Die Zahl der Apotheken sinkt seit Jahren. Jetzt will sich die Branche erneuern und besinnt sich dabei auf ihre ureigene Bestimmung: Medikamentenversorgung.

Bei Fritz Becker klingt Genugtuung durch, wenn er über den Erneuerungswillen seines Berufsstandes spricht. "Wir galten jahrelang als engstirnig. Jetzt beweisen wir, dass wir nach vorne schauen können", sagt der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) zu Der Handel.

Mitte dieses Jahres hat die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), die Dachorganisation der Apotheker- Vereinigungen, ein Zukunftspapier verabschiedet mit dem Titel Apotheke 2030". Die Pharmazeuten wollen ihr heilberufliches Profil schärfen, weg vom kunterbunten Gesundheitsladen mit Massagebürsten und Bademützen, hin zu einem Anlaufpunkt für kranke Menschen.

"Wir werden eine aktivere Rolle für die Sicherheit bei der Arzneimitteltherapie übernehmen", formulierte es ABDA-Präsident Friedemann Schmidt, seit 2012 im Amt. Mehr Beratung, mehr Aufklärung, mehr Information bei Medikamenten.

Kompetenz bei Medizin, keine Diagnosen

Der DAV-Chef und Pforzheimer Apotheker Becker spricht von einem dicken Brett, was er und seine Kollegen bohren wollen. Prompt wehte scharfer Wind entgegen, etwa von den Ärzten, die ihre Kompetenz in Gefahr sehen. "Aber wir wollen nicht diagnostizieren", versichert Becker, der sich eher als Mann der Heilberufe versteht, nicht als Kaufmann.

Wie Apotheker und Ärzte zu einer gemeinsamen Linie finden können, wird seit April in Sachsen und Thüringen getestet. Dort läuft der Modellversuch "Arzneimittelinitiative", mit dem die Apothekerverbände und die Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen gemeinsam mit der Krankenkasse AOK Plus Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung verbessern wollen.

Apotheken werden immer weniger
Apotheken werden immer weniger
Der Erneuerungsdrang der Apotheker ist verständlich, "denn die goldenen Zeiten für uns sind längst vorbei", versichert Becker. Die Zahl der Apotheken nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Der DAV-Präsident begründet das mit der schlechter werdenden Einkommenssituation und fehlenden Nachfolgern. "Es gibt immer weniger Neueröffnungen", sagt Becker, "allenfalls noch in Einkaufszentren."

Dort fallen aber schnell 30.000 Euro Monatsmiete an. Es gibt auch Läden wie der am Berliner Hauptbahnhof, der zwar 24 Stunden geöffnet und eine gewaltige Kundenfrequenz hat, sich aber wegen der hohe Mietkosten kaum rechnet, wie es in der Branche gemunkelt wird.

Die Onlinekonkurrenz ist überaus bescheiden

Nun gehört auch bei den Apothekern das Klagen über die eigene Lage zum Programm, doch dieser Berufsstand führt längst nicht den Überlebenskampf wie der "normale" Einzelhandel. Etwa 150 Kunden kommen statistisch täglich in eine Apotheke, 124.000 Euro durchschnittlich beträgt laut ABDA das jährliche Betriebsergebnis eines Apothekers.

Klar ist freilich, dass man den Verkauf von Mitteln, die Gesundheit wiederherstellen und Leben retten sollen, nicht gleichsetzen darf mit dem Vertrieb von Gemüse und Textilien. Daher sind die Probleme des Einzelhandels auch nur bedingt vergleichbar. Die klassischen Apotheken haben nur eine bescheidene Onlinekonkurrenz. Für 2013 reklamieren die Versender 1,3 Milliarden Euro Gesamtumsatz.

DAVChef Becker spricht dabei von einem Marktanteil von 1 Prozent bei rezeptpflichtigen Medikamenten. Freilich könnte sich das ändern, sollte irgendwann das elektronische Rezept auch in Deutschland eingeführt werden. In Norwegen gibt es das seit 2013.

Bei den freiverkäuflichen Produkten haben sich die Onlineapotheken allerdings bereits 12 Prozent Marktanteil erkämpft. Becker sieht in diesem Segment einen verschärften Preiskampf und ein neues Kaufverhalten bei teuren Produkten. Bei der Erstmedikation komme der Kunde noch in die Apotheke – die Folgepackungen kaufe er dann im Netz.

Keine Äußerung zu "Easy Apotheke"

Zur Kette "Easy Apotheke" mit ihren 75 Läden will sich der DAV-Vorsitzende nicht äußern. "Die meisten Marketingkooperationen wachsen bestenfalls auf niedrigem Niveau“, versichert er. Um 15 Prozent auf 155 Millionen Euro Umsatz wuchs Easy im Jahr 2013 – das ist über dreimal so viel wie der Gesamtmarkt, der um etwa 4 Prozent zulegte.

Laut ABDA kletterte der Apothekenumsatz im vorigen Jahr auf 44,6 Milliarden Euro, zwei Milliarden Euro mehr als 2012. Fast 91 Prozent (40,5 Milliarden Euro) wurden dabei mit Arznei erlöst. Der größte Anteil (35,8 Milliarden Euro) gehört dabei den rezeptpflichtigen Mitteln.

Klagen ist indes kein Privileg der Apotheker. Die Pharmagroßhändler blasen ins gleiche Horn. "Speziell hier in Deutschland hat ein Rabattwettbewerb stattgefunden, den unsere Branche so wohl noch nicht erlebt hat", beschrieb Marion Helmes, Chefin des Grossisten Celesio, den Markt im vergangenen Jahr. "Es ist ein irrationaler Wettbewerb, keiner verdient mehr Geld", lautet ihr berühmter Satz. DAV-Chef Becker hält die Klagen über die Rabatte, welche die Grossisten ja selbst eingeführt haben, für "ein bisschen übertrieben". Skonti lägen immer im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

AEP sorgt für Unruhe auf dem Großmarkt

Das Großhandelsgeschäft ist überdies gut geordnet, fünf große Anbieter beherrschen zu 90 Prozent den Markt: Phoenix als Marktführer, gefolgt von Noweda (siehe Interview mit dem Vorstandschef Wilfried Hollmann auf Seite 12), Celesio, Anzag und Sanacorp. Und dieses Quintett reagiert unruhig, wenn ein neuer Konkurrent auch etwas vom Kuchen haben will. "Dann sind sich alle immer schnell einig", sagt ein Marktkenner zu Der Handel.

Seit etwas über einem Jahr ist das Unternehmen AEP neu auf dem Großhandelsmarkt. Der Sitz: Alzenau bei Aschaffenburg. Das Konzept: günstige Preise. Allerdings: AEP liefert im Gegensatz zu den fünf Großen nur einmal täglich aus. Diese Frequenz ist für DAV-Chef Becker nicht genug, damit eine Apotheke ihren Versorgungsauftrag optimal und konsequent erfüllen kann.

"Wer nur eine Lieferung pro Tag anbietet, wird von vielen Apothekern nur als Ergänzungslieferant gesehen werden", sagt er. Mindestens zweimal am Tag müsse eine Anlieferung mit Medikamenten erfolgen; seine Pforzheimer Nordstadt-Apotheke wird dreimal täglich von einem Karlsruher, zweimal täglich von einem Ludwigshafener Grossisten angesteuert.



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