Keine Anträge, keine Budget-Feilscherei, kein Weg durch die Genehmigungsinstanzen: Konzerne probieren sich in geschützten Bereichen als Start-ups. Wie hoch ist der Nutzen?

Ein Tisch-Kicker, ein 3D-Drucker. An der Wand lehnen Fahrräder, zwischen den unaufgeräumten Schreibtischen stehen Lounge-Sessel. Das Büro gehört zu keinem Start-up in Berlin oder Palo Alto, sondern befindet sich in einem Industriegebiet der schwäbischen Stadt Ludwigsburg. In einem grauen Bürokomplex hat der Technologiekonzern Bosch 2013 seine Start-up-Plattform angesiedelt.

In der eigens gegründeten GmbH sind bislang drei Start-ups entstanden. Eines stellt Agrarroboter her, die zum Beispiel Unkraut jäten und Saatgut auswählen, ein weiteres beschäftigt sich mit Lösungen für Lagerlogistik und ein drittes, das in Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien angesiedelt ist, mit Robotern für daheim.

Einzige Vorgabe: Etwas Neues muss entstehen

Vorgabe ist, dass nicht in Boschs angestammten Geschäftsfeldern gewildert wird, sondern Neues entsteht. Dafür haben die gut 70 Mitarbeiter mehr Freiheiten. "Wir können schneller und flexibler arbeiten als etablierte Bosch-Bereiche", sagt Peter Guse, Leiter der Bosch Start-up Plattform. Das bringt nicht nur der fehlende Tarifvertrag und die unaufgeräumten Schreibtische, die anderswo im Bosch-Konzern unerwünscht sind.

Viele Konzerne versuchen inzwischen nicht nur Start-ups in ihrem Umfeld mit Kapital zu fördern, sondern deren Arbeitsweise auch zu kopieren. Der Softwarekonzern SAP hat an verschiedenen Orten der Welt App-Häuser eingerichtet, in denen SAP mit Kunden Produkte nach neuen Ansätzen weiterentwickelt. Daimler betreibt unter dem Titel Business Innovations eine Art Think Tank, in dem Ideen außerhalb des klassischen Geschäftsmodells entwickelt werden.

"Die Konzerne haben festgestellt, dass sie mit den althergebrachten Methoden nicht mit den digitalen Unternehmen Schritt halten können", erklärt Philipp Leutiger von der Strategieberatung Roland Berger die Entwicklung.

Auch Siemens versucht Start-up-Kultur zu leben, in kleinen Zellen im Konzern. Im sogenannten Quickstarter werben Mitarbeiter für ihre Ideen von ihren Kollegen in gespielten Finanzierungsrunden Geld ein. Wer genug Unterstützung erhält, darf die Idee auch umsetzen.

Christoph Kiener hat auf diese Weise eine Idee umgesetzt, auf der er schon lange herumkaute. Der 42-Jährige arbeitet normalerweise in der zentralen Forschungsabteilung bei Siemens und wirbt in anderen Abteilungen für Geld, um Forschungsprojekte gegen zu finanzieren. "Ich hatte schon länger die Idee, dass wir mit 3D-Druck Kühlstrukturen in Teile einbauen könnten, um gut gekühlte Gehäuse zu bauen", sagt er. "In diese könnten wir kleine Kameras setzen, um die Flammen in den Feuerungsräumen von Gasturbinen zu beobachten."

Von 111 Ideen wurden 15 durchfinanziert

Insgesamt 111 Ideen wurden in der Pilotphase im April 2014 eingegeben - 15 schließlich durchfinanziert. Eine davon war Kieners Vorschlag. Der suchte sich 15 Kollegen, die er zu einer Abendveranstaltung einlud. "Mit Knetmasse haben wir das Projekt räumlich dargestellt - vorher hatte ich wichtige Elektronik-Bauteile dreidimensional durchleuchtet." Neben Kieners Kühlstrukturen kamen Netzwerk-Mittagessen und ein Verzeichnis aller 3D-Drucker bei Siemens dabei heraus.

Nächstes Jahr läuft der Quickstarter zum zweiten Mal an. Wäre er eine Alternative zum normalen Entwicklungsprozess im Konzern? "Für die Vorentwicklung ist das eine sehr gute Methode. Er eignet sich nicht, um eine neue große Gasturbine komplett zu entwickeln", sagt Kiener.

Größte Geldnot in der Anfangsphase

Konzerne, die Geld in ungewöhnliche Geschäftsideen stecken, obwohl Gründer in Europa ohnehin Probleme haben, Geld für den Anfang zu bekommen? Bosch finanziert seine Start-ups mit einstelligen Millionenbeträgen im Jahr. Die drei Start-ups machen erste externe Umsätze. "Das trägt aber bei weitem noch nicht", sagt Guse.

Genau in dieser Anfangsphase haben Start-ups in Europa im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants die größte Geldnot. Stephan Uhrenbacher, der selbst Start-ups wie Qype und 9Flats gegründet hat, glaubt allerdings nicht, dass die Firmen-Start-ups Kapital abziehen.
Die Konzerne hätten trotz der von einigen Unternehmen aufgelegten Wagniskapital-Fonds ohnehin bislang "keine gloriose Rolle" bei der Start-up-Finanzierung gespielt.

Roland-Berger-Berater Leutiger glaubt im Gegenteil, dass das stärkere Befassen mit der Digitalkultur den Start-ups hilft: "Es mag für einige Start-ups den Untergang bedeuten, wenn Konzerne ihre eigenen und keine fremden Ideen fördern. Aber das Umfeld wird gestärkt." Die Entwicklung zeige, dass Start-ups inzwischen als ernsthaft relevant erkannt würden. Allerdings müsse die Berliner Digitalwirtschaft sich dafür noch stärker an Hochtechnologie ausrichten.

Das wiederum hält Peter Guse von Bosch für schwierig ohne einen große Partner im Rücken: "Um von der Industrie wahrgenommen zu werden, braucht es Partner. Die wollen wiederum Technologie, die sich bewährt hat und zuverlässig funktioniert", sagt er. Wer mit Firmenkunden zu tun habe, müsse vor allem eines sein: verlässlich. Auch von einer neuen Lust am Scheitern will Guse nichts wissen: "Uns treibt die Lust an überraschenden Ergebnissen. Niemand will scheitern", sagt er, räumt aber ein: "Das ist aber natürlich eine Frage der Akzeptanz."