Ein DHL-Paketzusteller in neuer Unternehmenskleidung auf dem Weg zum Kunden.
Ein DHL-Paketzusteller in neuer Unternehmenskleidung auf dem Weg zum Kunden.
Die Lieferung am selben Tag ist ein altbekannter Wunschtraum aller E-Commerce-Strategen. Auch Amazon hat diese Marschrichtung schon lange eingeschlagen. Dennoch erregen in den USA Artikel in "Financial Times" und vor allem auf Slate.com die Gemüter: Darin wird vermutet, dass der angriffslustige Jeff Bezos das Thema "Same-Day-Delivery" in den USA im großen Stil angeht. Ein etailment-Kommentar zu einer fragwürdigen Strategie.

Anlass der Aufregung sind die zahlreichen neuen Auslieferungszentren, die Amazon in Ballungsräumen wie New York oder Los Angeles plant. Für Slate.com steht fest: Damit bereitet Amazon die Belieferung seiner Kunden in nur wenigen Stunden und gleichzeitig einen Großangriff auf den lokalen Handel vor. "Wie Amazons neuer ehrgeiziger Vorstoß in Richtung den lokalen Handel zerstören wird", heißt denn auch die reißerische Überschrift. Schon geht die Nachricht wie ein Lauffeuer durchs Land - in vielen Orten fragt sich die lokale Wirtschaft, ob auch sie von der Amazon-Offensive betroffen sein wird.

Auch deutsche Kunden innerhalb eines Tages beliefert werden 

In Deutschland bekommt die Diskussion durch aktuelle Ergebnisse der Ebay-Studie zur „Zukunft des Handels“ neue Impulse. Eine begleitende Online-Konsumentenbefragung von 1005 Personen im Juni 2012 ergab, dass 60 Prozent der Verbraucher noch mehr online und mobil bestellen würden, wenn die Ware noch am selben Tag geliefert würde. Laut Studie halten Experten und auch die Mehrheit der Verbraucher (70 Prozent) eine Lieferung innerhalb weniger Stunden für möglich, wenn der Händler über eine Präsenz in der jeweiligen Stadt verfügt.

Am dringlichsten brennt dem Online-Lebensmittelhandel das Thema auf den Nägeln, der die Herausforderung wahrscheinlich meistern muss, wenn er erfolgreich in den Frischebereich vorst0ßen will. Der Feinkosthändler testet Same-Day-Delivery zurzeit im Rahmen eines Pilotprojekts in Köln. 

Same-Day-Delivery kann viele Probleme bereiten

Steht also die Logistik-Revolution vor der Tür? Die Angst der stationären Einzelhändler (und auch der kleinen Onlinehändler!) ist übertrieben. Erst einmal: Same-Day-Delivery gibt es ja längst, es heißt bei Amazon nur "Evening Express". Den Start machten 2009 die Städte Berlin und Frankfurt, später kamen München, Stuttgart, Köln sowie diverse Ruhrgebietsstädte hinzu (hier die entsprechenden Postleitzahlbereiche). Wer bis 11 Uhr bestellt und einen Aufpreis von 13 Euro (Prime-Kunden: 5 Euro) zahlt, bekommt die Ware am selben Tag zwischen 18 und 21 Uhr zugestellt. Die Handelslandschaft wurde dadurch bislang nicht aus den Angeln gehoben. 

Amazon-Logistikzentrum in Leipzig: Same-Day-Delivery erhöht den Druck
Amazon-Logistikzentrum in Leipzig: Same-Day-Delivery erhöht den Druck

 Hinzu kommen diverse Probleme, die die schnelle Lieferung nach sich zieht: Erzieht man die Kunden, die das sicherlich wollen, in Richtung Same-Day-Delivery, können horrende Kosten auf den E-Commerce zukommen, weil neue Logistik-Stützpunkte errichtet werden müssen. Diese fressen dann die Kostenvorteile teilweise wieder auf, die man eigentlich durch den Verzicht auf lokale Geschäfte erzielt hat. Zudem sinken die Möglichkeiten, Waren in Transporten zu bündeln, weil ja alles sehr schnell gehen muss - das erhöht die Zahl der DHL- und UPS-Wagen auf den Straßen erheblich. Vor allem sollte das - unter anderem von Günter Wallraff angestoßene - Thema soziale Verantwortung nicht vernachlässigt werden: Schon jetzt ist der Druck auf die Mitarbeiter in den Logistikzentren bisweilen außerordentlich hoch. Same-Day-Delivery würde den Logistikprozess zu einem ständigen Kampf gegen die Uhr machen.

Und, mal ganz allgemein gefragt: Wollen wir das Warten wirklich völlig verlernen?

(Fotos: DHL, Amazon)