Der Gesundheitssachverständige Gerd Glaeske über Reformen im Apothekenmarkt, die Lobbyarbeit der Apothekerverbände und seine Enttäuschung über den europäischen Generalanwalt.

Herr Professor Glaeske, herrscht unter den Anhängern der Liberalisierung des Apothekenmarktes Sprachlosigkeit?
Vor allem bei denen, die die Liberalisierung aus wettbewerblicher Sicht befürworten. Viele Anhänger der Öffnung des Apothekenmarktes hatten wohl gedacht, dass sie leichtes Spiel haben würden. Nun ist die Enttäuschung groß, vor allem sicher bei Celesio, deren Aktienkurs seit dem 16. Dezember vorigen Jahres rapide gesunken ist.

Celesio-Chef Fritz Oesterle wird schwierige Zeiten durchmachen. Seine Aktionäre dürften nicht erfreut sein, dass er im Jahr 2007 für 200 Millionen Euro den Versender DocMorris gekauft hat. Nach Lage der Dinge war das eine Fehlinvestition.
Celesio muss diesen Verlust nun über ihr Großhandelsgeschäft wettmachen.

Aber der Großhandel läuft längst nicht mehr gut. Daher hatte das Unternehmen doch mit DocMorris eigene Apothekenketten vorbereitet.
Allerdings, für Celesio ist es sehr schwierig geworden. Gut möglich, dass man daher dort bald noch andere Fusionen diskutieren wird.

Doch nicht mit dem angeschlagenen Konkurrenten Phoenix?
(lacht) Das wäre zumindest eine interessante Variante.

Sie dürften auch enttäuscht sein nach der Empfehlung des europäischen Generalanwalts Yves Bot am 16. Dezember 2008, als er vor dem Eurpäischen Gerichtshof das deutsche Fremdbesitzverbot verteidigte.
Ja, sehr. Viele, wie Karl Lauterbach (Gesundheitsexperte der SPD, d. Red.) oder ich, haben uns die Liberalisierung ja aus gesundheitspolitischen Gründen auf die Fahnen geschrieben. Ich kann mir nicht erklären, welchen Informationen Herr Bot aufgesessen ist, um zu empfehlen, dass für den deutschen Apothekenmarkt keine Veränderungen notwendig sind. Ich bezweifle, dass Bot für irgendeine seiner Behauptungen eine wissenschaftliche Basis findet. Der Generalanwalt hat etwas nachgebetet, was von den Protagonisten gegen die Liberalisierung vorgebetet wurde.

Ist diese Empfehlung der Erfolg guter Lobbyarbeit?
Ich kann das nur so sehen. Die Standesverbände der Apotheker haben einen exzellenten Job gemacht. Dass sie auch Erfolg haben werden, hatte ich vorhergesehen, nachdem sogar die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt einige Tage vor Bots Plädoyer die inhabergeführte Apotheke abermals hoch gelobt hatte.

Ulla Schmidt sprach sich deutlich gegen Apothekenketten aus.
So ist es. Ich denke, sie hatte zu diesem Zeitpunkt längst gewusst, wie die Bewertung von Bot ausfallen wird. Allerdings stehen die Aussagen der Ministerin im Gegensatz zum früheren gesundheitspolitischen Kurs der SPD, der sie ja angehört. Auch in  den Wirtschafts- und Gesundheitsgutachten der Sachverständigenräte der Bundesregierung wurde die Liberalisierung gefordert.

Was haben sie eigentlich gegen das bestehende Apothekensystem? Was würde eine Liberalisierung besser machen?
Unser Gesundheitssystem in Deutschland wurde über Jahre in Strukturen zementiert. Die Arzneimittelversorgung ist ein Teil dieses alten Systems. Die Kollektivverträge zwischen Krankenkassen und den Apothekerverbänden behindern den Wettbewerb. Hinter den geregelten Aufschlägen können sich auch schlechte Arzneianbieter verstecken. Und für die guten Anbieter besteht leider kein Anreiz, ihre Möglichkeiten selektiv umzusetzen - gesonderte Honorierungen sind nicht vorgesehen. Die Liberalisierung bei den Krankenhäusern hat 1996 sehr viel Bewegung in diesen Markt gebracht, das gleiche gilt für die selektiven Verträge in der ambulanten ärztlichen Versorgung. Warum soll das ausgerechnet bei den Arzneimitteln mit einem gesetzlichen Rahmen nicht auch möglich sein?

Heinz-Günter Wolf, der Präsident des Apothekerverbandes, betont immer, dass es längst Wettbewerb gibt.
Dann soll er mir zeigen, wo dieser stattfindet. Wir brauchen Wettbewerb um Effizeinz und Qualität - und den kann ich nicht erkennen.

Die Apotheker sagen, der Arzneihandel im Internet würde den Verkauf illegaler oder gefälschter Produkte fördern.
Dieses Argument ist so alt wie töricht. Im nicht geschützten Internet kann man natürlich alles Mögliche bekommen. Aber die ordentlichen Online-Apotheken, und nur davon rede ich, arbeiten in einem geregelten Markt. Diese Anbieter bekommen ihre Ware von denselben Großhändlern wie die stationären Apotheken. Wenn es in der Pharmabranche also ein generelles Problem mit Fälschungen geben würde, dann hätte auch der stationäre Handel dieses Problem.

Könnte auch ohne die Liberalisierung neuer Schwung in den Apothekenmarkt kommen?
Das kann ich nur hoffen und auf die guten Beispiele bei den Ärzten verweisen. Dort mussten ja die Kassenärztlichen Vereinigungen umdenken, als sich einige Ärzte zusammengeschlossen hatten, um individuelle Verträge mit den Kassen abzuschließen. Aber genauso etwas verhindert derzeit die Abda (Apothekerverband, d. Red.) massiv bei den Apothekern. Hier wird auf eine Vertragshoheit bei den Gesprächen mit den Krankenkassen gepocht. Für mich ist das eine anachronistische Standespolitik, die auf Besitzstandswahrung, aber nicht auf Bewegung in der Zukunft setzt.

Also geben Sie der Liberalisierung noch eine Chance?
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vielleicht wird das Thema schon in diesem Jahr neu diskutiert, wenn nach der Bundestagswahl die FDP den Einzug in die Regierung schafft. Die Liberalen treten ja immer als energische Wettbewerbsbefürworter auf - und könnten deswegen auch für Bewegung im Apothekenmarkt sorgen.

Es aber auch denkbar, dass die europäischen Richter im Sommer anders entscheiden werden, als Generalanwalt Bot empfohlen hat.
Daran glaube ich nicht. Leider!

Was wird aus Ralf Däinghaus, der mit DocMorris sehr forsch den Apothekenmarkt aufgemischt hat?
Er ist ein wichtiger Motor in diesem Geschäft gewesen - und wird diesem auch erhalten bleiben. Vielleicht hat er aber hinsichtlich der Liberalisierung zuviel Optimismus verbreitet. Aber er war ja nicht der einzige, der an den ökonomischen Erfolg eines neuen Wettbewerbsmodells geglaubt hat. Ich gehörte auch dazu.

Zur Person: Professor Dr. Gerd Glaeske lehrt am Zentrum für Sozialpolitik Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung der Universität Bremen. Seit dem 2003 sitzt er im Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen.

Interview: Steffen Gerth