Kontaktloses Bezahlen ist Dauerthema in den Medien und im Handel. Viel aufregender ist jedoch ein neues Zahlungssystem, das die EU etablieren will. Instant Payment könnte die Welt des bargeldlosen Zahlungsverkehrs auf den Kopf stellen – und Händler könnten davon profitieren.

Kaum eine Woche vergeht ohne Meldung, in welchen Läden Kunden nun überall kontaktlos bezahlen können. Lidl, Penny, Aldi, Edeka Hessenring, Esso, die Rewe Group, Kaufland und Rossmann:

Publikumswirksam verkünden die Unternehmen, dass das Bezahlen mit Giro- oder Kreditkarte per NFC-Funktechnologie in ihren Filialen nun flächendeckend möglich ist oder in diesem Jahr ausgerollt wird. Beträge bis zu 25 Euro können die Kunden dann durch das Heranhalten der Karte an das Kassenterminal ohne PIN-Eingabe bezahlen. Und wenn sogar die großen Publikumsmedien anfangen, über das kontaktlose Bezahlen zu berichten, dann ist das Thema endlich da angekommen, wo es die Payment-Branche schon seit Jahren gerne hätte: Im Mainstream.

Der Austausch der Kassenterminals kommt nicht von ungefähr – die sogenannten Schemes, Visa und Mastercard, fordern die Umrüstung auf NFC-fähige Geräte bis Jahresende. Ab 2018 kann es sonst sein, dass das herkömmliche Bezahlen mit Kreditkarte nicht mehr möglich ist.
Das sollten auch Einzelhändler beachten, die die Kosten des Terminal-Austauschs scheuen. Parallel zum Geräte-Switch statten die Finanzinstitute ihre Kunden sukzessive mit NFC-fähigen Karten aus. So haben die Volks- und Raiffeisenbanken 2016 bundesweit 4,6 Millionen ihrer Girokarten ausgetauscht, dieses Jahr sollen 8,8 Millionen Karten folgen, bis 2020 sollen alle 26 Millionen VR-BankCards mit der Nahfunktechnik ausgestattet sein, bei den Kreditkarten rund 90 Prozent.

Auch die Sparkassen wollen bis 2020 alle Girokarten austauschen, bislang sind mehr als 7 von 45 Millionen SparkassenCards kontaktlos. Die Commerzbank plant die Einführung der NFC-Technik für Girokarten im Herbst. Neue Kreditkarten von Mastercard werden seit Oktober 2015, Visa-Neukarten seit Mai 2016 mit der Kontaktlos-Funktion herausgegeben.

Vorstufe des Mobile Payment

Es wird also noch dauern, bis die Mehrheit der Kunden das kontaktlose Bezahlen ausprobieren kann. Die Zahlart gilt als Vorstufe des Mobile Payment per Smartphone. Auch hier gibt es noch Hindernisse für den Aufbau einer breiten Nutzerschicht. Banken, Sparkassen, Händler, Bezahldienstleister, Netzbetreiber: Viele bieten eine eigene App für das Bezahlen mit Handy an. Darüber hinaus nutzen manche Apps die NFC-Technik, andere Barcodes.

Starthilfe Instant Payment

Eine Lösung, um die für Kunden verwirrende Vielfalt zu bündeln, sind Kooperationen wie die zwischen Vodafone, Paypal und Visa. Der Netzbetreiber öffnet seine Wallet-App, Kunden mit bestimmten NFC-fähigen Smartphones können ihr Paypal-Konto und Visa-Kartendaten als Zahlungsmittel in die App einbinden und damit bezahlen. Doch in Deutschland stößt Mobile Payment nach wie vor auf Misstrauen. Eine Umfrage von Deloitte zeigt, dass nur 4 Prozent per Smartphone in Geschäften zahlen möchten. Hauptgründe seien fehlender Mehrwert und Sicherheitsbedenken.

Vielleicht kommt die Starthilfe für Mobile Payment auch aus anderer Richtung. „Instant Payment könnte alle Zahlungsarten revolutionieren“, sagt Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE). Instant Payment (IP) steht für Überweisungen, die binnen zehn Sekunden abgewickelt werden. Der Kunde löst die Überweisung an der Ladenkasse oder beim Checkout im Onlineshop aus, der Händler kann die Zahlung in Fast-Echtzeit verbuchen und über den Betrag verfügen. „Wie bei Barzahlungen bedeutet das maximale Sicherheit für den Verkäufer“, erläutert Binnebößel. „Das gilt für den E-Commerce und die Ladenkasse; dort könnte Instant Payment alle anderen Zahlverfahren ersetzen.“

Aufgrund der dahinterliegenden Technik wird die Zahlung direkt zwischen den Konten des Zahlenden und Zahlungsempfängers abgewickelt, Zwischenstellen wie Acquirer und Payment Service Provider würden überflüssig. Auch, weil eine Überweisung per IP nicht rückrufbar ist. Damit werden Verhandlungen über Zahlungsziele und –garantien hinfällig und der Bezahlvorgang günstiger.

Wenig verwunderlich, dass Payment Service Provider wie Cardprocess, Payment-Dienstleister der Genossenschaftsbanken, das neue System zurückhaltend bewerten. „Die EU-Kommission korrigiert mit Instant Payment technische Fehler, die bei der Einführung des SEPA-Systems gemacht wurden“, sagt Carlos Gómez-Sáez, Sprecher der Geschäftsführung bei Cardprocess.

Er ist überzeugt, dass Instant Payment für den Handel keinen großen Unterschied macht. „Es gibt nur wenige Fallbeispiele wie der Kauf eines Gebrauchtwagens, bei dem der Kunde sofort genau dieses eine Auto erwerben will und nicht genug Bargeld dabei hat“, sagt Gómez-Sáez. Für den Händler sei es außer in solchen Ausnahmefällen nicht wichtig, ob er sein Geld sofort bekomme – sondern ob er es überhaupt bekomme.
Die meisten Kunden hielten sofortige Zahlungen für nützlich. „Allerdings brauchen viele Privatpersonen kein Instant Payment, weil sie mit den heute gängigen Verfahren zufrieden sind“, zitiert Gómez-Saéz eine Studie des ibi Research Instituts.

Auch das Argument, das neue Bezahlsystem mache das Risikomanagement für den Händler günstiger, sieht er nur in Ausnahmefällen bestätigt. „Das trifft lediglich bei einer Lastschrift zu, die rückrufbar ist.“

HDE-Experte Binnebößel sieht das anders. „Man muss nicht immer nach Anwendungsfällen fragen“, sagt er. „IP ist in jeglicher Hinsicht für den Handel von Vorteil.“ Auch Netzbetreiber würden nicht mehr zwangsläufig gebraucht: „Der Kunde hat seine Banking App auf dem Smartphone, bekommt die Zahlungsdaten auf das Handy geliefert, stößt die Zahlung an; der Händler sieht den Zahlungseingang auf dem Konto und gibt den Kauf frei“, erklärt er. Für die Banken eine verlockende Aussicht: Das Girokonto bliebe Mittelpunkt der Zahlungsbewegungen.
Noch ist die praktische Umsetzung offen, Standards, Schnittstellen und technische Lösungen müssen definiert werden. Daran wird gearbeitet: So trafen sich Ende 2016 mehr als 100 Vertreter aus Handels-, Finanz- und Zahlungsdienstleisterbranche auf einem IP-Gipfel, aus dem verschiedene Arbeitsgruppen hervorgingen. „Diese arbeiten derzeit an der Definition der Standards für die Schnittstellen Kasse-Smartphone, Händlerbank-Kasse und In-App-Payment“, berichtet Binnebößel. Bis zum Herbst sollen erste Schnittstellen definiert, und dann Pilotprojekte gestartet werden.

„Instant Payment könnte den Zahlungsverkehr revolutionieren.“

Ulrich Binnebößel. HDE
Es gibt viele Unwägbarkeiten: Die Dauer von zehn Sekunden für eine Überweisung berücksichtigt nicht die Interaktion von Kunde und Händler an der Kasse; die IT muss so funktionieren, dass etwa der Kassierer keinen Kontozugang bekommt, der Zahlungseingang aber sekündlich abrufbar ist.

Darüber hinaus müssen die Banken für die Echtzeit-Datenverarbeitung eine völlig neue IT-Infrastruktur schaffen, die immer am Netz ist. Die EZB wünscht sich den teuren Umbau der IT-Systeme bis November 2017. Die Banken könnten ihre Kosten über Entgelte für neue Dienstleistungen an den Handel weitergeben. Andererseits könnten sich für Einzelhändler neue Einnahmequellen ergeben: „Da es bei Instant Payment kein Rückrufrecht für Kunden gibt, könnte der Händler einen Käuferschutz anbieten, den der Kunde abschließt – entweder als Dienstleistung oder mit einem kleinen Aufpreis.“

Am Ende wird ganz schnell im Vorübergehen bezahlt

Wie immer die Zukunft aussieht: Ziel sollte es sein, den Kassierprozess so schnell und bequem wie möglich abzuschließen. „Die Payment-Branche hat jahrelang Dinge fröhlich vor sich hinentwickelt, ohne den Kunden zu fragen, ob es Mehrwert für ihn hat“, sagt Horst Rüter, Payment-Experte des EHI Retail Instituts. Man müsse die zahlreichen Angebote auf den Prüfstand stellen und den Kunden mit ins Boot holen.

Das führt zu einem weiteren Thema: Omnichannel. Allerdings steht das Thema Payment eher weiter hinten auf der To-Do-Liste der Einzelhändler. „Hier gibt es derzeit noch wichtigere Dinge, etwa die logistischen Herausforderungen“, sagt Rüter. Wie Carlos Gómez-Sáez von Cardprocess sieht er die Zukunft beim sogenannten „Seamless Checkout“ wie bei Amazon Go – das Bezahlen im Vorübergehen.

Gut gelöst sei das die Befriedigung des Kundenbedürfnisses auch bei der Schweizer Migros: „Einkaufen, wo man will, egal mit welchem Gerät, abholen oder liefern lassen“, sagt Rüter. „Am Ende besteht für den Kunden kein Unterschied mehr, wo er ist und wie er bezahlen will – er kann kaufen, wie er möchte.“

Der Beitrag erschien vorab in der aktuellen Ausgabe von "Der Handel" (4/2017).

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