitiger das Gros der Bestellungen eingeht, desto geringer ist die Gefahr in der heißen Phase kurz vor den Feiertagen unter Last an sein Kapazitätslimit zu geraten. Da droht keine Gefahr, sondern das Gegenteil. Amazon wird noch entlastet.


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Fazit: Egal, was Ver.di letztlich erreicht, oder auch nicht, die Gewerkschaft verliert und Amazon gewinnt.

Ver.di hat sich hier selbst in eine Situation manövriert, aus der sich kaum die Möglichkeit ergibt, noch einmal als strahlender Sieger in Erscheinung zu treten. Irgendwer wird immer verärgert sein: Mitglieder, die NRW-Einzelhändler, die Verbraucher oder die Amazonier selbst.

Die Ver.di-Misere ist dabei hausgemacht. Trotzige Kriegsmetaphorik und halbherzige Kulturkampf-Phrasen wider dem eigenen Bedeutungsverlust anstatt eines echten Big Pictures: Leitbilder und Perspektiven gegen einen von Jeff Bezos forcierten Neo-Taylorismus in Logistik, Transport und Versand?

Die in der Gesellschaft in irgendeiner Form eine Resonanz finden würden? Fehlanzeige.
Und ein schlechtes Timing: Anstatt den Buzz in Folge des Leiharbeiterskandals zu Jahresbeginn gezielt aufzugreifen, schiebt man das Thema bis zum Jahresende vor sich her. Um es "da mal richtig krachen zu lassen." Und die Erfolge, die man tatsächlich für sich verbuchen könnte (Weihnachtsgeld), vermarktet man nicht. Weil sie – als freiwillige Leistung des Versenders – nicht in die eigene Tarifdenke passen. 
Kein Wunder also, dass Amazon da gelassen bleibt. Und am Ende immer gewinnt.