Nicht jede E-Mail, in der Verheißungen auf Geld gemacht werden, ist Spam. In der ersten Septemberwoche bekam ich eine solche Nachricht, frisch aus der Tastatur von Barnes & Noble (BN), dem nach Amazon zweitgrößten Buchhändler der Welt. BN betreibt unter der Marke „Nook“ mit mittelprächtigem Erfolg seinen E-Book-Shop, und dort war ich einige Zeit lang Kunde. Jetzt bekomme ich Geld dafür. Ja, wirklich.

Zu bedanken habe ich mich bei Richterin Denise Cote in New York: Die hat nämlich Apple wegen Kartellbildung verknackt und fünf der größten US-Verlage in solchen Schrecken versetzt, dass sie jetzt 162 Millionen US-Dollar an E-Book-Käufer zurück zahlen, und einige der grünen Scheinchen eben auch an mich. Bei der Sache geht es um den kleinen Unterschied von Preis und Wert, den rechten Glauben und natürlich den „American Way“.

The American Way

Was dürfen E-Books kosten? Und wer entscheidet, was sie kosten sollen? Die Verlage? Die Händler? In Deutschland, Österreich, Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern ist diese Frage durch Buchpreisbindungsgesetze geregelt: Verlage setzen einen Verkaufspreis fest, der Händler hat sich, innerhalb einer engen Bandbreite, an die Vorgaben zu halten.

In den USA verstößt so etwas gegen tiefste Überzeugungen: Neben dem Wissen, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen hat, gehört auch das Gebot, wonach der Einzelhandel sich gegenseitig mit Dumpingangeboten zu bekämpfen hat, zum patriotischen Basisinventar. Weshalb denn auch das mächtige Justizministerium sich die Chance nicht hat entgehen lassen, einer Reihe von unsicheren Kantonisten, die bei E-Books auf fixe Preise setzten, den Katechismus beizubringen. Die US-Bundesstaaten und sogar die Europäische Kommission traten in bedeutenden Nebenrollen in dem Justizthriller auf. Am Ende sind es hunderte von Millionen Dollar an Straf- und Vergleichszahlungen, die Apple und fünf der größten US-Buchkonzerne leisten müssen. Verlage, Buchhandel und Autoren in den USA toben. Amazon sitzt fröhlich händereibend auf der Zuschauerbank.

Das Agency-Modell

Es war im Jahr 2010, als Apple und der Verlagsriese Macmillan, ein Ableger des Holtzbrinck-Konzerns, sich darauf verständigten, dass die E-Books des Verlags, entgegen sonstiger Gepflogenheiten, in Apples iTunes-Shop zu vom Verlag festgesetzten Preisen angeboten werden sollten. Bis dahin hatte vor allem Amazon, das zu diesem Zeitpunkt rund 90 Prozent des US-Markts für elektronische Bücher kontrollierte, immer wieder mit Billigaktionen die Preise für E-Books gedrückt und damit für Verstimmung gesorgt. Als Amazon 2009 wissen ließ, zukünftig werde man keine E-Books für mehr als 9,99 US-Dollar anbieten, fühlten sich die Verlage düpiert.

Apple, das gerade den iPad an den Start gebracht hatte und im Begriff war, seinen iTunes-Store um E-Books zu erweitern, wusste um die bewährte Amazon-Politik, Märkte durch jahrelanges Preis-Dumping zu erobern. In einem solchen Umfeld wäre ein erwähnenswertes Geschäft kaum möglich gewesen. Grundsätzlich gab es weithin die Befürchtung, dass mit den Amazon-Aktionen eine negative Preisspirale beginnen würde, an deren Ende die Konkurrenz im Handel ausgeschaltet und für Verlage ein auch nur ansatzweise profitables Geschäftsmodell unmöglich gemacht wäre. Die Lösung: Feste Preise für E-Books, dank des „Agency-Modells“. Apple gab das Recht auf, Preise nach eigenem Ermessen verändern zu können, agierte also als „Agent“ des Verlags und nicht mehr als eigenständiger Händler. Dafür blieben im Schnitt 30 Prozent des festgesetzten Verkaufspreises als Provision bei Apple.

Um von Amazon allerdings nicht durch niedrige Preise ausgehebelt zu werden, verlangte Apple von Macmillan und später auch von den anderen beteiligten Verlagen, auch gegenüber der Konkurrenz das Agency-Modell durchzusetzen. Das gelang tatsächlich: Amazon strich zwar kurzfristig alle Macmillan-Titel aus seinem Angebot, gab aber schließlich klein bei und setzte das Modell auch bei seinen Europa-Aktivitäten um. Der in der Branche kräftig gefeierte Vorstoß von Macmillan hatte gezeigt, dass Amazon nicht allmächtig ist: Auch der umsatzstärkste Händler hat schlechte Karten, wenn die wichtigsten Lieferanten mit Boykott drohen. Zug um Zug schlossen sich bis November 2010 die anderen US-Verlagsriesen Simon & Schuster, HarperCollins, Penguin und Hachette Livres samt ihrer europäischen Pendants dem Modell an. Lediglich die Bertelsmann-Tochter Random House zierte sich eine Weile, schwenkte aber im März 2011 auf den Kurs der anderen Riesen ein.

Fixe Preise – Chance für die Anwälte

Feste Preise für Bücher, egal ob gedruckt oder elektronisch, in den USA? Das konnte nicht lange gut gehen. Tat es auch nicht: Im August 2011 griffen zwei Anwälte zum Griffel und reichten eine Sammelklage ein gegen Apple und die Agentur-Verbündeten. Sie hätten mit ihren Preisabsprachen E-Books deutlich teurer gemacht und verhindert, dass Handelskonkurrenten, und vor allem Amazon, mit billigeren Angeboten auf den Plan treten konnten. Der Vorstoß fand bald Nachahmer: Innerhalb weniger Wochen wurden fast zwei Dutzend weitere Klagen eingereicht, die neben den ursprünglichen Übeltätern auch auf Amazon, Barnes & Noble und Random House zielten – diese drei blieben letztendlich aber ungeschoren. Auch die kanadischen Behörden stießen schnell ins gleiche Horn, und sämtliche US-Bundesstaaten (außer Minnesota) strengten eine eigene Klage an.

Damit nicht genug: auch in Europa braute sich Ärger zusammen. Im März 2011 hatte die EU-Kommission eine Großrazzia bei französischen Verlagen gestartet, die mit dem „Verdacht auf Verstöße gegen die Anti-Kartell-Bestimmungen“ begründet wurde. Ende 2011 leitete die Kommission dann ein formales Kartellverfahren gegen Hachette, HarperCollins, Simon & Schuster, Penguin und die Holtzbrinck-Gruppe ein.

Wenn selbst die in den USA als recht lasch engeschätzten europäischen Kartellwächter vor Gericht zogen, durften die amerikanischen Kollegen natürlich nicht lange fackeln: Im April 2012 erhob das US-Justizministerium (DoJ) Klage gegen die sechs ursprünglichen Agentur-Allianzler.

Die vollen Breitseiten aus Washington, Brüssel und andernorts zeigten rasch Wirkung: Zunächst kündigten Simon & Schuster, Hachette und HarperCollins an, vom Agency-Modell abrücken zu wollen und gingen Vergleiche ein. Apple, Penguin und Macmillan blieben zunächst bei ihrer Haltung; die von den anderen Verlagen eingeräumten Bedingungen hielten sie nicht für akzeptabel. Alle Beklagten, auch jene, die sich verglichen, beteuerten stets, es habe niemals Absprachen gegeben, und Apple bestritt ganz und gar die Grundlage für die Vorwürfe. Denn, so war stets zu hören, das Agency-Modell sei zum Vorteil für Autoren und Kunden und habe zu mehr Wettbewerb und einer größeren Auswahl an E-Books und E-Readern geführt.

Wie es weiterging, lesen Sie gegen 14 Uhr im zweiten Teil des Beitrags.