Amazon: Ausnahme nicht die Regel
Amazon: Ausnahme nicht die Regel
Zustände bei Amazon: Ausnahme, nicht die Regel.

Ich selbst komme aus der operativen Logistik. Güter von A nach B wuppen zu lassen ist allgemein keine Kuschelzone. Operatives Geschäft "gegen die Uhr" ist mitunter ein rauhes Gewerk, in dem es wenig Platz für die eigenen Befindlichkeiten gibt. Und für die der anderen. Entsprechend gestaltet sich der Umgang miteinander. Man braucht ein dickes Fell. Und wenn man sich das zugelegt hat, lässt einen vieles kalt, das andere empört: Die "Fälle" bei GLS und Zalando? Kenne ich. Das gibt es. Ist aber nicht die Regel. Amazon ist in Sachen "Zustände" offensichtlich aber nochmal eine eigene Liga: Ich habe mir die ARD-Doku jetzt zweimal angeschaut, mich geärgert und auch geschämt. Als Kunde, aber auch als Fachmann: "Wenn das die Runde macht, dann könnten Verbraucher denken, dass das überall so läuft."

Warum das nicht so ist, was solche Zustände überhaupt erst möglich macht und warum jede Empörung darüber berechtigt ist.

Logistik ist kein "schwarzes Schaf"

"Dulden wir nicht, gibt es bei uns nicht." Und: "Wussten wir nicht". So schallt es jetzt aus lauwarmen Pressemitteilungen von Amazon. Könnte man sogar fast glauben. Denn: Logistik ist eine klassische Subunternehmer-Branche: Man kann alles mieten, leasen, outsourcen. Man braucht keine eigene Fuhrparkflotte, keine Lager-Infrastruktur, Arbeiter, etc. Operiert man aber so am Markt, dann braucht man jedoch eines: Kontrolle. TQM. Richtiges, nicht das auf dem Papier, auf dem man sich gegenseitig bescheinigt, alles richtig zu machen. Sondern unangekündigte Kontrollen in hoher Frequenz, die zu jeder Zeit stattfinden können. Und Restriktionen: "Der Weg in die Herzen der Unternehmer führt nicht über Vertrauen und Einsicht, sondern über ihr Portemonnaie." Goldene Regel. Gilt immer. Jeder gute Logistikdienstleister am Markt verfährt so. Nicht um seine Unternehmer zu drücken, sondern um die Kontrolle über seine Prozesse nicht zu verlieren. QM in der Logistik ist also ein alter Hut. Übertragen auf den Fall Amazon bedeutet das: Entweder man hat seinen Laden nicht im Griff, wusste also nichts von diesen Abläufen, oder aber man kannte sie und hat sie geduldet. Ein entsprechendes Urteil muss jeder für sich selbst fällen. Fakt ist aber: Was in der Doku dargestellt wird ist nicht repräsentativ für das Logistikgewerbe in Handel und Transport. In anderen Unternehmen herrschen andere Sitten. Bessere.

"Ambivalenz" ist ein Totschlagargument

Neben der allgemeinen Empörung taucht immer wieder der Klageruf auf: "Ihr habt es ja nicht anders gewollt. Geiz ist halt ungeil und wenn ihr es besser wollt, müsst ihr mehr bezahlen. Außerdem kennt ihr ja bereits Kik, Foxconn und Co. Ihr wisst, was läuft." Derlei Vorwürfe sind jedoch wohlfeil: Zum einen haben die meisten Verbraucher keine Ahnung von Wirtschaft. Gar keine. Sie kennen oft nichtmal den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn, geschweige denn interne Prozesse in einzelnen Branchen. Heißt: Sie handeln im Vertrauen. Sie verlassen sich darauf, dass sich ein Unternehmen mit einem entsprechenden Markenimage wie Amazon auch im Punkt Social Responsibility angemessen verhält. Das ist nicht moralisch ambivalent, sondern legitim. Zum anderen sind Kik, Foxconn und Co weit weg. Natürlich weiß jeder, was in Bangladesch und in China los ist.

Bad Hersfeld jedoch ist kein Ort in irgendeiner Ecke der Welt, die gerade ihre frühkapitalistische Phase durchlebt, sondern direkt vor unserer Haustür.

Im ehemaligen Land der sozialen Marktwirtschaft. Genau das ist der entscheidende Unterschied, der in diesem Fall jede Form von Empörung rechtfertigt.

Weiterführende Links
Amazon reagiert auf ARD-Reportage: "Wir dulden keinerlei Einschüchterung" – etailment.de
ZDF-Enthüllung: Die verlogene Empörung über Amazon, Zalando und Co - etailment.de
Arbeitsbedingungen: Amazon im Ausnahmenzustand - faz.net
Fernsehkritik: Leiharbeiter bei Amazon: Made in China - faz.net
Empörung über Amazon: Chancen im Handel - faz.net
ARD-Dokumentation über Leiharbeiter: Amazon im Shitstorm - sueddeutsche.de