Arbeitsdruck, Bespitzelung, kaum Möglichkeiten für richtige Pausen: Was ein RTL-Bericht über den Alltag im Zalando-Logistikzentrum Erfurt enthüllt, wirft kein gutes Licht auf den Onlinehändler.

Irgendwann sagt ein Mitarbeiter im breiten Thüringer Dialekt: "Das ist noch schlimmer als die Stasi." Zalando schlimmer als der Geheimdienst der DDR? Das klingt verwegen. Aber was eine RTL-Dokumentation über den Arbeitsalltag im Erfurter Logistikzentrum des Onlinehändlers zu Tage brachte, ist auch kein Grund, um vor Glück zu schreien, um den Zalando-Slogan aufzugreifen.

Es ist eine typische Undercover-Nummer, die der Privatsender in der Sendung "Extra" am Montagabend ausstrahlte. Die junge, unbekannte Journalistin Caro Lobig ließ sich bei Zalando als Lagerarbeiterin einschleusen, filmte und protokollierte ihren Arbeitsalltag. Bei diesem Projekt stand der Veteran des Undercover-Journalismus Pate: Günter Wallraff. Der Kölner Journalist hatte zuletzt mit Erkenntnissen über die miesen Arbeitsbedingungen bei Paketdienstleistern für Aufsehen gesorgt.

Laufen, laufen, laufen

Nun also Lobig. Drei Monate lang war sie im Erfurter Versandzentrum als "Pickerin" beschäftigt - im Film erzählt sie, dass sie irgendwann enttarnt und fristlos gefeuert worden sei. Aber mehr als ein Vierteljahr braucht man wohl auch nicht, um den täglichen Wahnsinn bei einem Onlinehändler zu beschreiben, der seit Jahren rasant wächst, ohne Geld zu verdienen und dessen Retourenquote  branchenweit immer wieder zu wilden Spekulationen führen (50 , 60, 70 Prozent?).

Lobig erzählt von Scannern, die auch zur Mitarbeiterüberwachung eingesetzt werden, um die Arbeitsleistung zu überprüfen. Dass sie an manchen Tagen insgesamt 27 Kilometer unterwegs war, um Bestellungen aus dem Regal zu "picken", also abzuwickeln. Sie berichtet davon, dass es ungern gesehen werde, wenn sich Mitarbeiter zwischendurch hinsetzen, um sich zu erholen. Im Film sind entsprechende Gespräche mit ihrem Teamleiter zu sehen. Und die zweimal dreißig Minuten Pausen am Tag sind offenbar auch keine Erholung für Beschäftigte, wenn allein gut zehn Minuten Fußweg zum Pausenraum zurückzulegen sind, wie ein Mitarbeiter berichtet.

"Das komplette Betriebsklima versaut"

Arbeitsrechtlich bedenklich ist offenbar auch die Diebstahlsprävention von Zalando: Denn Reporterin Lobig berichtet davon, dass Mitarbeiter beim Verlassen des Gebäudes willkürlich in einen Nebenraum gebeten werden. Dort werden sie von Sicherheitskräften mit Detektoren abgescannt, ähnlich wie an den Sicherheitskontrollen am Flughafen. Ungewöhnlich ist auch Zalandos Ausloben von 500 Euro Prämie an Mitarbeiter, die stehlende Kollegen verpfeifen. "Da hat man mit einer Zeile in dieser Erklärung das komplette Betriebsklima versaut, weil damit Bespitzelung wechselseitig unterstützt wird", zitiert RTL Sven Jürgens, Fachanwalt für Arbeitsrecht (Berlin).

Angesichts dieses Dauerstress soll regelmäßig bei Zalando in Erfurt der Rettungswagen vorfahren, weil Beschäftigte nach Kreislaufzusammenbrüchen nicht mehr weiterarbeiten können. Im Film wird ein Mitarbeiter eines Rettungsdienstes zitiert. Auch Lobigs Kreislauf versagte einmal seinen Dienst. Die Reaktion von Zalano: Die Journalistin sollte lediglich eine Verzichtserklärung unterschreiben, um den Arbeitgeber vom Versicherungsschutz für Lobigs Heimweg zu entbinden.

Sogar einen Todesfall soll es in Erfurt gegeben haben. Es wird im Film davon berichtet, dass ein Mitarbeiter auf der Toilette an Herzversagen gestorben sei. Im Pressetext zur Dokumentation wird auf dieses traurige Ereignis freilich nicht eingegangen.

Zalando wehrt sich

Von Zalando gibt es mittlerweile eine Stellungnahme zu dem TV-Beitrag, in dem unter anderem der Vorwurf, es habe in Erfurt einen Todesfall gegeben, zurückgewiesen wird.

Wörtlich heißt es: "Aufgrund des unerwarteten häuslichen Todesfalls eines unserer Mitarbeiter, haben wir selbstverständlich Anteil genommen, mit allen Kollegen eine Schweigeminute eingelegt und im Namen der Kollegen einen Kranz bei der Beerdigung niedergelegt.

Zusätzlich suggeriert der Bericht systematische Überwachung, Bespitzelung und Verfolgung und zieht einen direkten Vergleich zu Stasi-Methoden. Diesen Vergleich empfinden wir als undifferenziert und unangemessen, zudem entspricht er nicht den Tatsachen. Wie in Produktionsbetrieben üblich, messen wir die Leistung von Prozessen, Teams und einzelnen Mitarbeitern, um auf dieser Basis Prozesse zu verbessern und Feedbackgespräche zu führen."