Die Autoshow in Detroit steht im Zeichen der Autokrise: Die Aussteller sparen massiv am Auftritt. Wenigstens der Bürgermeister kämpft für mehr Atmosphäre.

Wer den dramatischen Niedergang der US-Autoindustrie mit eigenen Augen sehen will, muss nach Detroit fahren. Die Stadt an der Grenze zu Kanada ist seit Amerikas automobilen Anfängen das Wahrzeichen der Branche.

Heute spiegelt ihr Verfall die schwere Not von General Motors (GM), Ford und Chrysler wider. Die "Big Three" haben ihren Konzernsitz in der Region. Und angesichts einer Talfahrt der gesamten Autobranche weltweit droht der am kommenden Sonntag startenden traditionellen Autoshow in Detroit eine Stimmung wie bei einer Totenmesse.

Mehr Licht

Sicherheitshalber hat Detroits Bürgermeister Kwarne M. Kilpatrick verfügt, die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen rund um die Messehalle bis zum Ende der Autoshow am 27. Januar hängen zu lassen. Wenigstens der Schein soll schön sein.

Doch wegen der Krise haben fast alle Aussteller für die Autoschau bescheiderene Auftritte geplant: kleinere Stände, weniger Shows und Prominente. GM lässt auf seinen Messeflächen laut Berichten statt teuren Parketts nur Teppich verlegen. BMW und andere verzichten auf noble Besucher-Lounges in der Top-Etage ihrer Messestände. Und Nissan kommt gar nicht mehr.

Schlechte Messe, schlechte Geschäfte

Parallel zum Dahinsiechen der Autobranche verödet auch Detroit. Der Stadt laufen die Einwohner fast so schnell davon wie derzeit die US-Autoabsatzzahlen sinken. Seit den Boomzeiten Anfang der 50er Jahre mit mehr als 1,8 Millionen Bürgern schrumpfte die "Motown" genannte Autostadt um rund die Hälfte.

Auch Detroits Heimatstaat Michigan leidet mit der Branche. Er ist neben Rhode Island der einzige US-Bundesstaat mit sinkenden Einwohnerzahlen. Mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent rangiert Detroit landesweit an der unteren Position der Statistik.

Prunkvolle Fassaden - desaströse Bilanzen

Vor rund 100 Jahren startete Henry Ford hier mit der Fließband-Produktion seines liebevoll "Tin Lizzy" (Blechliesl) genannten Model-T eine verheißungsvolle automobile Zukunft.

Heute sind viele von Detroits einstigen Fabrik-Ikonen rostige Ruinen - verfallen wie die Art-Deco-Wolkenkratzer, prunkvollen Kaufhäuser, Kinos und Opernhäuser aus besseren Zeiten. Riesige Brachflächen klaffen mitten in der Stadt als offene Wunden. Amerikas Nordosten zählt zu großen Teilen zum "Rust Belt", dem Rostgürtel einer dahinschwindenden Schwerindustrie.

Mittendrin residiert die Opel-Mutter GM in ihren prunkvollen Glasfassaden-Türmen des Detroit Renaissance-Center. Hier bilanziert Amerikas größter Autobauer seit Jahren Milliardenverluste. Auch die Nummer zwei Ford ist wirtschaftlich stark angeschlagen, laut Experten aber vom Abgrund etwas weiter entfernt als GM und Chrysler, an dem der deutsche Daimler-Konzern noch knapp 20 Prozent hält.

So schlecht wie seit 50 Jahren nicht mehr

Für die US-Autobauer ist die Krise allerdings schon Dauerzustand. In mehreren Wellen bauten sie über Jahre hinweg Hunderttausende Jobs ab. Heute arbeiten noch rund 240.000 Beschäftigte in etwa 100 Fabriken. Ein Ende der Werksschließungen ist nicht in Sicht.

Gerade meldete GM für 2008 die schlechtesten Verkaufszahlen seit 50 Jahren. Allein im Dezember brach der Absatz bei GM und Ford um mehr als 30 Prozent ein - bei Chrysler gar um mehr als 50 Prozent.

Kurz vor der Insolvenz

GM und Chrysler hängen derzeit am Tropf milliardenschwerer Überbrückungskredite des Staates. Ohne die Finanzspritze hätten die zwei die Detroit Autoshow womöglich im Insolvenzverfahren erlebt. Bis Ende März müssen sie laut Regierung "ihre Überlebensfähigkeit beweisen" - sprich: nochmals massiv kürzen, auch bei der Belegschaft.

Vorbilder für den Sparkurs finden GM & Co viele hundert Meilen von Detroit entfernt in südlichen US-Bundesstaaten. Aus Kostengründen haben hier europäische und asiatische Wettbewerber ihre Werke. So fertigen BMW (Spartanburg, South Carolina) und Mercedes (Tuscaloosa, Alabama) seit mehr als zehn Jahren im Südosten der USA. VW will gerade trotz Krise ein Werk in Chattanooga (Tennessee) bauen.

Macht der Gewerkschaft

Die Löhne sind hier weit niedriger, und die sonst übermächtige Autogewerkschaft UAW bekommt im Süden kein Bein auf die Erde. "Im Norden arbeitest Du zuerst für die UAW und dann für die Firma", sagt Ökonom George Hoffer von der Virginia Commonwealth University.

Der künftige US-Präsident Barack Obama werde den Gewerkschaften zur Rettung der Autobauer neue Zugeständnisse abringen müssen, glaubt Professor Logan Robinson von der Universität Detroit Mercy. Das Problem: Die UAW zählte zu Obamas großen Wahlkampfhelfern. Gleich nach seiner Amtseinführung am 20. Januar muss er über weitere Milliardenhilfen für die Konzerne entscheiden.

Roland Freund (dpa)