Tchibo startet in dieser Woche einen TV-Spot für Fairtrade-Kaffee. Wir sprachen mit Achim Lohrie, Leiter Corporate Responsibility, über die Hintergründe. 

Tchibo GmbH
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Herr Lohrie, auf Ihrer Visitenkarte steht „Head of Corporate Responsibility". Was genau ist Ihr Aufgabenbereich bei Tchibo?

Ich bin verantwortlich für die Einbindung des Themas Nachhaltigkeit in die Geschäftsstrategie. Das bedeutet insbesondere die Implementierung von ökologischen und sozialen Steuerungskennzahlen in die Unternehmensstrategie. Wir wollten bewusst keine isolierte „Corporate Social Reponsibility"-Strategie neben einer betriebswirtschaftlichen Steuerung, sondern eine integrierte Vorgehensweise.

Was können solche Kennzahlen sein?
Um ein Beispiel aus dem Produktbereich zu nennen: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass in diesem Jahr sechs Prozent unserer Rohkaffeebezüge eines der drei Zertifizierungstandards - Rainforst Alliance, Fairtrade oder Bio bzw. den 4C-Kodex - erfüllen sollen. Bis 2010 wollen wir diesen Anteil verdoppeln und bis 2015 auf 25 Prozent des Einkaufsvolumens erhöhen. Im Bereich Logistik planen wir, die transportbedingten CO2-Emmissionen bis zum Jahr 2015 um 30 Prozent zu  reduzieren. In diesem Jahr konnten wir bereits rund 10.000 Tonnen CO2 einsparen.
 
Tchibo galt bislang nicht gerade als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Woher der Sinneswandel?
In den vergangenen Jahrzehnten ist Tchibo rasant gewachsen, von einem deutschen Kaffeeröster zum internationalen Handelskonzern. Im gleichen Zeitraum hat sich das gesellschaftliche Umfeld stark gewandelt. Es wurde dabei vielleicht etwas spät erkannt, welche Verantwortung mit der Unternehmensgröße und der exponierten Marke verbunden ist. Seit 2006 ist Unternehmensverantwortung Teil der Konzernstrategie und damit auch Chefsache. Wir sind sicher spät gestartet, wollen nun aber eine Vorreiterrolle einnehmen und auch Pionierarbeit leisten.

Sie kamen im Jahr 2006 zu Tchibo. Was konnten Sie seither erreichen?
Mir war es wichtig, keinen akademischen Prozess von oben herab zu verordnen, sondern zunächst einmal schnelle Ergebnisse in den Sortimenten zu erreichen. Und da sind wir bereits gut vorangekommen. Wir haben das gesamte Privat-Kaffee-Sortiment auf Rainforest Alliance umgestellt und einen ersten Bio-Kaffee im Angebot. Seit Anfang Oktober gibt es in unseren Coffee Bars ausschließlich unseren Fairtrade-gesieglten Espresso „Tchibo Espresso Hausröstung", den wir auch für den Verzehr zu Hause verkaufen.
 
Nun verkauft Tchibo nicht nur Kaffee...
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... im Bereich Gebrauchsartikel bieten wir seit Ende Oktober eine Baby- und Kleinkindkollektion aus Bio-Baumwolle an. Zudem kooperieren wir mit der Otto-Gruppe und ihrer "Aid by Trade Foundation". Ziel der Zusammenarbeit ist es, afrikanische Baumwollfarmer zu unterstützen, die aufgrund der internationalen Subventionspolitik für Baumwolle auf den Weltmärkten benachteiligt sind, indem wir der qualitativ hochwertigen afrikanischen Baumwolle den Marktzugang erleichtern. Vollholz-Gartenmöbel aus tropischem Hartholz kommen nur in unser Sortiment, wenn sie nach den Standards des Forest Stewartship Council (FSC) zertifiziert sind. Der FSC setzt sich für eine umweltgerechte, sozialverträgliche und ökonomisch tragfähige Nutzung der Wälder ein.

Wo stoßen Ihre Bemühungen an Grenzen?
Intern bin ich in den zweieinhalb Jahren noch auf keine Hürden gestoßen. Es gibt ein starkes Commitment des Vorstands und insbesondere des Vorstandsvorsitzenden Dr. Markus Conrad. Das ist natürlich wichtig und erleichtert die Arbeit. An Grenzen stoßen wir aufgrund der starken internationalen Nachfrage nach ökologisch und sozial verträglich produzierten Rohkaffees in Bezug auf die von uns benötigten Mengen. Deshalb engagieren wir uns verstärkt in den Produktionsländern, um den Kaffeefarmern dabei zu helfen, vom konventionellen auf den nachhaltigen Kaffeeanbau zu wechseln. Zudem haben wir hohe Anforderungen an die Sensorik des Kaffees. Auch insoweit wollen wir die Erwartungen der Endverbraucher erfüllen. Das alles braucht Zeit.

Wie lange dauern solche Prozesse in der Regel?
Wir haben beim Kaffee bereits im April 2006  angefangen, die ersten Schritte zu gehen.. Bis der erste Privat Kaffee mit Rainforest Alliance-Siegel im Regal stand, verging ein dreiviertel Jahr. Beim Bio-Kaffee und beim Fairtrade Espresso für unsere Filialen hat es mehr als zwei Jahre gedauert.

Was steht nun als nächstes auf Ihrer Agenda?
Obwohl wir schon viel erreicht haben, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Neben der Festigung des Erreichten ist die Integration des Nachhaltigkeitsgedanken in die Prozesse der Auslandsgesellschaften ein nächster Schritt. Aber auch in der Personalpolitik stehen wir vor Herausforderungen. Wir prüfen etwa, in welcher Form ökologische und soziale Kennzahlen in die Vergütungssysteme und in die Personalauswahl einbezogen werden können.

Sie waren bei der Otto Group in einem vergleichbaren Aufgabenbereich tätig. Wie unterscheidet sich ihre Tätigkeit bei Tchibo von der bei Otto?
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Es ist gleichgültig, ob man in einem Eigentümer- oder Management geführten  Familienunternehmen arbeitet. Entscheidend ist das Commitment der Spitze. Das Thema „Nachhaltigkeit" ist Chefsache, die Unternehmensführung bekennt sich klar dazu, dass es dabei um die Zukunftssicherung des Unternehmens geht. Das ist bei Otto und bei Tchibo der Fall, insoweit gibt es für mich keine Unterschiede in der Arbeit.

Die Deutschen geben deutlich weniger für fair gehandelte Produkte aus als ihre europäischen Nachbarn. Wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich: der Handel, die Industrie oder die Verbraucher?
Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Handel und Industrie müssen für das Angebot sorgen. Wir müssen mit Blick auf die Endverbraucher aber auch noch viel mehr Überzeugungsarbeit leisten. Hier gibt es noch großen Nachholbedarf in Deutschland. In der Schweiz, etwa bei Coop oder Migros, wird das Thema deutlich offensiver vermarktet, auch die Produktvorteile werden dort herausgestellt. Wir versuchen das nun in unseren Filialen ebenfalls und starten in diesem Monat mit Fernsehwerbung für unseren Fairtrade-Espresso und für Textilien aus Bio-Baumwolle. Die Konsumenten müssen auch verstehen, dass solche Produkte aufwendiger in der Produktion sind und die Bereitschaft zeigen, einen angemessenen Aufpreis zu bezahlen.

Corporate Social Responsibility (CSR) war gerade in aller Munde, da brach die Finanzmarktkrise aus. Wird CSR sich nun als Modethema mit kurzer Haltbarkeit erweisen?
Ich befasse mich seit 18 Jahren beruflich mit dem Thema und wehre mich gegen den Begriff „Modethema" - denn Mode wechselt. Natürlich schwankt die Aufmerksamkeit für das Thema in Abhängigkeit von den gerade aktuellen gesellschaftlichen Themen und der wirtschaftlichen Situation. Wenn es um die Sicherheit von Arbeitsplätzen geht, dann rückt erfahrungsgemäß auch das Thema „Corporate Social Responsibility" in der öffentlichen Diskussion zurück. Geht es den Menschen gut, tritt das Thema  in der wieder nach vorn.  

Das sind keine guten Aussichten für ein Bemühen um mehr Nachhaltigkeit?
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Wir sind darüber hinaus, bei CSR von einem Modethema zu sprechen. Die meisten Unternehmen haben verstanden, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, nachhaltig zu wirtschaften. Wir bei Tchibo etwa vertreiben mit Kaffee ein Naturprodukt und sind damit Marktführer in vier europäischen Ländern. Wir sind gut beraten, die Fruchtbarkeit der Böden zu erhalten, auf denen unser Kaffee wächst. Andernfalls beschädigen wir unser eigens zukünftiges Geschäft. Diese Erkenntnis hat sich in vielen Unternehmen durchgesetzt. Es geht also darum, die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern - mit Mode hat das nichts zu tun.

Was raten Sie Unternehmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit erstmalig nähern wollen?
Bei Tchibo haben wir uns zunächst einmal das Kerngeschäft angesehen und uns gefragt, an welchen Stellen die größten ökologischen und sozialen Auswirkungen entstehen und wie wir signifikante Verbesserungen durchsetzen können. Auch kleine Unternehmen können mit relativ wenig Aufwand bereits großen Nutzen in der eigenen Organisation stiften. Das kann die  Reduzierung des Energieverbrauchs ebenso sein wie die Verwendung von Recycling-Materialen im Büro. Auch Kooperationen mit großen Unternehmen zum Zweck des Know How-Transfers können sinnvoll sein. Viele kleine und mittlere Unternehmen zeigen durch ihre Aktivitäten in der Region ein bewundernswertes gesellschaftliches Engagement sie bezeichnen es vielleicht anders. Davon können auch große Unternehmen lernen.

Achim Lohrie ist seit April 2006 Direktor des neu geschaffenen Bereichs Unternehmensverantwortung der Tchibo GmbH. Zuvor war der gelernte Jurist Abteilungsleiter für Umwelt- und Sozialpolitik in der Otto Group.

Interview: Hanno Bender