Die Frühstücksangebote der Möbelhändler, einst gedacht, um zahlungskräftige Kunden ins Haus zu locken, sind längst zu Selbstläufern geworden, die tagtäglich ein buntes Publikum anziehen.

Die Szene ruft Erinnerungen an längst vergangene Schlussverkaufszeiten wach: Vor der Ikea-Filiale in Hamburg-Schnelsen herrscht dichtes Gedränge, und das kurz nach 9 Uhr morgens. Viele Senioren stehen hier, junge Pärchen und Mütter mit Kindern.

Dann ist es soweit: Die Türen gehen auf. Alle strömen die schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. Von hier aus sind es nur noch wenige Meter - bis zum Restaurant. Wer im Möbelhaus frühstücken möchte, muss sich oft sputen, will er überhaupt noch einen Platz ergattern - ein inzwischen bundesweites Phänomen.

"Wie eine Familie"

In einem Möbelhaus in Sindelfingen frühstückt das Ehepaar Vrbljan zwischen Sofagarnitur und Ausstellungsküche - wie fast jeden Tag. Seit Jahren hält es dem Einrichtungshaus kulinarisch die Treue. Neben den günstigen Preisen sei es die angenehme Atmosphäre, die sie zu Stammgästen gemacht habe.

Die Frühstücksgemeinde kennt sich. "Ich fühle mich so wohl wie in einer Familie", sagt Bogdana-Maria Vrbljan und erzählt von der 99-jährigen Frau einige Tische weiter, die dieses Jahr 100 werde und dem Mann, der immer den hintersten Tisch am Fenster belege.

Die Kundschaft sei bunt gemischt, sagt Dennis Vey, Restaurantleiter eines Möbelhauses in Esslingen. Er begrüßt in seiner Cafeteria Firmenkunden angrenzender Betriebe ebenso wie Schüler, die sich in einer Freistunde einen kleinen Imbiss gönnen. Gerade in den Sommerferien gehörten viele Familien mit Kindern zur Kundschaft.

Bis zu 30 Prozent mehr Umsatz

Zwischen 150 und 250 Gästen frühstückten täglich in seinem Haus. "90 Prozent der Leute kommen nur zum Frühstück und gehen dann wieder nach Hause", sagt Vey. Die Cafeteria zahle sich dennoch aus. Studien hätten gezeigt, dass Möbelhäuser mit einem Restaurant bis zu 30 Prozent mehr Umsatz machten. "Wenn die Leute erstmal im Haus sind, dann gucken sie auch."

Die Kantinen der Möbelhäuser liegen verkehrstechnisch gut und sind - ganz wichtig für die Frühstücksgemeinde - unglaublich günstig. Für zwei Brötchen, Marmelade, Käse, Salami und eine Scheibe Lachs bezahlt man bei Ikea 1,50 Euro, den Kaffee gibt es nach dem "All-you-can-drink"-Prinzip.

Shoppen ist in der Hamburger Ikea-Filiale erst ab 10 Uhr möglich, das Restaurant öffnet schon um 9.30 Uhr. Die Frühstücker reihen sich in eine Schlange, das Tablett schon in der Hand. Drei Kassen haben geöffnet. Routiniert ziehen die Kassiererinnen Croissant, Marmelade und Orangensaft über das Band. "Morgens zum Frühstück ist der größte Stress", sagt eine, "erst am späten Vormittag lässt es wieder nach."

Gemischtes Publikum

Wer zum ersten Mal morgens ein Möbelhaus besucht, kommt aus dem Staunen oft kaum heraus - so wie die dreiköpfige Familie Reinicke aus einem kleinen Ort in der Nähe von Hannover. Tochter Laura wird vom Wintersemester an in Hamburg studieren. Ein WG-Zimmer ist gefunden, jetzt soll es eingerichtet werden.

Noch ist der Möbelkauf nicht möglich, warum also nicht erst mal ein Zwischenstopp mit Milchkaffee und Croissant? Die Atmosphäre ist den Reinickes aber unbehaglich -
man verstehe ja sein eigenes Wort kaum.

Drei Tische weiter sitzen Stammgäste. Die Seniorinnen Eva L. und Marianne S. kommen mindestens zweimal die Woche zu Ikea. Nur zum Frühstücken. Eingekauft haben sie hier noch nie. "Wenn man hier sitzt und sich gut unterhält, vergeht die Zeit wie im Flug", sagt Marianne. Der Geräuschpegel ist den Seniorinnen nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Im morgendlichen Frühstücksgewusel fühlen sie sich pudelwohl.

Teil des ganzheitlichen Einkaufserlebnisses

Punkt 10 Uhr ertönt ein melodischer Gong. Eine freundliche Frauenstimme spricht - allerdings sind nicht einmal Wortfetzen zu verstehen, so laut ist der Lärm. Man kann nur erahnen, dass das der Startschuss zum hemmungslosen Möbelshoppen war. Aber nur wenige Leute verlassen ihre Plätze. Blitzschnell sind diese neu besetzt, jeden Morgen ist das so, stundenlang.

Auch andere Möbelhäuser wie Dodenhof, Kraft und Höffner locken mit Frühstücksangeboten. "Wir bieten an unseren Standorten zwei Gastronomieeinrichtungen", sagt Dodenhof-Pressesprecherin Michaela Strube. Der Kunde kann wählen zwischen Dachgarten-Restaurant und "Fashion-Café".

Schon morgens sind die Restaurants brechend voll. "Vor allem Familien nutzen in den Ferien das Frühstück bei uns", so Strube. Die Dodenhof-Möbelhäuser liegen außerhalb der Stadtzentren, die Anreise ist lang. Daher wolle man den Kunden ein "ganzheitliches" Einkaufserlebnis bieten. Frühstück inklusive.