Apple und die fünf größten US-Verlage hatten sich (siehe erster Beitrag) ab 2010 auf das „Agency-Modell“ verständigt und damit de facto feste Preise für E-Books eingeführt. Das ließ die Kartellbehörden in den USA und Europa nicht unbeeindruckt: Was folgte, war eine Welle von Klagen seitens der US-Bundesstaaten, des US-Justizministeriums (DoJ) und der Europäischen Kommission. Die Verlage verglichen sich vor Prozesseröffnung und zahlen rund 162 Millionen Dollar als Entschädigung an die Kunden. Apple landete im Juni vor Gericht.

Niemals habe es Preisabsprachen bei E-Books gegeben, beteuerten alle Beklagten, und Apple bestritt ganz und gar die Grundlage für die Vorwürfe. Denn, so war stets zu hören, das Agency-Modell sei zum Vorteil für Autoren und Kunden und habe zu mehr Wettbewerb und einer größeren Auswahl an E-Books und E-Readern geführt.

Was sich anhört wie durchsichtige PR, entspricht tatsächlich der Wahrheit.

Die Einführung des Agency-Modells hatte für erträgliche Strukturen im Markt gesorgt; so ist der Marktanteil Amazons in den USA bei E-Books von 90 Prozent auf gut 60 Prozent gefallen, mit weiter sinkender Tendenz. Weder Apple noch Google, Kobo oder Barnes & Noble mit seinem „Nook“-Angebot, hätten ohne das Agency-Modell einen Markteinstieg realistisch darstellen können. Sowohl der Absatz von reinen E-Book-Readern wie auch von Tablets steigt weiterhin kräftig, der Umsatzanteil von E-Books am Gesamtmarkt in den USA hat 2012 noch einmal um mehr als 50 Prozent zugelegt und liegt jetzt bei 11 Prozent; jedes dritte Buch wird in elektronischer Form gekauft. Alles ganz gut also.

Der Haken bei der Sache: In den ersten Monaten des Agency-Modells waren die E-Book-Preise durchschnittlich gestiegen und hatten sich denen von gedruckten Büchern angenähert. Und darin lag die Crux: Weder die EU-Kommission noch das DoJ interessierten sich besonders dafür, dass durch die Preisfixierung erst die Voraussetzungen zur Entstehung eines offenen Markts geschaffen wurden. Apple und die Verlage hätten zum Nachteil der Kundschaft miteinander konspiriert, argumentierte das DoJ, und dadurch den Käufern Mehrausgaben in Millionenhöhe aufgebürdet. Und in Frankreich und Spanien hätten die Verlage sogar darüber beraten, eine gemeinsame Konkurrenzplattform zu Amazon aufzubauen. Caramba!

Branche gegen Justiz

Die Kartellklage löste in der Buchbranche ebenso Empörung aus wie die Bedingungen des Vergleichs, den das Ministerium den Verlagen abnötigte. Mehr als 800 Beschwerdebriefe liefen beim DoJ ein. Der Präsident des US-Autorenverbands „Authors Guild“, Scott Turow warf dem Ministerium vor, es wolle lediglich den Anschein eines offenen Markts erwecken und sei mit seinem Vorgehen dabei, den neu entstandenen offenen Markt zu zerstören. Vor dem Agency-Modell sei Amazon auf bestem Wege gewesen, den Wettbewerb sowohl für gedruckte wie für elektronische Bücher durch Preisdumping zu eliminieren. Sein Kollege Paul Aiken hieb wenig später in die gleiche Kerbe und deutete an, das DoJ erledige letztlich die schmutzige Arbeit für Amazon.

Oren Teicher, Chef des BuchhändlerverbandsAmerican Booksellers Association (ABA) sagte, es gebe durch das Modell mehr Wettbewerb unter den Anbietern und mehr Beispiele für Marketing- und Werbemaßnahmen der Verlage, durch die auch niedrigere Preise für E-Books zustande gekommen seien. Der Verband der Literaturagenten, die Association of Authors Representatives, argumentierte, Amazons Preisdumpingstrategien hätten über die Jahre den unabhängigen Buchhandel massiv beschädigt, dies sei schädlich für den Wettbewerb, die Autoren und die Leser, weil sie die Angebotsvielfalt langfristig einschränke. Und auch der Buchhandelsriese Barnes & Noble forderte einen Stopp von Verfahren und Vergleichen: Die Sache sei nicht im öffentlichen Interesse, das Agency-Modell an sich sei nicht ungesetzlich und habe den Wettbewerb unter den Verlagen erhöht, wodurch E-Books  insgesamt billiger geworden seien. Tatsächlich, so die Branchenpresse, habe der Vorstoß der Behörden in den USA wie auch in Europa nur einen möglichen Sieger: Amazon.

Schuldspruch ohne Überraschungswert

Alle Proteste nutzten nichts: Im Juni 2013 begann das vom DoJ angestrengte Verfahren gegen die Verantwortlichen des Modells, im August erging das Urteil. Überraschend war das alles nicht, die zuständige Richterin hatte bereits vorab angekündigt, dass sie geneigt sei, beim Strafmaß ordentlich zuzulangen. Dabei kam den Klägern zugute, dass kurz vor Prozessbeginn das DoJ Emails präsentieren konnte, in denen Steve Jobs sich mit James Murdoch abstimmte, der im Vorstand des Konzerns News Corporation für die Verlagssparte HarperCollins verantwortlich zeichnet, Und darin geht es tatsächlich um Preisabsprachen.

Als die Richterin die Verhandlung eröffnete, war allerdings nur noch Apple als Beklagter übrig geblieben: Die Verlage, auch Penguin und Macmillan, die sich lange gesträubt hatten, waren auf Vergleiche eingegangen. Darin verpflichten sie sich zu Straf- und Entschädigungszahlungen und geben den Händlern das Recht zur Preisgestaltung zurück; das DoJ hat für mehrere Jahre das Recht, die Geschäftspapiere der Unternehmen zu kontrollieren. Allerdings, und dies dürfte vor allem zur Gesichtswahrung dienen, ist es den Händlern untersagt, E-Books zu Preisen anzubieten, die unter dem beim Einkauf gewährten Rabatt von in der Regel 30 Prozent liegen.

Auch den Streit mit den US-Bundesstaaten beendeten die Verlage durch Vergleich: Simon & Schuster, HarperCollins und Hachette verpflichteten sich schon 2012 zur Zahlung von insgesamt 69 Millionen US-Dollar an E-Book-Käufer, die ab Beginn des Agency-Modells entsprechende Titel erworben hatten. Penguin, das sich bis dahin hartleibig gezeigt hatte, schwenkte Ende des vergangenen Jahres auf die Vergleichslinie ein, um bei der 2013 vollzogenen Fusion mit dem Bertelsmann-Ableger Random House keine unkalkulierbaren Risiken in die neue Ehe einzubringen. Macmillan gab klein bei, da die finanziellen Risiken der Prozesse als nicht mehr einschätzbar erachtet wurden. Allein aus dem Vergleich mit den Bundesstaaten kommen Strafzahlungen von 26 Millionen US-Dollar auf Macmillan zu, bei Penguin wird mit 90 Millionen US-Dollar gerechnet. Wie hoch die Rechnung allein aus diesen Vergleichen tatsächlich ausfallen wird, entscheidet sich Ende 2013. Auch die Klage der EU-Kommission wurde Ende 2012 von allen Beteiligten per Vergleich beigelegt, der sich an dem US-Vorbild orientierte.

Kurzer Prozess

Richterin Cote, die ja vorab schon angekündigt hatte, dass sie auf Seiten des DoJ steht, machte sehr kurzen Prozess mit Apple und verurteilte das Unternehmen wegen illegaler Preisabsprachen. Als Wiedergutmachung soll Apple jetzt rund 490 Millionen US-Dollar zahlen, außerdem forderte das DoJ:

  • Apple soll die bestehenden Agency-Verträge mit den fünf in den Prozess involvierten Verlagen HarperCollins, Hachette, Simon & Schuster, Macmillan und Penguin beenden; außerdem darf Apple keine vergleichbaren Verträge in der Musik-, Film-, Spiele- oder Fernsehbranche abschließen;
  • Apple soll in den kommenden fünf Jahren darauf verzichten, „Meistbegünstigungsklauseln“ in neue Verträge mit Unternehmen aufzunehmen – dadurch würden die Anbieter verpflichtet, die eigenen Inhalte bei Apple mindestens so günstig anzubieten wie in anderen Shops;
  • Apple soll Shops wie Amazon und Barnes & Noble gestatten, in den kommenden zwei Jahren aus den eigenen iOS-Apps heraus in ihre Shops zu verlinken (was Apple bislang unterbindet und damit die Wettbewerber zwingt, Apple an Käufen aus der App zu beteiligen).
  • Apple soll in den kommenden zehn Jahren unter eine staatliche Aufsicht gestellt werden, die überwacht, ob das Unternehmen den Auflagen entspricht.

Dagegen protestierten neben Apple auch die betroffenen Großverlage: Die Auflagen führen nämlich dazu, dass die in den Vergleichsvereinbarungen ausgehandelten Genehmigungen, ein Agency-Modell betreiben zu dürfen, vom Tisch wischen. Die Proteste halfen, jedenfalls ein wenig: Nur noch zwei Jahre lang soll Apple überwacht werden, so die Richterin, und die In-App-Verkäufe bleiben ebenfalls unangetastet.

Ganz vorbei ist die Sache allerdings noch nicht: Apple erwägt angeblich, den Supreme Court anzurufen.